Alabama Crimson Tide: Preview 2020

Alabama will nach einem leicht enttäuschenden Jahr wieder voll angreifen. Doch bleiben ein paar kleinere Fragezeichen. Und wer wird eigentlich der Nachfolger von Tua?

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Lesezeit: 12 Minuten

Am Wochenende greift die SEC, seit Jahren die stärkste Conference im College Football, ins Geschehen ein. Die SEC spielt einen reinen Conference-Schedule von insgesamt 10 Spielen pro Team. Dabei werden im Gegensatz zur ACC die beiden Divisions East und West beibehalten, deren Sieger sich im SEC Championship Game treffen werden. Wir blicken auf die voraussichtlich stärksten Teams der Conference. Den Anfang machen – natürlich – die Alabama Crimson Tide.

Alabama: Ein kurzer historischer Abriss

Alabama ist eines der traditionellen Schwergewichte im College Football. Insgesamt konnte die Tide bereits 17 National Championships für sich verbuchen. Die erfolgreichste Phase gelang dabei unter der Ägide des legendären Head Coaches Paul “Bear” Bryant. Bryant leitete die Geschicke des Footballteams von 1958 bis 1982 und feierte dabei 6 National Championships und 14 SEC-Championships. Die ersten drei Meisterschaften (1961, 1964, 1965) wurden mit einem nicht-integrierten, rein aus weißen Spielern bestehenden Team errungen. Nach einer Schwächephase Ende der 1960er Jahre stellte Bryant seine Offense auf die Wishbone-Formation um und begann afroamerikanische Spieler zu rekrutieren. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: Von 1971 bis 1979 gewann Alabama von einer Saison abgesehen jedes Jahr die SEC, dazu kamen 1973, 1978 und 1979 drei weitere National Championships. Die Ära von Bryant gilt bis heute als eine der größten der College Football-Geschichte.

Nach Bryants Rücktritt (und kurz darauf auch Tod) wurde es zunächst stiller um das Programm. Die nächste erfolgreiche Phase gab es dann Anfang der 1990er Jahre unter HC Gene Stallings. Mit einer monströsen Defense gewann das Team 1992 die National Championship, musste sich in den folgenden Jahren allerdings meist der Übermacht von Florida unter HC Steve Spurrier geschlagen geben.

Nachdem einige Unregelmäßigkeiten bekannt wurden, verhängte die NCAA Recruiting-Sanktionen, die das Team die kommenden Jahre schwächen sollten. Auf Stallings’ Rücktritt folgte eine Phase von zehn Jahren, die zu den erfolglosesten der jüngeren Zeit gehörten. In der SEC gaben nun vor allem Florida und darüber hinaus LSU, Tennessee und Georgia den Ton an. Doch all das änderte sich 2007…

Nick Saban und eine neue Dynastie

In diesem Jahr verpflichtete Alabama den neuen HC Nick Saban und leitete damit eine Dynastie ein, die vor allem aufgrund ihrer Länge beinahe unmöglich anmutet. Saban coachte zuvor LSU zu einem Meistertitel, sein Sprung in die NFL zu den Dolphins erwies sich allerdings als Fiasko. Ganz im Gegensatz zu seinem Engagement in Tuscaloosa: Innerhalb einer Saison bekam er sein Team konkurrenzfähig. Seit 2008 gehört Alabama jede Saison zu den besten Teams des Landes – und das trotz der Konkurrenz in der eindeutig stärksten Conference. In dieser Zeit gewann Alabama sechs SEC-Titel und fünf National Championships. Nur in einer einzigen Saison setzte es drei Niederlagen. Seit Einführung der College Football Playoffs 2014 qualifizierte man sich jede Saison fürs Halbfinale und erreichte vier Finals in Folge – eine Serie, die erst in der vergangenen Saison riss.

Eine solche Dominanz ist in heutiger Zeit beispiellos, insbesondere wenn man die Konstanz auf absolutem Topniveau über ein gesamtes Jahrzehnt betrachtet. Obwohl in jüngerer Zeit eine Tendenz zur Konzentration im College Football zu verzeichnen ist, bin ich nicht sicher, ob ich eine solche Dynastie noch einmal erleben werde. Wenn man so will, hat Saban das College-Äquivalent zu seinem Kumpel Bill Belichick erschaffen.

Ein neues Erfolgsrezept

Der modus operandi war dabei jahrelang derselbe: dominante Defense, physisches Laufspiel und ein Verwalter-Quarterback, der keine Fehler machen und das Spiel nicht verlieren soll. Auf diese Weise gewann man mit Quarterbacks wie Greg McElroy (2009), A.J. McCarron (2011, 2012) und Jake Coker (2015) seine Meisterschaften. Doch änderte sich dies mit Jalen Hurts und erst recht mit Tua Tagovailoa. Plötzlich waren die Quarterbacks echte Playmaker, die auch außerhalb der vorgegebenen Struktur zu glänzen wussten. Dies verlieh der Offense ganz neue Möglichkeiten. Wurde die Tide in den Jahren zuvor für ihre monströse Defense gefeiert, erregte auf einmal ein explosiver und punktgewaltiger Angriff Aufsehen.

Nachdem man mit Hurts 2016 im Finale gegen Clemson dank eines Touchdowns von Deshaun Watson auf Hunter Renfrow in allerletzter Sekunde unglücklich unterlag, gelang in der nächsten Saison erneut der Sprung ins National Championship Game. Nach einer ineffektiven Halbzeit der Offense unter Hurts gelang true Freshman Tagovalioa ein sensationelles Comeback gegen Georgia – inklusive des entscheidenden Touchdown-Passes auf DeVonta Smith bei 2nd and 26 in Overtime.

2018 war es dann andersherum: Tagovailoa startete die Saison, verletzte sich aber im SEC Championship Game gegen Georgia. Hier holte nun Hurts mit einem ebenso sensationellen Comeback die Kohlen aus dem Feuer. Im National Championship Game gegen Clemson war die Tide dann allerdings gegen einen entfesselten Tigers Quarterback Trevor Lawrence chancenlos.

2019: Ein Down Year?

Für das erfolgsverwöhnte Programm hat sich die vergangene Saison wie eine große Enttäuschung angefühlt, obwohl die Bilanz mit 11-2 alles andere als mies war. Jedoch gab es zwei Niederlagen in einer Saison zuletzt 2014, also fünf Jahre vorher. Zu Saisonbeginn waren die Hoffnungen groß, nach dem verlorenen National Championship Game 2018/19 gegen Clemson erneut ganz oben anzugreifen. Schließlich hatte die Tide gerade in der Offense die wesentlichen Bausteine weiterhin zusammen: QB Tua Tagovailoa und das mörderische Receiving Corps. Die Offense enttäuschte auch keinesfalls und erzielte die zweitmeisten Punkte der Programmgeschichte.

Allerdings setzte sich ein Trend fort, der in seinen Grundzügen bereits 2018 zu beobachten war. Die einst so gefürchtete Defense der Tide war nicht mehr ganz auf dem Niveau der 2010er Jahre. Es handelte sich immer noch um eine sehr gute Verteidigung, aber eben nicht mehr komplett dominant. Grund hierfür waren wie schon im Vorjahr Verletzungen von Schlüsselspielern sowie fehlende Depth. Daher konnte Saban gerade in der Front nicht so viel rotieren, wie er gewollt hätte. Nach SP+ sprang noch Rang 3 raus, nach zugelassenen Punkten war es Rang 12.

Man kassierte bereits gegen Ole Miss und Texas A&M überraschend viele Punkte, bevor es dann zum Duell der Ungeschlagenen gegen LSU kam. In diesem epischen offensiven Showdown blieb beiden Verteidigungen nur die Zuschauerrolle. Die Tide konnten die Offense von Joe Burrow einmal weniger stoppen und verloren mit 41-46.

Das wahre Drama spielte sich jedoch im nächsten Spiel gegen Mississippi State ab. Tagovailoa verletzte sich schwer an der Hüfte, was der Tide die letzte Hoffnung nahm. Backup Mac Jones zeigte zwar eine überraschend gute Leistung und hielt die Tide zunächst auf Kurs. Allerdings leistete er sich im Iron Bowl gegen Erzrivalen Auburn zwei ganz üble Interceptions, die zu Touchdowns zurückgetragen wurden und sich am Ende bei einer 3-Punkte-Niederlage in einem Shootout als entscheidend erweisen sollten. Dadurch verpasste Alabama die kleine Chance, doch noch irgendwie in die Playoffs zu rutschen.

Alabama Offense

Es wird viel diskutiert, ob Alabama nach der Ära von Tagovailoa etwas an der offensiven Ausrichtung ändert und eventuell “back to the roots” geht. Sprich: Fokus auf physische Dominanz und Laufspiel mit gut eingestreuten Play Action-Pässen und dem gelegentlichen obligatorischen deep shot. Ich gehe allerdings eher davon aus, dass Saban und sein OC Steve Sarkisian die aktuelle Spread-Offense beibehalten werden. Die Tide agieren viel mit RPOs, was extrem effektiv war und ihren Top-Receivern mit ihren enormen Yards after Catch-Fähigkeiten zugutekommt. Entscheidend für die konkrete offensive Philosophie wird letztlich natürlich das Auftreten des Quarterbacks sein.

Abgänge

Wie andere Top-Programme muss Alabama regelmäßig einen Haufen Spieler ersetzen, die den vorzeitigen Sprung in die NFL wagen. Dieses Jahr ist da ambivalent zu beurteilen. Zum einen müssen Spieler ersetzt werden, die kaum zu ersetzen sind. Allen voran natürlich Tua Tagovailoa (1st round Pick der Dolphins), der als einer der besten Quarterbacks in die Geschichte des Programms eingehen wird. Zudem fehlen zwei seiner Top-Waffen, die WR Jerry Jeudy (1st round Pick der Broncos) und Henry Ruggs (1st round Pick der Raiders), sowie der RT Jedrick Wills (1st round Pick der Browns), der in der vergangenen Saison einen kometenhaften Aufstieg erlebte.

Dennoch hätte es weitaus schlimmer kommen können. Ziemlich überraschend entschieden sich drei weitere Stars der Offense, nach Tuscaloosa zurückzukehren: WR DeVonta Smith, RB Najee Harris und LT Alex Leatherwood. Insofern ist die Offseason in dieser Hinsicht als Erfolg zu werten.

Ein Quarterback-Duell?

Mit großer Spannung wird erwartet, wer die Geschicke der Tide-Offense nach dem Abgang von Tagovailoa leiten wird. Die naheliegende Option ist Mac Jones. Er ersetzte Tua eben nach seiner Verletzung und sah dabei durchaus vielversprechend aus (68.8% Completions, 14 TDs, 3 INTs). Jones interpretierte die Offense ähnlich wie Tagovailoa und erwies sich in der einen oder anderen Situation durchaus als Gunslinger mit gutem Arm. Er ist also eindeutig mehr als ein Verwalter. Vor wenigen Tagen wurde Jones erwartungsgemäß zum Starter für das Auftaktspiel ernannt.

Allerdings wird seine Leine relativ kurz sein. Grund hierfür ist Super-Recruit Bryce Young, ein 5-star dual-threat Quarterback und der am zweithöchsten gerankte Highschool-Spieler des vergangenen Jahrgangs. Young ist undersized und relativ schmal gebaut, dafür mit seiner Mobilität absolut elektrisierend und mit einem ziemlich guten Arm ausgestattet. Kann Plays in und außerhalb der Pocket machen, ist also kein reiner run-first Quarterback. Mit ihm würde die Offense von Alabama eine weitere Dimension bekommen. Viele sehen ihn bereits als Quasi-Nachfolger für Tagovailoa an. Sollte Jones also wenig überzeugend wirken, könnte Youngs Stunde schnell schlagen.

Offensive Line

Von RT Wills abgesehen kehrt die Offensive Line mit vier Startern zurück. Nach einem vergleichsweise etwas schwächeren Jahr 2018 hatte sich die Truppe signifikant gesteigert und gehörte 2019 wieder zu den besten Units im College Football. 2020 ist einiges zu erwarten. In Kurz: Diese Line ist nasty und besteht durchgehend aus aggressiven Power-Blockern. LT Alex Leatherwood wäre bereits in der vergangenen Draft ein hoher Pick gewesen: Kräftiger Tackle mit starkem Hands Placement, der auch im Passblock kaum zu bezwingen war. Könnte sich noch in Balance und Stance verbessern.

In der interior Line stehen mit OG Deonte Brown und C Landon Dickerson absolute Mauler. Gerade Brown brilliert mit schierer Power. Die RT-Position von Wills wird durch den hochtalentierten Evan Neal übernommen, der über einen wirklich monströsen Körperbau verfügt. Neal war ursprünglich als Guard vorgesehen, hat die Coaches aber sehr überzeugt. Insgesamt sollte diese Line erneut zu den besten des Landes gehören.

Skillplayer

Wie schmerzt der Abgang der beiden Superstar-Receiver Jeudy und Ruggs am wenigsten? Ganz einfach: Indem man noch DeVonta Smith und Jaylen Waddle aufbieten kann. Smith spielte fast etwas unbemerkt die statistisch beste Saison der gefürchteten Alabama-Receiver (68 Catches, 1256 Yards, 14 TDs). Nach einer verletzungsgeplagten 2018er Saison war der Held des National Championship Games 2017/18 gegen Georgia (s.o.) wieder voll da: Smith wirkt dürr, ist allerdings aufgrund seiner Foot Quickness erstaunlich gut im Release. Sauberer Route Runner mit extrem sicheren Händen. Besonders gefährlich bei Slants, Digs und Crossern – und daher wie geschaffen für die Tide-Offense.

Waddle bringt den Weltklasse-Speed mit und könnte sich in dieser Hinsicht mit Ruggs messen. Unfassbare Explosion vom Start weg, und dann darauf noch beschleunigen. Waddle braucht den Ball in seiner Hand in verschiedenen Situationen. Er ist vielleicht der aktuell beste Angle Eraser im College Football: sei es nach einem Slant über außen oder gegen split Safeties. Waddle wird erneut viel im Slot eingesetzt werden. Er brilliert zudem im Return Game: Letztes Jahr gelangen ihm ein Kick Return Touchdown und ein Punt Return Touchdown.

Hinter den beiden müssen sich erst weitere Playmaker etablieren: John Metchie gilt hier als erster Kandidat. Vielleicht kann sich ja auch einer der true Freshman aufdrängen. Kandidaten wären etwa der schnelle und dennoch physische Thaiu Jones-Bell oder Javon Baker, der seine Stärken in Route Running und Händen haben soll. Schauen wir mal.

Die Tight Ends wurden nach dem Abgang von Irv Smith nicht mehr so prominent im Passing eingesetzt. Miller Forristall ist hier der solide Starter. Dazu kommt nun mit Carl Tucker ein ewig oft verletzter Transfer von North Carolina in seiner mittlerweile sechsten Saison. Meine Hoffnungen ruhen auf dem athletischen Jahleel Billingsley, der als true Freshman ein paar nette Szenen hatte.

Absurde Tiefe im Running Game

Alabama steht unter Saban seit jeher auf kräftige Runner. Das Laufspiel soll die Defense physisch herausfordern und ermüden. Mit diesem Ansatz gelingt es den Tide regelmäßig, die talentiertesten Highschool-Spieler dieses Type Running Back zu überzeugen. Daher sammelt sich oft einiges Talent im Backfield an. Diese Saison ist es besonders krass. Und das hat Gründe.

Denn von allen zurückkehrenden Spielern war RB Najee Harris wohl der größte Paukenschlag. Wirklich niemand hatte damit gerechnet, dass der bullige Runner noch eine Saison im College dranhängen würde: nicht aufgrund seiner Position, erst recht nicht aufgrund seiner Leistung im vergangenen Jahr. Harris ist ein physisches Monster, das beständig Tackles bricht, und zwar auf die brachiale Weise. Holt immer noch Extra-Yards raus dank Kraft im Unterkörper und sich ständig bewegender Beine. Wer jetzt an einen eindimensionalen Runner denkt, der täuscht sich: Harris hat sich im Receiving noch einmal enorm verbessert. Kann durchaus tiefe Routes laufen (insbesondere gefährliche Wheels) und zeigt seine Qualitäten auch im offenen Feld (2019 insgesamt 27 Catches, 304 Yards, 7 Receiving TDs). Beispiel gefällig, das seine ganzen Qualitäten unterstreicht?

Harris’ alter Backup Brian Robinson, mit einer ähnlichen Statur ausgestattet, ist ebenfalls zurück und verschafft Alabama ein seltenes Backfield mit zwei Seniors. Das bedeutet aber auch, dass sich ein kleiner “Logjam” auf der Position bildet. Die hochtalentierten jungen Runner müssen nun noch etwas länger warten – oder Sarkisian setzt auf eine größere Rotation. Vielleicht keine schlechte Idee, denn das Talent hinter Harris und Robinson ist enorm: Trey Sanders war der am besten gerankte RB 2019. Nachdem er im Trainingscamp richtig stark aussag, fiel er verletzungsbedingt die gesamte Saison aus. Aus diesem Jahr bietet sich mit Jase McClellan ein weiteres Toptalent an, das aufgrund seiner größeren Explosivität früh Spielzeit sehen könnte. Es sind viele Münder zu füttern.

Trotz kleiner Unwägbarkeiten auf Quarterback und in der Receiver-Depth ist diese Offense so hochkarätig besetzt, dass man keinen allzu großen Dropoff gegenüber den letzten beiden Jahren erwarten sollte.

Alabama Defense

Das Prunkstück von Alabama war seit jeher die Defense, für sich die Saban als altes Verteidigungs-Genie seit jeher mit-verantwortlich zeichnet. Seit Jahren hat er sein System an die heutigen Offenses angepasst und verfeinert. Vorne eine mächtige 3er D-Line, die meist two-gapping spielt und die O-Line beschäftigen soll, dahinter zwei OLB, die primär als Passrusher und Edgesetter eingesetzt werden. Seine Coverage basiert auf Cover-1 Man und Cover-3-Prinzipien. In letzteren hat er mit seiner Liz/Rip-Strategie ein eigenes kleines Universum mit enormen Variationsmöglichkeiten erschaffen.

In ganz kurz: Neben den drei tiefen Defendern (die beiden Corners außen und ein Safety in der Mitte des Feldes) steht auf jeder Seite ein Overhang-Defender (der Strong Safety und der so genannte STAR). Diese haben je nach Aufstellung der Offense und Start des Plays unterschiedliche Aufgaben: Sie können für vertikale Routen der Slot-Receiver verantwortlich sein, damit die tiefe Dreier-Coverage nicht mit 4-Verticals-Passkonzepten überfordert wird (somit kann die Coverage dann zu einer Quarters auf einer Seite werden). Sie sind enorm wertvoll in der Verteidigung der schnellen Inside Routes bei RPOs. Ebenso können sie je nach Routen-Richtung des Running Backs aus dem Backfield diesen übernehmen (etwa anstelle eines Linebackers, der stattdessen blitzt). Dies verbindet Saban gerne mit Pre-Snap Coverage Disguises, beispielsweise eines 2-high Safety Looks, von denen dann einer dem Snap nach vorne schießt und ein ganz bestimmtes Gap attackiert oder vor eine zuvor bewusst freigelassene underneath Zone cuttet.

Wenn all seine Kniffe nichts nützen, geht Saban meist wieder auf eine Cover-1 zurück und bringt vorne mehr Druck. Dies hat sich mehrfach in engen Spielen ausgezahlt, unter anderem im erwähnten Championship Game gegen Georgia.

Abgänge

Die Spieler der Offense wurden höher gedraftet, aber in der Defense verlieren die Tide mehr Starter. In der Secondary sind dies S Xavier McKinney (2nd round Pick der Giants), CB Trevon Diggs (2nd round Pick der Cowboys), STAR Jared Mayden (UDFA der 49ers) und S Shyheim Carter (UDFA der Jets). Dazu kommen die beiden Passrusher OLBs Terrell Lewis (3rd round Pick der Rams) und der ewige Anfernee Jennings (3rd round Pick der Patriots). Vorne fehlt ein weiterer langjähriger Starter mit DE/DT Raekwon Davis (2nd round Pick der Dolphins).

Alle diese Abgänge waren zwangsläufig (weil Seniors) oder erwartet worden. Die gute Nachricht: Top-Linebacker Dylan Moses entschied sich nach seiner verlorenen Saison wegen Kreuzbandriss für ein weiteres Jahr in Alabama.

Defense: Schlüsselspieler

Einen Vorteil konnte die Defense der Tide aus den Verletzungen und der geringen Tiefe der vergangenen zwei Saisons ziehen: Viele junge Spieler sammelten wertvolle Erfahrungen und können nun womöglich darauf aufbauen. Dennoch ist festzuhalten, dass diese Defense in Teilen vergleichsweise jung und unerfahren sein wird.

In der D-Line dürfte die Tiefe mittlerweile deutlich besser sein. 5-tech DE LaBryan Ray fehlte den Großteil der letzten Saison, ist nun aber wieder fit. Große Hoffnungen ruhen hier auf zwei Sophomores, die in der vergangenen Saison ihr Potenzial mehr als andeuteten: Christian Barmore und Justin Eboigbe. Gerade Eboigbe bringt vielleicht noch etwas mehr Passrush-Qualitäten aufgrund seiner Explosivität mit.

Ein Star in der Mitte…

Bei den Linebackern dreht sich alles um den angesprochenen ILB Dylan Moses. Er ist der Star dieser Defense und ein Top-Prospect für die kommende Draft, über den wir ohne seine Verletzung wesentlich mehr reden würden. Moses bringt eigentlich alles mit: kräftiger Körperbau, schnell und explosiv, top Instinkte und Spielzugerkennung, eine Reichweite von Seitenlinie zu Seitenlinie, aggressiv downhill, ein extrem sicherer und dazu sehr harter Tackler. Für einen Inside Linebacker überzeugt er auch in Coverage absolut. Sein Fehlen in der Mitte merkte man 2019 schmerzlich. Insgesamt war die Position des Inside Linebackers in den vergangenen Jahren von enormem Verletzungspech begleitet. Hoffen wir mal, dass diese Phase beendet ist.

Entscheidend wird sein, wie gut man die abgewanderten Passrusher wird ersetzen können. Hier soll nun unter anderem der 5-star true Freshman Will Anderson eingesetzt werden, der sich gleich einen der beiden Starterposten gesichert hat. Saban und sein DC Pete Golding werden hier voraussichtlich etwas stärker rotieren, bevor sich eine feste Depth Chart herauskristallisiert.

… und eine unerfahrene Secondary

Gleich vier Starter müssen ersetzt werden. Immerhin kann die Tide noch auf Top-CB Patrick Surtain zurückgreifen. Surtain – Sohn des ehemaligen NFL-Cornerbacks mit gleichem Namen – ist ein großer und enorm aggressiver Cover-Corner mit exzellenten Plays auf den Ball, der auch vom technischen Standpunkt enorm weit ist. Zudem bringt er die nötige Foot Quickness und fluiden Hüften für enge Man-Coverage mit. Meiner Meinung nach talentierter als Trevon Diggs und voraussichtlich ein hoher Draftpick im kommenden Jahr.

Der Rest der Secondary muss sich erst einspielen: CB Josh Jobe sammelte bereits ein paar Jahre Erfahrung in Dime-Situationen, wirkte mir aber bei tiefen Bällen nicht immer sicher. S Jordan Battle wurde letzte Saison ein wenig in die Formation reinrotiert, was ihm nun helfen könnte. Auf der neuralgischen STAR-Position wird voraussichtlich mit Malachi Moore ein true Freshman starten. Der gehörte nicht einmal zu den absoluten Top-Recruits von Alabama, muss offensichtlich im Training aber sehr überzeugt haben.

Es ist also zu erwarten, dass Surtain nur wenige Bälle in seine Richtung sehen wird. Zunächst einmal dürften gegnerische Offenses die unerfahrenen Spieler in der Secondary testen. Andererseits hat Saban eigentlich immer verstanden, seine Secondary zumindest von den Assignments diszipliniert einzustellen. Man darf gespannt sein.

Fazit

Alabama tritt mit einer potenziell erneut herausragenden Offense und einer sehr talentierten, aber mit einigen Fragezeichen versehenen Defense in den Kampf um die SEC-Krone an. Betrachtet man den Aderlass anderer Teams der SEC West (insbesondere natürlich LSU), muss die Tide erneut als Favorit auf das SEC Championship Game gelten – und das unabhängig von der Frage des Quarterbacks. Kriegt Saban die Defense schnell auf ein hohes Niveau, ist Alabama erneut ein heißer Kandidat für die Playoffs und auch die National Championship.

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