Couch Referee: Helm-Regel und Grasp-Control

Erstmals in der Saison 2020 stand die Helm-zu-Helm-Regel im Fokus der Diskussionen. Der Grund war der Platzverweis gegen Seahawks Safety Quandre Diggs. In Indianapolis sorgte ein früher Pfiff des Referees bei den Gästen aus Minneapolis für Ärger.

0
270
4.4
(5)
Lesezeit: 4 Minuten

Wenige Regeln wurden in den letzten Jahren so kontrovers diskutiert wie die vor zwei Jahren eingeführte NFL-Version der Targeting-Regel. Spieler, Coaches, Journalisten und Fans fürchteten nach der Einführung eine grundlegende Änderung des Spiels. Diese blieb bis heute aus. Dennoch kochten nach dem vergangenen Sunday Night Spiel zwischen Seahawks und Patriots die Diskussionen wieder hoch. Der Grund? Nach einem harten Hit von Quandre Diggs gegen den Helm von N’Keal Harry wurde der Seahawks Safety von den Referees vom Feld geworfen. Viele Fans zweifelten die Richtigkeit des Platzverweises an.

Geringer Deutungsspielraum

Dabei erübrigen sich die Diskussionen relativ schnell. Anders als bei anderen Fouls, lassen sich die Entscheidungen zu dieser Regel nach relativ eindeutigen Kriterien bewerten. Trifft eines von zwei Kriterien zu, muss das Foul geahndet werden. Einen Interpretationsspielraum wie bei Pass Interference oder Holding gibt es nur sehr geringfügig.

Das erste Kriterium ist das Absenken des Kopfes, durch welches Kontakt mit der Helmkrone initiiert wird. Wo der Gegenspieler getroffen wird ist dabei irrelevant. Die gerne benutzte Bezeichnung Helm-zu-Helm ist also nicht ganz zutreffend. Das zweite Kriterium ist ein vermeidbarer Angriff auf den Hals- und Kopfbereich eines verteidigungslosen Spielers. Dieser muss nicht zwangsläufig mit dem Helm stattfinden. Auch ein Hit mit der Schulter oder jedem anderen Körperteil ist nach dem zweiten Kriterium ein Foul.

Platzverweis richtig und notwendig

Quelle: NFL Gamepass

Wendet man die oben genannten Kriterien auf die Aktion von Quandre Diggs an, ist der Fall ziemlich klar. Zwar bewegt der Safety seinen Kopf leicht zur Seite. Dennoch senkt er ihn vor dem Kontakt sichtbar ab und trifft den N’Keal Harry klar mit der Oberseite seines Helms. Auch der Patriots Receiver hat seinen Kopf leicht gesenkt. Allerdings initiiert er so nicht den Kontakt. Stattdessen hat er deutlich sichtbar seinen Blick auf dem Ball. Somit hat er keine Möglichkeit sich gegen den Hit von Diggs zu schützen. Es greift also die Definition eines verteidigungslosen Spielers. Der Hit gegen den Kopf des Receivers wäre also auch mit der Schulter zu ahnden gewesen. Wegen der Heftigkeit der Aktion und der Erfüllung beider Kriterien ist der Platzverweis mehr als nur gerechtfertigt.

Hohe Verletzungsgefahr

Die NFL-Version der Targeting-Regel fällt in die Kategorie der so genannten Player-Safety-Fouls. Das Verbot solcher Aktionen soll dementsprechend das Verletzungsrisiko der Spieler verringern. Ein spielerischer Vorteil durch die Aktion ist hingegen anders als bei Fouls wie Holding oder Pass Interference kein Kriterium bei der Bewertung der Aktion.

So hätte der Hit gegen Harry durch den starken Helmkontakt zu einer Gehirnerschütterung führen können. Diese sollen durch die Regel reduziert werden, um Langzeitfolgen für das Gehirn zu vermeiden. Doch auch andere Verletzungen sollen durch die Regel vermieden werden. Da N’Keal Harry während dem Fangprozess den Hit nicht kommen sieht, ist sein Nacken nicht auf Spannung. Im Video sieht man deutlich, wie der Kopf des Receivers stark nach hinten geschleudert wird. Bei einer derartigen Aktion kann es zu Verletzungen der Nackenmuskulatur kommen. Auch schwere und bleibende Schäden der Halswirbelsäule können durch solche Aktionen herbeigeführt werden. Dass Harry das Spiel verletzungsfrei fortsetzen konnte, war ein Glücksfall.

Auch Diggs im Glück

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass die Regel nur den Spieler schützt, welcher den Tackle abbekommt. Allerdings soll die Regel auch den ausführenden Spieler schützen. Auch für Diggs bestand ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Der Hit mit dem Helm hätte ihm ebenfalls eine Gehirnerschütterung zufügen können. Auch das Risiko einer Wirbelverletzung ist bei dieser Art Hits groß. Durch einen Hit mit einem abgesenkten Kopf kann sich die Wirbelsäule stark zusammenstauchen. Die kann im schlimmsten Fall zu Nervenschäden und Lähmungen führen. Das wohl aktuellste Beispiel ist der ehemalige Steelers Linebacker Ryan Shazier, der seine eigene Karriere durch einen Hit mit gesenktem Kopf beendete. Das blieb Diggs erspart, da er Harry an der Oberseite dessen Helms traf und sein Kopf somit nach oben abgelenkt wurde. Eine Stauchung der Wirbelsäule blieb somit aus.

Vermeidung von Targeting-Fouls

Ein von Spielern und Coaches oft genannter Kritikpunkt an der Regel ist die fehlende Chance, solche Hits zu vermeiden. Das ist jedoch eine billige Ausreden. Stattdessen bedarf es nur zwei Schritte, um solche Fouls zu umgehen. Die Positionierung des Kopfes sollte vor dem Kontakt immer in den Nacken gelegt sein. So wird eine Stauchung der Wirbelsäule vermieden. Trifft man den Gegner mit der Vorderseite des Helms oder der Facemask, wird kein Foul geahndet. Zudem hätte Diggs den Hit tiefer ansetzen sollen. Trifft er Harry unterhalb der Schultern, wird bei Receiver das Risiko von Gehirnerschütterungen und Nackenverletzungen minimiert. Deshalb sind Hits unterhalb der Schultern auch gegen verteidigungslose Spieler legal.

Verfrühter Pfiff bei Safety gegen Minnesota?

Als Fan eines Teams hat man natürlich eine nicht unparteiische Sicht auf die Entscheidungen der Schiedsrichter. Durch die Emotionen während des laufenden Spiels wird man gerne zu falschen oder zu vorschnellen Schlüssen verleitet. Auch die eine oder andere Regel wird in diesen Momenten leicht vergessen. Auch ich bin dagegen nicht immun. Und so schimpfte ich verbal und auf Twitter böse über die Entscheidung der Schiedsrichter, bei der folgenden Aktion gegen die Vikings auf Safety zu entscheiden.

Die Bilder scheinen mir grundsätzlich auch Recht zu geben. Zwar wird Quarterback Kirk Cousins innerhalb der Endzone getacklet. Allerdings bewegt er sich noch vorwärts und geht erst außerhalb der Endzone zu Boden. Der Forward Progress wurde also nicht in der Endzone gestoppt. Auch der überwachende Linien-Schiedsrichter signalisierte den Spot an der Ein-Yard-Linie.

Allerdings war der Spielzug zu diesem Zeitpunkt bereits durch den Haupt-Schiedsrichter abgepfiffen. Zu meinem Entsetzen zeigte der Referee einen Safety an. Was zunächst wie ein verfrühter Pfiff wirkte, war jedoch durch die so genannte Grasp-Control-Regel vertretbar. Diese sagt aus, dass der Spielzug zu beenden ist, wenn sich der Passer hinter der Line im Griff und unter Kontrolle des Tacklers befindet. Diese Regel hatte ich in der Emotion des Spiels vergessen.

Natürlich kann man argumentieren, dass sich Cousins durch seine Vorwärtsbewegung noch nicht vollends unter der Kontrolle des Defenders befand. Auch ich würde da nach wie vor gegen argumentieren. Regelanalyst Mike Perrera sah die Auslegung der Schiedsrichter kritisch. Regeltechnisch war es aber anders als es von mir ursprünglich moniert wurde, keine Fehlentscheidung.

Hat dir der Artikel gefallen?

Klicke auf die Sterne, um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung: 4.4/5 (5 Stimmen)

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Weil du diesen Beitrag nützlich fandest...

Folge uns in sozialen Netzwerken!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Jonas Stärk
NFL- und Draft-Enthusiast, Podcaster; Im deutschen Football unterwegs als Spieler und Jugend-Coach der Bochum Rebels und als Schiedsrichter.

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen