Spritzen und Pillen: Schmerzmittel in der NFL

Substanzmissbrauch durchzieht die Geschichte des Footballs. Ebenso wie der Kampf der Spieler damit.

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Justin Herbert spielte am Sonntag sein Debüt in der Liga. Seinem viel gefeierten Einstand ging jedoch ein Ereignis voraus, was einige Fragezeichen aufwirft. Der eigentliche Starting Quarterback der Chargers Tyrod Taylor bekam kurz vor Spielbeginn eine Spritze gegen Schmerzen in die Brust, durch die ihm die Lunge punktiert wurde. Ein Einsatz wurde damit unmöglich.

Das Thema Schmerzmittel begleitet die NFL seit Jahrzehnten. Bereits 1979 erschien mit North Dallas Forty (auf deutsch „Die Bullen von Dallas“) ein Film mit Nick Nolte, bei dem sich Spieler eines fiktiven Football Teams Pillen einwerfen, koksen, kiffen und ihren halben Tag in Eistonnen verbringen, während sie sich betrinken. Klar: Hollywood, total überzeichnet. Aber Schmerzen begleiten den Sport. Und damit auch die Mittel dagegen.

Kürzlich kam eine recht umfassende Recherche über Schmerzmittel im Fußball heraus. Die Zahlen sind erschreckend. Wie sieht das in der NFL aus, wo Spieler andere Spieler möglichst hart daran hindern sollen, auch nur einen Meter weiter zu laufen? Welchen Umfang hat die Einnahme von Medikamenten und welche Auswirkungen hat das auf die Spieler?

Die Brett Favre Story

Die wohl bekannteste Geschichte in der modernen NFL über die Problematik des Missbrauchs von Schmerzmitteln ist die von Brett Favre. Der Hall of Fame Quarterback der Packers, Jets und Vikings machte 1996 öffentlich, dass er einen stationären Entzug machen musste. In einem Interview gab er zu, 15 Vicodin Pillen auf einmal zu nehmen.

I tell people all the time that I took 15 Vicodin ES at one time. And they’re like, ‘It didn’t knock you out?’ It did totally the opposite — I was up. And that’s kind of the way with addictions, too. What it’s supposed to do, it doesn’t

cbssports.com/nfl/news/brett-favre-says-he-used-to-take-a-months-worth-of-painkillers-in-two-days/

Favre hält bis heute den Rekord für die meisten Starts in Folge – inklusive Playoffs 321. Seine Abhängigkeit ist bekannt, mehrfach suchte er Kliniken für einen Entzug auf. NFL Films brachte im Rahmen der Doku-Reihe A football life auch eine Folge über ihn heraus, die man sich sowohl über den Game Pass, als auch über Amazon Prime anschauen kann. Dort beschreibt er selbst, wie er Schmerzmittel zunächst akut nutzte, später auch einfach zur Regeneration. Was ihn letztlich in die Abhängigkeit führte. Vicodin ist ein Opioid. Der Missbrauch dieser und ähnlicher Substanzen stellt heute in den USA ein riesiges gesellschaftliches Problem dar – der leichtfertige Umgang im Sport befördert dieses. Und neu ist das, wie man am Beispiel Favre sieht, nicht.

Statt nach Verletzungen zu regenieren spielte Favre weiter. Was die Liga und der Zirkus darum als toughness feierte, ging zu Lasten seiner Gesundheit.

Langzeitschäden und Klagen

2017 veröffentlichte die Washington Post einen Artikel, der erstmals einen Überblick gab, was den Spielern zugemutet wird.

Ehemalige Profis, die mit den Langzeitschäden der Einnahme von Schmerzmitteln zu kämpfen hatten, verklagten die Liga. Ähnlich wie Jahre zuvor auf Grund des Versagens bei der Vorsorge vor Gehirnerschütterungen und deren Folgen, kam es zu einer Anzeige gegen die NFL und ihre Franchises. Lediglich schaffte es die Liga zunächst, diesen Skandal unter Verschluss zu halten: Geld gegen Schweigen, so scheint es. Und vermutlich wüssten wir heute wenig, hätte die Post die Unterlagen der Untersuchung nicht zu Gesicht bekommen. Liest man den Text, wird einem mulmig.

Der Skandal um die Praxis der Teams teilt sich auf: Auf der einen Seite die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Spielern – obwohl Favre das Thema Abhängigkeit und Langzeitfolgen schon längst publik machte – und auf der anderen die Verstöße gegen Bundesgesetze über den Umgang mit Betäubungsmitteln.

Lest den Artikel, der das Ausmaß sehr gut deutlich macht, für weitergehende Informationen. Ich werde hier nur ein paar Eckpunkte umreißen.

2000 Dosen Schmerzmittel pro Team und der Mantel des Schweigens

Der Artikel befasst sich neben Vicodin vor allem mit Toradol, welches in Deutschland auf Grund der krassen Nebenwirkungen wie Magenblutungen seit 1993 nicht mehr angewendet werden darf. Auch in den USA ist der Wirkstoff reglementiert, so darf er nicht über Staatengrenzen transportiert werden, unterliegt strengen Auflagen.

Toradol wird lokal gespritzt. Die Vermutung liegt nahe, dass Taylor dieses Mittel injiziert bekam. Dem Artikel der Washington Post nach wurde dieses Mittel, was verschreibungspflichtig ist, in rauen Mengen von Teamärzten quer durchs Land mit sich geführt. Was teils gar die DEA auf den Plan rief. Team für Team zeigten die Unterlagen, die der Zeitung vorlagen, dass es mindestens Ungereimtheiten gab, was Transport und Abgabe anbelangt.

1800 Spieler waren Teil der Klage gegen die Liga. Sie berichteten von Organ- und Gelenkschäden, die durch den übermäßigen Einsatz von Schmerzmitteln hervorgerufen seien. Und betrachtet man die Zahlen, die die Post veröffentlicht hat, verwundert dieses Ausmaß kaum: 2012 allein seien pro NFL Team durchschnittlich fast 6000 Dosen Entzündungshemmer und über 2000 Dosen verschreibungspflichtige Schmerzmittel eingesetzt wurden. Also selbst wenn wir mit dem großen Off-Season Kader von 90 Spielern rechnen, erhielte jeder Spieler durchschnittlich etwa 20 verschreibungspflichtige Dosen Schmerzmittel in jener Saison.

Skandalös bei dieser ganzen Story ist, dass jede einzelne Anfrage durch die Post abgelehnt oder ignoriert wurde. Die Teamärzte durften nicht reden, die Franchises versteckten sich hinter juristischen Phrasen oder blieben gleich ganz still.

Das Leiden der Spieler

Vicodin und Toradol fallen nicht unter die Substanzen, die die NFL als Doping ansieht. Anders verhielt es sich lange mit Marihuana. Ein positiver Dopingtest auf THC zog eine Sperre nach sich.

David Irving, Defensive Tackle bei den Chiefs und Cowboys, verkündete 2019 sein Karriereende. Nach dem man ihn das dritte Mal positiv auf THC testete, wurde es ihm zu viel. Er gab öffentlich zu, Marihuana gegen seine stetigen Schmerzen zu nutzen und fühlte sich durch die Liga allein gelassen. Es erscheint verständlich, dass Spieler lieber CBD oder THC nutzen, anstatt Opioide zu nehmen oder sich Woche um Woche Spritzen geben zu lassen.

In den diesjährigen Verhandlungen über das CBA änderte sich das – zumal Marihuana mittlerweile in einigen Bundesstaaten legalisiert wurde. In der MLB und NBA wurden die Strafen bezüglich des Gebrauchs von Cannabis und Co. schon gelockert, dieses Jahr zog die NFL nach. Damit erfolgt keine Sperre mehr, auch wenn nach wie vor Gehälter gekürzt werden dürfen, wenn regelmäßiger Konsum nachgewiesen wird.

Eine Liga ohne Schmerzen?

Wie sehr ich American Football auch liebe, die körperlichen Folgen der harten Tackles und die Verletzungen, die uns allen letzte Woche wieder vor Augen geführt wurden, lassen mich immer etwas schwermütig zurück. Wir sollten nicht vergessen, dass da Menschen auf dem Platz stehen, denen wir folgen, deren Verletzungen wir zusehen und bei deren Regeneration es wohl eher mehr als weniger mit dubiosen Methoden zugeht.

Das Kredo, dass Doping im Mannschaftssport wenig bringe, was Ikonen des deutschen Fußballs von Scholl bis Beckenbauer immer wieder betonen, mag ich hinterfragen. Dazu bedarf es mehr Recherche, mehr Aufmerksamkeit. Die Projektion auf Radsport und Leichtathletik darf Fans nicht aus der Verantwortung nehmen auch bei den Sportarten genau hin zu sehen, bei denen Kreuzbandrisse in Rekordzeit geheilt sind oder ein Spieler nach zweistelligen harten Hits in einer Woche ein paar Tage darauf wieder mehrfach Tackles bricht. Das ist jeder Fan den Spielern und dem Sport schuldig.

Mehr zu diesem Thema folgt.

6 KOMMENTARE

  1. Als Kreisligafußballer kann ich bestätigen, dass es Spieler gibt, die sich häufig Ibus einschmeißen vor Spielen. Meine Frau hat Verwandtschaft in den USA, darunter auch 2 ehemalige Highschool-Footballer. Schmerzmittel sind da an der Tagesordnung, der eine hat mit einer gebrochenen Hand das Staatsmeisterschaftsendspiel als RB gespielt (natürlich auch mit Schmerzmitteln)und deren QB hatte soviele Ibus genommen, dass er Coffeintabletten nehmen musste, um wach zu bleiben. Beide haben nach der Highschool deswegen aufgehört.

  2. Starker Artikel. Brett Favre ist schon ein erschreckendes Anschauungsobjekt, finde ich. Wie langsam und mühselig er mittlerweile in Interviews spricht und auch wie er seinen problematischen Alltag beschreibt… nicht schön.
    Und obendrein sehenden Augens Stück für Stück auf die Demenz zuzusteuern… das muss hart sein.

    • In dieser Liga stecke ich zu wenig drin, um genaues zu sagen – danke für den Link. In der Erfahrung zur NFL meine ich aber erfahren zu haben, dass die deutsche Berichterstattung gerne überschätzt, inwiefern diverse Problematiken in den USA aufgefasst werden. Auch wenn es nichts desto trotz wünschenswert wäre, das Thema in den Fokus zu rücken, weiß ich nicht, inwiefern das Problem in den USA verhandelt wird. Ich habe in meiner Familie gesehen, was der dauerhafte Gebrauch von Schmerzmitteln mit der Gesundheit eines Menschen anrichten kann – die NFL und die NHL scheinen nichts desto trotz darauf zu bauen. Wie es mit dem Unterbau, also College und Highschools, aussieht, würde ich gerne eruieren. Die im Text erwähnten Erkenntnisse zu Fußball hier zu Lande lassen aufhorchen.

      • Wenn man den Bogen noch weiter spannt, dann müsste man auch die kulturellen Unterschiede einbeziehen. In meiner – möglicherweise völlig falschen – Wahrnehmung herrscht in den USA allgemein ein wesentlich laxerer Umgang mit Schmerzmitteln vor als in Deutschland. Dort sind stärkere Mittel einfach so erhältlich, man sieht es auch an den vielen Opioid-Süchtigen und zum Frühstück werden eben zwei Schmerzmittel eingeworfen.

        Wie gesagt, das kann täuschen, aber wenn schon John Doe den Tag mit Ibuprofen beginnt, dann hat er vermutlich auch eine geringere Awareness für die Missbrauchsproblematik.

        • das mag ich anzweifeln. wie gesagt: toradol ist bei uns nicht zu gelassen, ibus kannst du aber in jeder apotheke kaufen…die problematik der opioide verschiebt sich in deutschland – vermeintlich – viel auf benzos. und, wie oben erwähnt, werden der studie über schmerzmittel im fußball zu folge auf kreisligaebene schon ibus wie gummibärchen genommen (was ein zitat aus dem rasenfunk zum thema ist btw). ich wäre vorsichtig damit, das problem auf die eine oder andere seite des atlantiks zu verschieben.

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