It’s Always Sunny In Philadelphia

Eine meiner Lieblingsserien ist „It's Always Sunny in Philadelphia“. Eine Sitcom, deren Name sehr ironisch ist. Denn die Serie ist nicht wie so viele eine „Heile Welt“-Comedy sondern „dreckig“, so richtig dreckig. In etwa wie die Eagles-Saison. Der absolute Kontast zu dem, was man unter "Philadelphia Eagles" erwartet hatte.

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Lesezeit: 5 Minuten

Vor wenigen Wochen schrieb ich in meiner Saisonvorschau, dass für die Eagles in dieser Saison „alles möglich“ sei. Damit meinte ich eigentlich, dass das Team auf dem Papier alles hat, um im erweiterten Kreis der Super Bowl Contender zu sein.

Die Realität könnte kaum gegensätzlicher aussehen. Statt der Chance auf die Vince Lombardi Trophy droht… oder lockt der First Overall Pick. Auch wenn es dort, vor allem zwei Fahrstunden nordöstlich im Big Apple, tiefkarätige Konkurrenz gibt. Was ist nun also? Wurden die Eagles derartig stark überschätzt? Wurde der Kader falsch zusammengesetzt? Liegt es an bestimmten Spielern? Nun, irgendwie trifft vermutlich alles zu.

Wentz nicht läuft…

Eigentlich war hier doch alles klar. Carson Wentz ist kein Top 5 QB, aber sicher einer der besseren. Er hatte ein MVP-like Jahr mit tollen Würfen und Entscheidungen. Er hatte eine 4000-Yards Saison mit einer WR-Gruppe besserer Practice Squad Spieler. Was sollte also schiefgehen, wenn man ihm nun mehrere talentierte Receiver zur Seite stellt? Wenn er mal die Offseason ohne Verletzung verbringen kann? Anscheinend alles.

Wentz hatte schon immer diese Momente, in denen er unnötige Interceptions warf. Er hat seit langem ein starkes Problem damit den Ball zu fumblen. Im Versuch ein Play zu erzwingen, hält er oft zu lange den Ball was im Ballverlust oder einem Sack resultiert. Das Spiel gegen Washington startete perfekt. Wentz spielte fehlerfrei, die Eagles maschierten über das Feld und dann warf Wentz eine Interception. Es wirkt, als sei mit dieser einen Szene alles zusammengebrochen – der Wentz nach dieser Interception war ein anderer.

Die angesprochenen Probleme scheinen sich seit der Szene multipliziert zu haben. In Woche eins hat Wentz acht Sacks kassiert, die in den meisten Fällen auf sein Konto gingen. Dazu folgten zwei Fumbles und zwei Interceptions. Ein schwarzer Tag – Haken dran. Immerhin musste die Offensive Line auf drei geplante Starter verzichten, dabei kurzfristig Jason Peters von Right Guard auf Left Tackle schieben. Wobei Wentz durchaus die Möglichkeiten hatte, er war einfach mehrfach richtig schlecht.

In Woche zwei zeigte sich die Line mit der Rückkehr von Lane Johnson besser… und dennoch präsentierte sich die Offense um Wentz schlecht. Zwar konnte sich Wentz bei aussichtslosen Situationen zumindest rechtzeitig vom Ball trennen, aber mehrere seiner Würfe waren wieder sehr schlecht und unplatziert.

Das Spiel gegen die Bengals war weit ab von einer Besserung. Wentz startete früh mit einer Interception. Da kann man zwar als Verteidigung nehmen, dass der Ball abgefälscht war doch das Grundproblem ist ein anderes: Der Ball hätte gar nicht dorthin gehen dürfen.

Wie kann man diese „wentzigen“ Probleme beheben?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Idee. So gar keine. Die drei Spiele waren so niederschmetternd, dass man Carson Wentz anzählen muss. Das war kein schwarzer Tag, das waren keine wenigen unglücklichen Fehler. Das war eine Symphonie des Grauens, eine Kakophonie des Footballs. Wentz patzt nicht nur bei Entscheidungen, er spielt sie auch sehr schlecht aus. Sowas lässt sich nicht mit eingeschränkter Vorbereitung oder fehlender Pre-Season (in der Wentz eh nicht gespielt hätte) erklären. Wentz scheint jegliches Selbstvertrauen abzugehen. Statt präziser Winchester-Flinte, haben die Eagles nur ein Wentzchester-Gewehr mit nicht kalkulierbarer Streuung.

Adrian Franke hat einige Plays von Wentz unter die Lupe genommen, in den Replies seiner Tweets finden sich noch mehrere andere Beispiele.

Die letzten Sekunden der Overtime gegen die Bengals waren bezeichnend. Abgesehen davon, dass die Line die minimale Chance aufs Field Goal (59 Yards hat liegen in Elliotts Möglichkeiten) wegen eines False Starts vergeigt hat, stand man dann bei 4&12. 19 Sekunden Rest an der gegnerischen 46. Man versucht nicht mal noch irgendwas zu drehen. 4&12 oder meinetwegen 4&17 nach Delay of Game (in dem Fall dann mit mehr Zeit im Huddle) sind keine optimalen Ausgangspositionen…aber es wurden schon ganz andere vierte Versuche oder letzte Pässe angebracht. Doug Pederson gab das Spiel per Punt auf, akzeptierte das Unentschieden. Das Vertrauen in Wentz fehlt.

Der Rest der Eagles Offense

Der Impact der Receiver, er hält sich in Grenzen. Jalen Reagor ist nach einer Verletzung in der Vorbereitung sichtlich nicht fit und musste zwei von drei Spielen aussetzen. Alshon Jeffrey fehlt weiter und die für magisch erhoffte Verbindung zwischen Wentz und DeSean Jackson ist so zauberhaft wie ein mittelmäßiger Jahrmarkt-Magier. Statt Penn & Teller sieht man nur Vincent Raven. Ältere Leser werden sich vielleicht an diesen Namen erinnern. Gegen die Bengals konnte sich Greg Ward wieder etwas in Szene setzen, während J. J. Arcega-Whiteside weiterhin überhaupt nicht stattfindet. Schaut in euren Spiegel und ihr seht eine Person, die 2020 genauso viele Receptions wie „JJAW“ hat.

Die Offensive Line zeigte sich gegen die Rams wie erwähnt verbessert, hatte aber gegen die Bengals erneute Schwierigkeiten in der Pass Protection. Die Tight Ends funktionieren, allerdings zeigte sich nach dem Ausfall von Dallas Goedert gegen die Bengals, dass Wentz schnell hilflos wird, wenn in der „perfekten“ Gruppe etwas nicht wie geplant funktioniert.

Miles Sanders funktioniert, er hielt die Offense der Eagles mehrfach am Leben.

Die Defense – Probleme verschieben löst sie nicht.

Die Secondary war das riesige Problem der letzten Jahre und wurde mit mehreren erfahrenen Neuzugängen angegangen. Dieses Problem hat sich zu weiten Teilen gelöst. Darius Slay ist das erhoffte Upgrade und die Momente 50 gefangener Yards-Pässe sind nicht mehr da. Aber das Upgrade auf Cornerback ging vor allem auf Kosten der Linebacker. Nigel Bradham ist keinesfalls ein Elite-LB, aber eine solider Spieler mit Erfahrung. Dieses Jahr wollte man nicht mal dieses Niveau auf der Position, bewusst entschied man sich für junge Spieler mit minimaler Erfahrung. Wenig überraschend wurden die Eagles vor allem im Second Level sehr anfällig. Das Spiel gegen die Rams war exemplarisch. Tight End Tyler Higbee und Slot Receiver Cooper Kupp hatten beinahe keine Gegenwehr und auch Tyler Boyd kam für die Bengals auf 10 Catches mit 125 Yards. Gerade Nate Gerry, der vermeintliche Anführer der LBs, hatte schon mehrere kostspielige Schnitzer.

Weiter hinten konnte AJ Green gegen Darius Slay fast keinen Stich setzen. Aber was bringt dies letztlich, wenn das Kurzpassspiel nicht kontrolliert werden kann?

Die Defensive Line startete wie Wentz gut in die Saison, Washington konnte bis zu erwähnter Interception kaum mal ein Play anbringen. Doch auch sie wurde immer harmloser, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass die Offense kaum mal mehr als drei Plays auf dem Feld blieb. Auf Dauer fehlt die Power, wenn man kaum Pausen erhält. Die Hoffnung, dass man Jared Goff und die eher mäßige Rams O-Line unter massiven Druck setzen kann, endete allerdings als einziger Irrtum. Schlecht und harmlos wie nie zeigte sich die Line, ein Pass Rush existierte nur auf dem Papier. Auch Verletzungen dürfen da nicht mehr als Erklärung herhalten. Abgesehen davon, dass die Eagles dringend evaluieren müssen wie es zu diesen permanenten Verletzungen kommen kann, scheint es als habe man sich zu oft hinter diesem Argument versteckt. „Wenn XY fit ist wird alles besser.“ Nein.

Was nun?

Die NFC East ist auch 2020 kein Schwergewicht und auf dem Papier könnte man in einer Woche die Division anführen. Aber gerade dieses Denken hat zuletzt zu viele Probleme überdeckt. „Es hat ja trotzdem gereicht“ sollte nicht das Kriterium sein, genauso wenig darf man sich darauf verlassen, nach verkorkstem Start einen Endspurt hinzulegen. Am Ende der Saison wird sich jeder hinterfragen müssen. Howie Roseman, Doug Pederson, Jim Schwartz, Carson Wentz…. Sie alle werden sich unangenehmen Fragen stellen müssen und so mancher Kopf wird vermutlich rollen.

Ein Rebuild steht sowieso vor der Haustür, warum also nicht jetzt? Die Revolution wurde in Wentzylvania zwar noch nicht ausgerufen, doch die Stimmen werden lauter und die Argumente der Gegenseite immer schwächer. Mit den 49ers, Steelers und Ravens warten nun drei Elite-Defenses. Wer glaubt ernsthaft daran, dass der 2020er Wentz mit einer positiven TD-INT Bilanz aus diesen drei Spielen herauskommt? Den Eagles zuzuschauen…it Hurts. Ok, Schluss mit den Wortspielen, bevor ich mich im Galgenhumor verliere. Aber Jalen Hurts ist derjenige, über den man nun intensiv nachdenken muss. Nicht nur kurzfristig, sondern auch in der Frage, ob man um ihn einen Rebuild gestalten kann. Auch wenn dies noch kein Abgesang auf 2016er Nummer 2 Pick darstellen soll. Auf dem Papier kann er es ja. Aber realistisch gesehen ist der 2017er Carson Wentz sehr weit weg und für eine Auferstehung in den nächsten Wochen spricht einfach nichts.

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Jessica Fehlhaber
NFL-Fan und Fantasy-Spielerin. Verliebt seit dem ersten Snap als aktive Spielerin. Fly, Eagles, Fly!

5 KOMMENTARE

  1. Ein Verriss schreibt sich schnell, manchmal zu schnell. In der NFL liegt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt manchmal ganz wenig.

    Selbst wenn es für einen fan schwer zu ertragen sein muss, warten wird doch erst einmal die nächsten Spiele ab. Wie die Autorin richtig erkannt hat, kommen jetzt drei extrem fähige Defensiven. Da kann man einen jungen QB wie Hurts schneller verbrennen, als einem lieb sein kann.

    Es braucht Geduld. Offensichtlich muss man etwas ändern, aber bevor man dies tut muss man schauen, welche Optionen man hat. Die Retrospektive ist da deutlich angenehmer.

    • Leider ist die NFL eine schnelllebige Liga und eine Saison kann bereits weit vor dem Saisonende gelaufen sein. Bei den Eagles ist der Unterschied zwischen Erwartung und Realität horrend und wenn die drei extrem fähigen Defenses durch sind wäre ein Stand von 0-5-1 keine Überraschung. Dazu kommt halt, dass die Eagles wenig Anlass zu Überzeugung bieten. Die D-Line ist als vermeintlicher Mosaikstein nicht überzeugend genug, über Wentz wurde genug gesagt und wenn man sieht welche Receiver gegen die 49ers spielen könnten…puh.

      Hurts jetzt zum Starter machen wäre auch falsch, ich schrieb ja, dass dies noch kein Abgesang sein soll. Aber man muss Hurts jetzt noch stärker evaluieren um zu schauen was man mit ihm machen kann. Mit einer “Taysom Hill-Rolle” kann man zurzeit nicht viel anfangen. Da muss man zumindest schauen, ob man ihn gezielt in Situationen einbauen kann.

      • Das sind so viele Ansatzpunkte, über die man trefflich streiten könnte. Fakt ist, und da stimme ich dir zu, dass die Eagles (wie schon gut ein Drittel der Liga) sich darauf einstellen müssen, wichtige strategische Entscheidungen zu treffen. Das fängt an, bei der grundlegenden Frage, was für einen Football man spielen möchte. Nach dem SB-Sieg hat man sich da einfach zu sehr treiben lassen, und keine wirkliche Spielidenität aufbauen können. Dann stellt sich die Frage nach Coach und GM, und danach ist eben die Kaderplanung der nächste Schritt. Da mahne ich aber zu Bedacht, und man sollte das nicht forcieren.

        Man hört die Fans immer sehr schnell nach einem Rebuild schreien, und es gibt leider zu viele Beispiele, in denen das über Jahre nicht gelingt. Da reicht ein Blick nach NY oder Ohio.

        Am Ende bleibt es aber Sport, und da gilt, das man es nicht gut machen muss, sondern besser als die anderen. Dafür müssen sich die Eagles (und jedes andere Team) entsprechend aufstellen, von oben herab.

        Ich erwarte schon, dass die Eagles etwas ‘tun’ werden, aber frühestens nach der Saison entsprechendes nach außen tragen werden. In sofern wird das Fanherz noch weiter leiden müssen.

        • Der Rebuild ist ja ein Thema das nicht nur aus sportlicher Sicht aufkommt, schon vor der Saison wurde die Frage nach dem “Wann?” gestellt. Durch einen stark überhitzte Cap-Situation und viele Schlüsselspielern, die die 30 bereits durchbrochen haben oder kurz davor stehen, wird man gerade auf den Lines investieren müssen. Da stellt sich dann ganz automatisch die Frage ob man den Rebuild dann mit einem schweren QB-Vertrag angeht.

          Klar ist so ein Rebuild schon so manches mal schiefgegangen oder dauerte gefühlt Jahrzehnte, aber an anderen Orten ist er wiederrum gelungen und besser als ein dahinsiechen in halbherzigen Rebuilds… Gerade weil solche dahinvegetierenden Teams eben nie eine Art offensive Identität entwickelt haben und das, da sind wir uns ja einig, auch den Eagles fehlt seit Reich weg ist. Daher muss sich natürlich auch Pederson ungemütlichen Fragen stellen, denn der “Sündenbock” (dessen Entlassung richtig war) Groh ist weg und die Verletzungen kann man auch nicht wieder anführen.

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