Falcons 2020: Letzte Chance für Dan Quinn?

Nach der Seuchensaison 2019 wurde die Kritik an Head Coach Dan Quinn langsam lauter. Dennoch geben ihm die Falcons eine weitere Chance. Es könnte seine letzte sein.

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Würde man sich nur den Draft-Status der einzelnen Spieler anschauen, könnte man denken, die Falcons hätten einen der stärksten Kader der Liga. Insbesondere die Offense ist mit ehemaligen First Round Picks gespickt. In der letzten Saison merkte man davon aber wenig. Das Team von Head Coach Dan Quinn schloss die Saison mit einem ernüchternden 7-9 Record ab.

Offense:

Matt Ryan auf Quarterback und ein insgesamt gutes Receiving Corps? Das klingt eigentlich nach einer guten Offense. Dennoch kam die Offensive der Atlanta Falcons in der vergangenen Saison nur auf den 15. Platz laut dem Football Outsiders DVOA. Durch viele Sacks und Turnover brachte sich die Unit immer wieder in schlechte Situationen.

Quarterback:

Nein, leicht hatte es Matt Ryan in der vergangenen Saison wirklich nicht. Besonders die schlechte Pass Protection in Kombination mit Dirk Koetters Schema machten dem Spielmacher zu schaffen. So ist es nicht überraschend, dass Ryan statistisch nicht annähernd an seine gewohnten Werte herankam. Platz 17 beim EPA pro Play (0,07), die zehntbeste Completion Percentage over Expectation (+0,9) und die zwölftbeste Success Rate (48%) sprechen eher für die Leistung eines durchschnittlichen Quarterbacks.

Dabei war Ryan insgesamt über die letzte Dekade einer der effizientesten Quarterbacks der Liga. Auch die nötige Aggressivität für die vertikale Offense von Dirk Koetter bringt er mit. Frühe Rückstände und die löchrige Offensive Line trieben Ryan aber in ungewohnt viele Fehler. Die Umstände in der neuen Saison dürften kaum besser werden.

Offense Skill Positions:

Julio Jones gegen die Patriots. Quelle: https://flic.kr/p/21CYJDF

Die erste Reihe der offensiven Waffen liest sich eigentlich sehr positiv. Julio Jones ist und bleibt der wohl kompletteste Receiver der NFL. Auch in der kommenden Saison ist er wohl nur durch eine Verletzung aufzuhalten. Mit Calvin Ridley haben die Falcons zudem eine starke Nummer zwei. Besonders in der Redzone ist Ridleys Route Running eine wichtige Waffe. Durch den Fokus gegnerischer Defenses auf Jones bekommt der 2018er Erstrundenpick vorteilhafte Match-Ups. Mit Russell Gage haben die Falcons noch einen zuverlässigen Slot Receiver. In der Tiefe dahinter wird es jedoch sehr schnell finster. Spieler wie Olamide Zaccheaus, Blake Christian oder der in Minnesota krachend gescheiterte Laquon Treadwell wären kaum in der Lage, eine mögliche Verletzung eines Starters zu kompensieren.

Weniger rosig sieht es bei den Tight Ends aus. Austin Hooper hat das Team in Richtung Cleveland verlassen. Als Ersatz holten die Falcons Hayden Hurst von den Baltimore Ravens. Der ehemalige Erstrundenpick ist grudsätzlich ein zuverlässiger Receiver. In Baltimore kam er aber nicht an Mark Andrews vorbei. In Atlanta sollte er deutlich stärker genutzt werden. Ein spürbares Downgrade gegenüber Hooper ist er aber dennoch. Zudem fehlt es auch der Tight End Gruppe an Tiefe.

Auf Running Back verpflichteten die Falcons Todd Gurley als Ersatz für Devonta Freeman. Gurley ist auch als zuverlässiger Passempfänger aus dem Backfield einsetzbar. Wegen seiner Knieprobleme ist die Verpflichtung allerdings riskant.

Offensive Line:

Nie zuvor in seiner Karriere kassierte Matt Ryan so viele Sacks wie in der vergangenen Saison. Dennoch hat die Offensive Line mit Left Tackle Jake Matthews und Center Alex Mack zwei zurecht prominente Mitglieder. Auch die Rookie-Saison von Right Guard Chris Lindstrom war nach seiner Verletzung sehr vielversprechend. Auf Left Guard und Right Tackle hatten die Falcons jedoch zwei riesige Schwachstellen. Rookie Kaleb McGary wirkte auf Right Tackle besonders in Pass Protection überfordert. In Jahr zwei ist hier ein großer Schritt nach vorne notwendig. Auch James Carpenter ist auf Left Guard alles andere als eine Wunschlösung. Die Offensive Line der Falcons ist das beste Beispiel dafür, dass eine Gruppe von fünf mindestens durchschnittlichen Startern wesentlich wertvoller ist als eine Unit mit zwei Stars aber großen Schwachstellen daneben.

Offensive Coaching:

OC DIrk Koetter mit QB Matt Ryan. Quelle: https://www.flickr.com/photos/atlantafalcons/7664763748/

Offensive Coordinator Dirk Koetter geht in die zweite Saison seit seiner Rückkehr nach Atlanta. Auch er steht nach der vergangenen Saison unter Druck. Positiv ist, dass Koetter auch bei frühen Downs auf eine hohe Pass-Rate setzt. Mit seinen vertikalen Pass-Konzepten ist er jedoch maßgeblich für die Probleme der O-Line mitverantwortlich. Hält die Protection nicht, fehlt Koetter der Plan B, was unweigerlich zu Fehlern führt. Im Running Game setzt der ehemalige Buccaneers Head Coach auf eine Mischung aus Outside- und Inside Zone Konzepten. Bei einer möglichen Entlassung von Dan Quinn wäre wohl auch Koetter nicht zu halten.

Defense:

Noch enttäuschender als in der Offense verlief die Saison für die Verteidigung. Die Defense von Head Coach Dan Quinn belegte in der vergangenen Saison beim DVOA nur Platz 20. Besonders in der Passverteidigung sah man erneut schlecht aus. Ein großer Umbau blieb aber aus.

Defensive Front:

Den teuersten Neuzugang der vergangenen Off-Season verzeichnete der Pass-Rush der Atlanta Falcons. Dante Fowler jr. kommt nach einer produktiven Saison mit den Rams nach Georgia. In Dan Quinns 4-3 Under Front dürfte er flexibel als Strongside Linebacker und Weak Side End eingesetzt werden. Sein Gegenüber Takkarist McKinley konnte auch in seiner dritten Saison die Erwartungen kaum erfüllen. Als Strong Side Defensive End wird Allen Bailey wohl die Aufgaben von Adrian Claybourne übernehmen. Besonders als Pass-Rusher ist der 33-jährige aber harmlos. Mit Charles Harris und John Cominsky haben die Falcons immerhin zwei weitere solide Rotationsspieler im Kader.

Tom Brady passt unter Bedrängnis von Grady Jarrett in Super Bowl 51. Quelle: https://www.flickr.com/photos/44865407@N07/38667867046/

Etwas besser sieht es in der Mitte der Defensive Line aus. Grady Jarrett bleibt einer der unterbewertetsten inside Pass-Rusher der Liga. Neben ihm stellen die Falcons mit Tyeler Davison einen soliden Nose Tackle. Als Pass-Rusher ist er jedoch ungefährlich. Rookie Marlon Davidson könnte in der Front sowohl als Three-Technique als auch als Strong Side End Snaps bekommen.

Auch die Linebacker-Reihe ist insgesamt ordentlich Dion Jones ist einer der besseren jungen Middle Linebacker der Liga. Sein Nebenmann Foyesade Oluokun ist ein solider All-Around Linebacker. Auch Deonne Bucannon könnte als Rotations-Spieler eine kleine Rolle haben. Wie auf vielen anderen Positionen im Kader fehlt aber auch hier die Tiefe.

Secondary:

Die Pass-Defense war schon in der vergangenen Saison die große Achillesferse des Teams. Der Abgang von Desmond Trufant macht die Lage deutlich prekärer. Zwar nutzten die Falcons ihren Erstrundenpick für seinen Nachfolger. Nach der verkürzten Off-Season muss man aber Startschwierigkeiten bei A.J. Terrell erwarten. Die größte Schwäche bleibt aber der zweite Platz bei den Cornerbacks. Isaiah Oliver behält trotz anhaltend schlechter Leistungen seinen Platz als Starter. Im Slot sollte Neuzugang Darqueze Dennard ein deutliches Upgrade gegenüber Kendall Sheffield darstellen.

Auf Safety hoffen die Falcons auf eine dauerhafte Rückkehr von Keanu Neal. Der Strong Safety hatte in den letzten beiden Jahren mit Verletzungen zu kämpfen. Verletzungsfrei ist er besonders gegen den Lauf stark. Um den Platz als Free Safety duellieren sich die beiden letztjährigen Starter Ricardo Allen und Damontae Kazee. Letzterer scheint hier die Nase vorne zu haben. Beide sind grundsätzlich solide Passverteidiger. In der vergangenen Saison spielten aber beide klar unter ihren Möglichkeiten.

Defensive Coaching:

Durch die Verpflichtung von Dan Quinn im Jahr 2015 sollte die damals grausame Defense auf einen besseren Weg geführt werden. Immerhin kam er mit der Empfehlung von zwei aufeinanderfolgenden Nummer eins Defenses als Defensive Coordinator der Seattle Seahawks. Seine angetretene Mission scheiterte bisher aber kläglich. Erst in seiner fünften Saison schaffte es seine Defense erstmals in die Top 20. Für einen defensiv ausgerichteten Head Coach ist das viel zu wenig. Auch den Super Bowl Run 2016 hatte er wohl eher seinem damaligen Offensive Coodinator Kyle Shanahan zu verdanken. Sollte auch in der kommenden Saison kein echter Fortschritt erkennbar sein, wird er seinen Job wohl zurecht verlieren.

Schematisch setzt Dan Quinn auf eine 4-3 Under Front. Durch den vorgezogenen Strong Side Linebacker (LEO/REO in einer 4-3 Under) wirkt die Front oft wie eine asymetrische 3-4. Auf der Weak Side spielen der End und der 3-Technique Defensive Tackle wie in einer 4-3 üblich als One-Gap-Shooter. Der Nose Tackle und der Strong Side End müssen hingegen zwei Gaps verteidigen. Da der Weak Side Linebacker und der Middle Linebacker durch die vorgezogene Rolle des Strong Side Linebackers mehr Raum abdecken müssen, als in einer gewöhnlichen 4-3, setzt man auf leichtere und beweglichere Linebacker.

Für das Backfield hat Dan Quinn das Cover-3-System aus Seattle mitgebracht. In den vergangenen Jahren wurde aber auch immer häufiger Man-Coverage eingebaut. Sollte Keanu Neal fit bleiben, könnten die Falcons auch häufiger mit Drei-Safety-Sets agieren.

Team Projection:

Sechs Siege aus den letzten acht Spielen, vier Siege in Folge zum Ende der Saison! Man könnte meinen, der Schlussspurt der Falcons 2019 würde einen positiven Ausblick auf die Saison 2020 bedeuten. Der Run zum Ende der Saison spiegelt die Stärke des Kaders aber wohl genauso wenig wieder wie die 1-7 Bilanz in der ersten Saisonhälfte. Die Atlanta Falcons 2019 waren ein maximal durchschnittliches Team. Dieses wurde in der vergangenen Off-Season aber kaum verbessert. Stattdessen wurden die Fragezeichen in der Secondary größer. Auch die aussagekräftigsten Regressions-Indikatoren sind eher neutral. Mit einem Quarterback wie Matt Ryan werden die Falcons auch die kommende Saison nicht unter den schlechtesten Teams abschließen. Wegen großer Schwachstellen in der O-Line, dem Pass-Rush und der Secondary und einem brutalen Spielplan, sehe ich die Falcons aber erneut maximal bei sieben Siegen. Für Dan Quinn und Dirk Koetter dürfte das nicht für die Jobsicherung reichen.

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