Couch Referee: Week 1

Kaum etwas wird im Sport so kontrovers und emotional diskutiert wie Entscheidungen der Schiedsrichter. In dieser Kolumne geht es wöchentlich um die kontroversesten Referee-Calls des Spieltags.

0
492
4.8
(17)
Lesezeit: 5 Minuten

Nein, zu beneiden sind die Referees der NFL wirklich nicht. Nur wenige Sportarten haben ein derart komplexes Regelwerk. So kommt es unweigerlich immer wieder zu extrem kontroversen Entscheidungen. Die Diskussionen darüber führen Fans und Journalisten oft sehr emotional und nicht selten mit nur sehr geringer Regelkenntnis. Den wohl größten Aufreger des Wochenendes gab es in der Partie zwischen den Dallas Cowboys und den Los Angeles Rams.

Pass Interference gegen Michael Gallup

Der Sieg der Los Angeles Rams gegen die Dallas Cowboys war eine der größeren Überraschungen des ersten Spieltags. Die Cowboys wurden von vielen vor dem Saisonstart als ernsthafter Kandidat für die NFC Championship gesehen. Besonders die Offense von Neu-Head Coach Mike McCarthy funktionierte jedoch noch nicht wirklich. Beim Stand von 17:20 bekam Dallas jedoch noch eine letzte Chance, um das Spiel zu drehen oder zumindest auszugleichen. Rund eine halbe Minute vor dem Ende fand Quarterback Dak Prescott seinen Receiver Michael Gallup mit einem tiefen Pass. Dieser hätte die Cowboys in die Reichweite für ein Field Goal gebracht. Von den Referees flogen jedoch Flaggen – Die Entscheidung: Offensive Pass Interference!

Quelle: NFL Gamepass

Die Crew entschied, dass Gallup Rams Cornerback Jalen Ramsey durch einen Schubser mit seinem rechten Arm aktiv an einem Empfang des Passes behindert haben soll. In dem oben sichtbaren Clip erkennt man, dass Gallup seinen Handrücken leicht gegen Ramsey drückt. Dieser fängt während des Spielzuges schon an zu protestieren und bekommt von den Schiedsrichtern Recht. Aus Sicht der Cowboys war dies jedoch zu wenig für ein Foul.

Grundsätzlich gilt, dass sich ein Spieler nicht durch einen ausgestreckten Arm gegen den Gegner Platz verschaffen darf. Allerdings muss für eine Pass Interference eine klar sichtbare Behinderung des Gegners vorliegen. Der Kontakt alleine reicht also nicht aus. In dem Video sieht man jedoch, dass Ramsey durch den leichten Druck von Gallup kaum Geschwindigkeit verliert. Somit behindert die Armbewegung des Receivers Ramsey kaum. Die Entscheidung der Referees ist also nicht nur kleinlich, sondern schlicht falsch.

Ein gutes Beispiel für die richtige Regelauslegung lieferte hingegen die Crew um Clay Martin in Cincinnati…

Auch diese Entscheidung kam kurz vor Schluss in einem knappen Spiel. Quarterback Joe Burrow fand seinen Receiver A.J. Green auf einer kurzen Comeback-Route für den vermeintlichen Game-Winner. Allerdings drückte Green seinen Gegenspieler an der Spitze der Route deutlich weg. So verschaffte sich der Receiver den nötigen Platz für den Catch. Chargers Cornerback Casey Hayward hatte durch den Schubser keine Chance mehr, den Catch-Point zu erreichen. Die Schiedsrichter entschieden deshalb folgerichtig auf Pass-Behinderung.

Die Kunst des Fingerspitzengefühls

Pass Interference ist eines der am häufigsten diskutierten Fouls im Football. Die Regeln und Bedingungen für das Foul sind vielfältig und der Interpretationsspielraum groß. Oft sind es kleine und für den Fan nur schwer sichtbare Berührungen, die zu einem Foul führen. Allerdings wird auch nicht jeder kleine Verstoß geahndet. Beidseitige Behinderungen und leichter Kontakt werden oft nicht gepfiffen. In einem Vortrag sagte ein aktueller NFL-Referee mal treffend: “Würde man jeden Regelverstoß minuziös ahnden, wäre kein NFL Spiel kürzer als sechs Stunden”. Genau dadurch entstehen aber die größten Diskussionen zwischen den Fans. Schließlich möchte jeder bei Regelverstößen des Gegners in jedem Fall eine Flagge sehen. Entscheidungen gegen das eigene Team werden hingegen gerne als zu kleinlich abgetan.

Die Referees haben in diesen Situationen einen großen Spielraum für Interpretationen. Liegt ein Regelverstoß vor, muss entschieden werden, ob dieser auch tatsächlich eine Behinderung für den Gegner darstellt. Auch relevant ist, ob die Behinderung tatsächlich einen Einfluss auf den Ausgang des Spielzuges hat. Ein Holding 20 Yards entfernt vom Ball, welches den Spielzug nicht beeinflusst, sollte trotz offensichtlichem Regelverstoß also nicht geahndet werden.

Die Findung einer klaren und verständlichen Linie ist die wohl wichtigste Herausforderung für die Offiziellen. Die Umsetzung erfordert viel Spielverständnis und Fingerspitzengefühl. Komplett gleichschalten kann man so genannte Judgement-Calls wie Pass Interference oder Holding aber wohl nie.

Stefanskis verpasste Challenge

Deutlich weniger Diskussionen gab es zur folgenden Situation im Spiel zwischen den Cleveland Browns und den Baltimore Ravens – wohl auch, da das Spiel in der Folge einen sehr deutlichen Ausgang hatte.

Bei 2nd&12 an der 25-Yard-Linie der Browns läuft Lamar Jackson mit dem Ball über die linke Seite. Kurz vor dem First-Down-Marker pitcht der Quarterback den Ball zu Running Back Mark Ingram, welcher das First Down erreicht. Im Broadcast-Winkel sieht es nach einem nach hinten gepitchten Ball aus. Regeltechnisch wäre das unbedenklich. Bei der Klassifizierung der Richtung eines Passes ist die Flugbahn irrelevant. Wichtig ist nur, wo der Ball die Hand des Passers verlässt und wo er als nächstes einen Spieler oder den Boden berührt.

Auf der oberen Abbildung erkennt man, dass der Ball etwa zwischen der 14- und 13-Yard-Linie die Hand von Lamar Jackson verlässt. Bei der ersten Ballberührung (untere Abbildung) befindet sich Ingram jedoch schon auf der 11-Yard-Linie. Zudem ist in dem Video vom Anfang eine klare Wurfbewegung zu sehen. Ein Fumble ist somit auszuschließen. Es handelt sich also um einen Vorwärtspass. Da dieser zwölf Yards jenseits der Line of Scrimmage ausgeführt wurde, ist er illegal.

Anders als die meisten anderen Fouls, kann ein illegaler Vorwärtspass nach dem Spielzug von den Video-Schiedsrichtern angeschaut werden. Auch eine Coaches Challenge ist somit möglich. Wäre diese erfolgreich, würde die Strafe auf die selbe Weise durchgeführt werden wie ein auf dem Feld geahndetes Foul. Ein illegaler Vorwärtspass jenseits der Line of Scrimmage hat fünf Yards Strafe vom Ort des Fouls und einen Down-Verlust zur Folge. In diesem Fall hätten die Ravens statt einem 1st&Goal von der 7-Yard-Linie ein 3rd&5 von der 18-Yard-Linie gehabt. Neu-Head Coach Stefanski hat also hier die Chance auf eine wesentlich bessere Position seiner Defense verpasst.

Horse-Collar Tackle gegen Kelce?

Auch der Saisonauftakt zwischen den Kansas City Chiefs und den Houston Texans hatte einigen Diskussionsstoff zu bieten. Kurz vor der Halbzeit packte Texans Linebacker Zach Cunningham Chiefs Tight End Travis Kelce knapp unterhalb seines Kragens. Die Referees bestraften den Texans-Defender für ein Horse-Collar Tackle.

In Regel 15 (Persönliche Fouls) steht, dass bei einem Horse-Collar Tackle der Ballträger am Kragen oder am hinteren Teil des Jerseys oberhalb der Nummer zu Boden gezogen wird. Streng nach dem Regeltext war die Entscheidung gegen Cunningham also vertretbar. Die gängige Interpretation der Regel ist aber, dass bei einem Horse-Collar Tackle der Spieler ruckartig nach hinten gerissen wird. Da Kelce jedoch vorwärts zu Boden geht, ist die Auslegung in diesem Fall fragwürdig.

Ein Beispiel für die Auslegung getreu der gängigen Interpretation lieferte die Crew um Hauptschiedsrichter Bill Vinovich in Minneapolis. Zunächst warfen sie eine Flagge wegen einem Horse-Collar Tackle gegen Eric Kendricks. Da der Vikings Linebacker allerdings Jamaal Williams nicht nach hinten zog, nahm Vinovich die Flagge richtigerweise zurück.

Allerdings war die Entscheidung in Minnesota auch deutlicher als in Kansas City. Die Aktion von Cunningham ist eher als Grenzfall zu sehen. Nach der gängigen Interpretation hätte man die Flagge wohl im Gürtel lassen sollen. Eine klare Fehlentscheidung war es aber nicht.

Hat dir der Artikel gefallen?

Klicke auf die Sterne, um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung: 4.8/5 (17 Stimmen)

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Weil du diesen Beitrag nützlich fandest...

Folge uns in sozialen Netzwerken!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Jonas Stärk
NFL- und Draft-Enthusiast, Podcaster; Im deutschen Football unterwegs als Spieler und Jugend-Coach der Bochum Rebels und als Schiedsrichter.

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen