Buccaneers 2020: Auf Kaperfahrt mit Käpt’n Brady

Die erfolglosen Piraten haben einen neuen Kapitän: Nun soll es endlich Ruhm, Rum, Reichtum geben und natürlich eine Post-Season. Die dafür nötige Crew hat man angeheuert.

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Der Preis für das spektakulärste Signing der Off Season geht an die Tampa Bay Buccaneers. Immer mal wieder gab es Gerüchte, dass Brady und Belichick unterschiedliche Wege gehen könnten, aber das man Tom Brady tatsächlich mal in einem anderen Jersey sehen wird? Das war lange nur die Hoffnung der Fans anderer AFC East Teams. Ist das fehlende Puzzlestück nun gefunden?

Offense

Nun ist es also dazu gekommen, Tom Brady hat ein neues Team und die Buccaneers erhalten durch ihn und den Abgang von Jameis Winston eine andere Offensive. Die Frage ist nun: Was ist möglich? Kann Brady ein wenig erfolgsverwöhntes Team zum Contender machen? Wie schnell kann er sich mit 43 Jahren in einem neuen Team, mit einem neuen Staff, an einem neuen Ort akklimatisieren? Zumindest hat man an der Offense gearbeitet, um ihm gute Bedingungen anbieten zu können.

Quarterback

Nach fünf Jahren war es soweit, Jameis Winston wurde über die Planke geschickt. Nach einer rekordverdächtigen Saison, in der er über 5000 Yards warf – im Schnitt 319,3 Yards per Spiel. Zwei Werte, die in der ewigen Top 15 der NFL zu finden sind. Dummerweise ist aber auch ein dritter Wert in der ewigen Top 15: Die Zahl an Interceptions. So spektakulär Winston spielte, 30 Würfe in des Gegners Hände sind ein indiskutabler Wert. Seit 1988 hat kein QB mehr Interception verursacht als Winston vergangene Saison.

Jameis Winston: Zwischen Genie und Wahnsinn.

Nun soll es also Tom Brady richten. Der Mann, der wie kaum ein anderer Spieler für Erfolg steht, soll Tampa Bay den ersten Playoff-Einzug seit 2007 ermöglichen. In den letzten neun Jahren steht bei den Bucs nur eine Saisons mit positivem Record in der Statistik (2016). Über den viermaligen Super-Bowl-MVP muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren, aber ein paar Fragen stellen. Wieviel Brady steckt noch in Brady? 2019 war auf jeden Fall ein sehr unspektakuläres Jahr für den Mann, der in sein 21. NFL-Jahr gehen wird.

Der spektatkuläre Wechsel ließ im großen Tamtam einige Sachen untergehen. Nicht nur sportlich, auch mental muss Brady nach Ewigkeiten unter ganz anderen Umständen agieren. Dazu kommen dann die Zweifel des Alters. Auch wenn Brady ein Modellathlet ist, muss man damit rechnen, dass irgendwann der Knackpunkt kommt. Ein Peyton Manning musste das auch erleben – selbst wenn er dann trotzdem noch seinen zweiten Super Bowl-Ring holte.

Tom Brady im Bucs-Jersey. Quelle: https://www.flickr.com/photos/manlymayhem/49678123971/

Offensive Line

Mit Center Ryan Jensen und Left Guard Ali Marpet verfügt Tampa Bay über zwei legitime Top-10-Spieler auf ihren Positionen. Auch Left Tackle Donovan Smith hat sich ein Stück weiterentwickelt und Alex Cappa kann auf eine solide erste Saison als Starter zurückblicken. Mit Demar Dotson wurde ein langjähriger Starter ziehen gelassen, für seinen Nachfolger investierte Tampa den Erstrundenpick des diesjährigen Drafts. Tristan Wirfs soll sofort auf Right Tackle starten. Der 21-jährige gilt als “Athletic Freak”, der vor allem im Laufspiel einen großen Impact haben kann.

Wide Receiver & Tight Ends

Das Wide-Receiver-Duo könnte kaum namhafter sein. Chris Godwin hatte vergangene Saison seinen krachenden Durchbruch und konnte sich mit 1333 Yards und 9 Touchdowns in der Ligaspitze etablieren. Auch Mike Evans wäre ohne Verletzung vermutlich bei ähnlichen Werten gelandet und ist ja schon länger als ein etablierter Top-10-Receiver. Das Spitzen Duo steht außerhalb jeder Frage, doch dahinter fehlt es den Bucs an Erfahrung. Justin Watson kann auf 16 Receptions in zwei Jahren zurückblicken, Tyler Johnson ist ein diesjähriger Fünftrunden-Rookie.

Auf Tight End gibt es das zweite spektakuläre Signing der Off Season. Nach Brady unterbrach auch dessen Best Buddy Rob Gronkowski den selbstgewählten Ruhestand und unterschrieb in Florida. Es bleibt abzuwarten, ob sich die einjährige Pause bemerkbar macht oder ob Gronkowski seine herausragenden Fähigkeiten schnell wieder abrufen kann. Neben Gronk wird auch OJ Howard viele Snaps sehen. Der 25-jährige gilt als Break Out-Kandidat – allerdings schon länger. Nach guten Ansätzen in seinem ersten Jahr 2017, verpasste er die nächsten Schritte und kam vergangene Saison auf nur einen Touchdown bei unter 500 Yards.

Mit der reformierten Offense soll sich das nun ändern. Man wird wohl häufig mehrere Tight Ends parallel sehen, zwei potentiell überdurchschnittliche Spieler wollen schließelich genutzt werden – ähnlich wie es Philadelphia mit Ertz und Goedert macht. Zumal Tampa Bay auch noch Cameron Brate in der Hinterhand hat, der sich als verlässliche Option bewiesen hat und jederzeit reinrotieren kann.

Backfield

Nach vielen großen Namen folgt nun die Schwachstelle der Offense: Das Backfield. Eine bunte Mischung aus Enttäuschung, einem Oldie und Rookies. Die Enttäuschung? Ronald Jones II. Er sollte 2019 die eher mäßigen Zahlen des Bucs-Backfields nach oben schrauben, schaffte dies aber nur in einzelnen Situationen. Sein letztjähriger Hauptkonkurrent Peyton Barber musste nach schwachen Leistungen gehen. Jones sah für 2020 wie der klare Starter aus – wenn auch aus Mangel an Alternativen.

Dann entschied man sich aber noch, einen Altstar zurückzuholen, LeSean “Shady” McCoy. Der 32-jährige hatte mehrere großartige NFL-Saisons, blickt aber auf zwei schlechte Karrierejahre zurück. Nach der 2018er Saison musste er seinen Platz in Buffalo räumen und zog zu seinem ehemaligen Eagles-Lehrmeister Andy Reid nach Kansas City. Dort startete er ordentlich, rutschte im Saisonverlauf aber aus der Rotation und spielte in den Playoffs keinerlei Rolle.

Gewinner könnte Ke’Shawn Vaughn werden, der in Runde drei des diesjährigen Drafts gewählt wurde. Sollten Jones und McCoy keinen Effekt auf die Offense haben, ist er vielleicht der lachende Dritte.

Coaching

Mit Bruce Arians haben die Tampa Bay Buccaneers einen sehr erfahrenen Mann mit genauen Vorstellungen. Nachdem die erste Saison mit Winston recht spektakulär war, ist nun die Frage, wie die Kombination aus Arians und Brady funktioniert. Arians steht ja eher für eine sehr vertikale Offense und Bradys Würfe waren vor allem in der vergangenen Saison so kurz wie lange nicht. Nur 6,8 (adjusted) Yards per Attempt stehen zu Buche. Natürlich spielen da auch Playcalling und die Receiver eine Rolle, dennoch kann man die Armstärke eines 43-jährigen hinterfragen.

Abgesehen davon sollte Arians mit seiner Erfahrung in der Lage sein, das Playbook auf die Stärken des QBs anzupassen. Offensive Coordinator der Bucs ist weiterhin Byron Leftwich, ein langjähriger Vertrauter von Bruce Arians. Er spielte bereits mehrere Jahre unter dem damaligen Steeler-OC Arians und war bei den Cardinals in dessen Coaching Staff aktiv.

Defense

Die Bucs Passing Defense steigerte sich im Verlauf der 2019er Saison deutlich. In den ersten zehn Spielen kassierte man 31 Touchdowns, 25 durch Pässe. Nach der deutlichen 17:34-Niederlage gegen die Saints wurde es aber besser. In den 6 restlichen Spielen kassierte man nur noch zehn Touchdowns, fünf durchs Passpiel. Darauf will man nun weiter aufbauen. Der Wechsel zur 3-4 Defense scheint soweit abgeschlossen zu sein. Die Run Defense war das große Prunkstück der Bucs, nach DVOA die ligaweite Spitze.

Front Seven

Der große Gewinner des Jahres war Shaquil Barrett. Ohne riesige Erwartungen aus Denver geholt, wurde er zum Sack-Leader der gesamten Liga. 19,5 Sacks, 37 QB-Hits und 82 Pressures bescherten ihm keinen neuen langjährigen Vertrag, aber zumindest den Franchise Tag.

Lavonte David nach einer Interception. Quelle: https://www.flickr.com/photos/jacksonnj/23648602266/

In der Defense Line konnte Vita Vea Schritte nach vorne machen und Argumente dafür liefern, warum man ihn 2018 in Runde eins gewählt hatte. Mit Ndamukong Suh hat die Line einen hocherfahrenen Veteranen, selbst wenn seine besten Jahre vermutlich vorbei sind. Routine hat man auch neben Barrett auf der Linebacker-Position, Jason-Pierre Paul und Lavonte David kommen zusammen auf 230 Karrierestarts. Vierter im Linebacker-Bunde ist Devin White, der letztjährige Erstrundenpick.

Secondary

Ein Hauptgrund für die Steigerung der Tampa-Defense war natürlich die Situation der Secondary. Die Bucs gingen mit einer sehr unerfahrenen Positionsgruppe ins Jahr. Mehrere Rookies wie Safety Mike Edwards, Carlton Davis und Jordan Whitehead im zweiten NFL-Jahr und dann noch Vernon Hargreaves III. Der 2016er Erstrundenpick entpuppte sich endgültig als Flop und wurde im November auf die Waiver List gesetzt.

Nun hat diese junge Gruppe an Erfahrung gewonnen und ein paar Schritte gemacht, wurde dazu mit dem Zweitrundenpick Antoine Winfield Jr. auf Safety nochmal verstärkt. Nachdem die Zahl gegnerischer Completions von 64,1 (15. der Liga) auf 58,9 Prozent (sechstbester Wert der Liga) verbessert werden konnte, sollen nun noch ein paar Turnover mehr herausspringen, um auch die Pass Defense zur Liga-Elite werden zu lassen.

Coaching

Todd Bowles hatte nicht die glücklichste Zeit als Headcoach, weiß aber als Defensive Coordinator genau was er möchte und wie er dies umgesetzt bekommt. Seine Defense ist nun ein Jahr weiter und sich nicht verschlechtert. Selbst wenn die Front Seven im Gegensatz zur jungen Secondary ein paar Leistungsträger hat, die wohl eher auf der Zielgraden ihrer Karriere unterwegs sind, wird Bowles darauf reagieren können.

Team Projection

Gibt es endlich Playoffs am Strand von Tampa? Hat die zweitlängste Durststrecke (nach den Browns) ein Ende? Zumindest auf dem Papier bringen die Bucs alles mit. Die Defense hat das Potential zur Top-5 der NFL und wenn Brady keine Krise bekommt, kann vor allem das Passspiel jeder gegnerischen Verteidigung Ärger bereiten. In manch anderer Division wäre die Playoff-Wahrscheinlichkeit vermutlich deutlich größer, doch in der NFC South ist die Konkurrenz groß. Die Saints sind als Super-Bowl-Kandidat der große Favorit und Atlanta hat ein gut bestücktes Roster. Dennoch: Mit Käpt’n Brady, Maat Gronkowski, einer Crew aus starken Receivern und Defense-Spielern, ist man mit einer von Bruce Arians & Todd Bowles konstruierten neuen Galeone eigentlich zur Post Season verpflichtet. Wie üppig die Kaperfahrt letztlich ausfällt, bleibt aber abzuwarten.

5 KOMMENTARE

  1. Wie wirkt sich das signing von Fournette auf das Backfield aus?
    Nachdem hier alles schön aufgeschrieben wurde, muss es doch einiges wieder durcheinander wirbeln, oder?
    Vor allem interessant für mich, weil der Autodraft im FF mir Ke’Shawn Vaughn reingeworfen hat…

    • Auch wenn ich Fournette nicht als Spieler sehe, der die Offense auf ein anderes Level hebt, wird er wohl Starter werden. “Opfer” wird mMn Shady McCoy, einfach altersbedingt. Ob seine Receiver-Qualitäten da nochmal das nötige etwas bringen, denke ich nicht – das kann man auch auf Vaughn verteilen. Als Drittrundenpick kann ich mir nicht denken, dass er im Practice Squad landet. Der Sleeper-Wert dürfte aber etwas gesunken sein.

  2. Definiere “abliefern”… Ich denke für die Postseason muss es bei diesem Starensemble auf jeden Fall reichen.
    Ich traue Atlanta nicht viel zu und bei den Saints muss der gute Drew auch erstmal durchhalten.
    Superbowl dürfte allerdings schwierig werden, da es mehrere, erwiesenermaßen explosivere Teams gibt. Da würde ich auch nicht unbedingt Haus und Hof auf die Bucs setzen.

    • Ich denke der Hype Train muss da etwas gestoppt werden, die Bucs sehnen sich nach einer Post Season und haben auf dem Papier das Material dazu – da träumt man dann nach 10+ Jahren Abstinenz schnell von mehr. Das Ziel Playoffs sollte realistisch sein (wenn auch eher über Wildcard), wenn die Pläne funktionieren.

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