Am runden Tisch: Fünf Thesen zur NFC South

Ein Quarterback-Wechsel in Tampa Bay, ein Rundum-Ausmisten in Carolina – vieles ist neu in der NFC South. Können Brady und Arians die Vormacht der Saints ins Wanken bringen oder bleiben diese vorne und können endlich Angriff auf die Lombardi nehmen?

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Viel hat sich geändert in der NFC South, einiges ist jedoch auch beim Alten geblieben. Die Falcons und Dan Quinn versuchen noch immer ihr Super-Bowl-Mojo wiederzufinden, in New Orleans sind noch immer (aber vielleicht zum letzten Mal) Brees und Payton am Ruder. Wir haben unseren Autoren ein paar Thesen zum Fraß vorgeworfen, um diese Division zu sezieren.

1.) Teddy Bridgewater ist der fünftbeste Quarterback der NFC South.

Martin von Rötel: Diese Aussage kann man vertreten, wenn man großer Fan von Jameis Winston ist. Brady, Brees und Ryan sind klar vor Teddy Bridgewater. Der einzige Backup, der allerdings über Bridgewater genannt werden könnte, ist Jameis Winston, neuer Backup-QB der Saints. Ich persönliche traue Bridgewater eine starke Saison zu und hoffe, dass Joe Brady einiges aus ihm rauskitzeln kann. Vielleicht bringt er ihn sogar dazu, den Ball tief zu werfen, seine Completion Percentage war dort im vergangenen Jahr im oberen Bereich der Quarterbacks (bei 5 Spielen als Starter). Winston hat sein Genie schon bewiesen, allerdings auch seinen Wahnsinn. Die Entscheidungsfindung bei Winston ist teilweise so gruselig, da nehme ich lieber Teddy B. Also, Bridgewater als Quarterback Nummer vier in der Division!

Jessica Fehlhaber: Ich halte Bridgewater zwar für talentierter als manchen Liga-Starter, aber manchmal lässt sich das Talent nicht komplett ausreizen. Er macht wenig Fehler, aber den großen Wurf sehe ich nicht mehr. Da bietet Winston sehr viel mehr – wenn man es schafft, dessen Fehler zu minimieren.

Jonas Stärk: Dass Brady, Brees und Ryan besser als Bridgewater sind, steht außer Frage. Bei Winston halte ich dagegen. Grundsätzlich sind beide schwer zu vergleichen, da sie komplett gegensätzliche Spielertypen sind. Zudem bekam Teddy seit seiner Verletzung vor der Saison 2016 nicht mehr die Chance, als unbestrittener Starter in die Saison zu gehen. Ich sehe die Chance, dass er einige Fans und Experten mit einer guten Saison überraschen wird.

Thomas Psaier: Und das ist keine Schande. Brady und Brees sind All-Timer und auch mit etwas nachlassender Physis wohl noch immer in Reichweite der Top-5 bis Top-10. Matt Ryan ist ein ehemaliger NFL MVP, der jederzeit zünden kann. Und bei Jameis Winston würde mich nix überraschen – auch nicht, wenn er diese Saison als Superbowl-MVP beendet.

2.) Bruce Arians und Byron Leftwich sind größere Risikofaktoren für den Erfolg der Bucs als ein möglicher Decline von Brady.

Jonas Stärk: Vieles wird darauf ankommen, wie flexibel beide in ihrem System sind. Immerhin haben Arians und Leftwich in Interviews schon angekündigt, ihr System für Brady anpassen zu wollen. Zwar ist Brady grundsätzlich in der Lage, in vertikalen Konzepten auch zu funktionieren, seine größten Stärken liegen aber im Kurzpassspiel. Zudem verlangt die Air-Coryell-Interpretation von Arians viele tiefe Dropbacks in sich langsam entwickelnden Pass-Konzepten. Das ist ohne ein Mindestmaß an Mobilität schwierig. Bewegen sich Arians und Leftwich nicht genügend auf Brady zu, könnte dieser trotz einer insgesamt guten Offensive Line viele Hits kassieren.

Martin von Rötel: Ja und nein zugleich. Brady wird viele Freiheiten in der Offense zugesprochen bekommen haben. Sollte Bradys Spiel doch unter seinem Alter leiden, müssen die Coaches reagieren und umstellen. Ob Brady das gefallen würde? Ist dies nicht der Fall und Brady wird das Spiel wie sonst auch spielen, dann dürfte Byron Leftwich mehr zuarbeiten als bestimmen.

Thomas Psaier: Nein. Brady ist 43 und muss trotz aller Wucht im Receiving-Corps und trotz einer potenziell guten Defense noch immer sehr gut spielen, um seine Schäfchen in der NFC South ins Trockene zu bringen. Leftwich mag ein Fragezeichen sein, aber Arians ist der Chef und schlau genug, um seine Offense so nah wie möglich an das heranzubringen, was Brady am meisten taugt – ohne die Stärken der eigenen Konzepte komplett aufzugeben.

Jessica Fehlhaber: Wichtig ist es, die gemeinsame Basis zu finden, die Offense der letzten Saison lässt sich mit Brady unmöglich spielen, da muss man nun andere Wege gehen und bspw. die überdurchschnittlichem Tight Ends integrieren, auch wenn Arians da nicht unbedingt bekannt für ist. Das Risiko ist für mich diese gemeinsame Basis zu finden.

3.) Wenn jemand trotz einer Corona-Offseason eine funktionierende Offense auf die Beine stellen kann, dann ist es Sean Payton.

Thomas Psaier: Yep. Payton ist einer der erfindungsreichsten Coaches, der ähnlich wie die Coaches in New England immer darauf bedacht ist, die Stärken der ihm vorgesetzten Spieler zu maximieren. Ich traue ihm auch zu, in einer Corona-Offseason Offense-Playbooks für Kurzpass-Brees, Offensive-Weapon-Hill und 30-for-30-Jameis zu installieren.

Jonas Stärk: Es steht außer Frage, dass Sean Payton eines der besten Offensive Minds in der NFL ist. Zudem haben die Saints den Faktor Kontinuität auf ihrer Seite. Diese ist besonders in dieser Corona-Offseason extrem wichtig. Abgesehen von Rookie César Ruiz muss der amtierende Champion der NFC South kaum neue Spieler in ihre Offense integrieren. Auch Quarterback Drew Brees sollte mit seiner Erfahrung sehr hilfreich sein.

Jessica Fehlhaber: Letztlich haben die Saints auf dem Papier alles, was man braucht und keine drastischen Veränderungen. Ein Rookie in Cesar Ruiz und mit Emmanuel Sanders einen neuen, aber sehr routinierten Receiver. Der Rest ist gleich geblieben und Sean Payton/Pete Carmichael stehen fachlich außerhalb jeder Diskussion.

Martin von Rötel: Die Offense ist nahezu komplett intakt geblieben und die Offseason wird wenig Einfluss auf die Abstimmung zwischen Brees und seinen Waffen wie Thomas und Cook haben. Emmanuel Sanders hat im vergangenen Jahr bewiesen, wie schnell er sich in eine neue Situation akklimatisieren kann. Ich glaube schon, dass Payton dort kein Alleinstellungsmerkmal hat, er die Offense aber definitiv gut vorbereitet bekommt.

4.) Wenn Dan Quinn nach dieser Saison gefeuert wird, ist das drei Jahre zu spät.

Jessica Fehlhaber: Ja. Auch wenn es nochmal für die Playoffs reichte, war der Qualitätsverlust von Shanahan zu Sarkisian gewaltig und hätte früher behoben werden müssen. Dazu wurde die Defense, der Quinn ja mehr zugeneigt ist, stets von der Offense über Wasser gehalten, war stets unterdurchschnittlich. 2018 war sie dann schon eher katastrophal und Quinns Doppelrolle als HC und DC führte vergangene Saison auch zu keiner nennenswerten Besserung. Ich sehe einfach nicht, was für ihn spricht.

Thomas Psaier: Nein. Die magische Zahl ist „vier“.

Martin von Rötel: Nach der Super Bowl Niederlage gegen die Patriots kam eine weitere gute Saison, in der man in der Divisional Round gegen die Eagles ausschied, aber zumindest noch die Playoffs erreichte. Danach folgten zwei 7-9 Seasons, welche teilweise noch schlechter hätten ausgehen müssen. Quinn hat letztes Jahr wohl selber jeden Tag mit seinem Rauswurf gerechnet, während sein Team mit einem 1-7 Record in die Bye Week ging. Er rettete sich – oder das Team rettete ihn. Positiv war das eher nicht, Quinn ist auch dieses Jahr wieder auf dem Hot Seat. Eine positive Entwicklung ist auch nicht zu erkennen.

Jonas Stärk: Drei Jahre zu spät finde ich falsch. Immerhin wiesen die Falcons nach der Saison 2017 zwei aufeinanderfolgende Play-Off-Trips auf, von denen der erste bis in den Super Bowl führte. Trotzdem hat Quinn die Mission seiner Amtszeit klar verfehlt. Immerhin war er als ehemaliger Defensive Coordinator der Seattle Seahawks (2013-2014) mit dem klaren Auftrag geholt worden, die desaströse Defense der Falcons zu sanieren. Die Ränge 22, 26, 22, 31 und 20 laut Defensive DVOA in seiner Amtszeit sind diesbezüglich schlicht ungenügend. Eine weitere Saison mit negativer Bilanz kann sich Dan Quinn nicht leisten.

5.) 2020 ist die vorerst letzte Titel-Chance der Saints.

Martin von Rötel: Schwierig. Das Team wird „alt“, Drew Brees vorne weg, Cameron Jordan oder auch Jared Cook. Allerdings draften die Saints in den letzten Jahren meiner Meinung nach sehr schlau und verbessern ihr Team stets sehr gut. Die Defense hat einige junge Spieler mit viel Potenzial. Doch die wichtigste Position könnte neu besetzt werden müssen, sollte Brees aufhören. Reicht Jameis, wenn Brees weg ist? Oder gar Taysom Hill? Ich denke nicht. Die Saints sollten alles auf 2020 setzen.

Thomas Psaier: Es sei denn, GM Mickey Loomis findet erneut einen Weg aus der Cap-Misere. Aber es sieht eher schwierig aus: Bei angenommenen 175 Mio. Cap-Space sind die Saints Stand jetzt 80 Mio. über der Salary-Cap 2021. Es gibt nicht viele offensichtliche Einsparungen – also würde es nicht ohne Personalwechsel gehen.

Andererseits: Tampa hat dann einen 44-jährigen Brady, Carolina ist noch ein Jahr entfernt und ob Atlanta seine Defense bis dahin gefixt hat? Plötzlich wäre New Orleans nur die Quarterback-Frage von NFC-South-Contention entfernt…

Jessica Fehlhaber: Wahrscheinlich schon. Die Cap-Situation ist nochmal etwas ernster als bei den Eagles und Drew Brees nun eben schon 41 – der Decline ist einfach sichtbar. Man wird nicht ewig um die sichtbaren Schwächen wie der sinkenden Armstärke herumdoktern können, insofern wird es auch interessant, was man mit Winston vorhat, der da eine ganz andere Qualität mitbringt (neben seinen Problemen). Aber ob dieses Tandem über 2020 hinaus funktioniert, ist auch fraglich. Bei Erfolg würde Winston deutlich teurer und natürlich auch für andere interessanter werden und könnte die NFC South verlassen.

Jonas Stärk: Dass für die Saints nach Drew Brees ein harter Umbruch kommt, ist schon lange bekannt. Diesen schieben die Saints seit Jahren mit extremer Cap-Akrobatik vor sich her. Durch die drohende Reduzierung des Salary Caps, könnte dieses Kartenhaus in der kommenden Offseason jedoch einstürzen. Bereits ohne die Reduzierung wären die Saints nach dem aktuellen Stand für 2021 mit fast 40 Millionen Dollar im Minus. Dazu laufen bis zu 34 (!) Verträge aus. 26 davon wären Unrestricted Free Agents. Dem Kader droht also schon vor dem Vertragsende von Drew Brees ein massiver Substanzverlust. Hier könnte sich auch die diesjährige Draft-Strategie mit aggressiven Up-Trades rächen. Schließlich ist Draft-Kapital noch wichtiger, wenn es beim Salary Cap fehlt. In New Orleans setzt man also alles auf die Karte 2020.

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