49ers 2020: Run it back!

Nach frustrierenden Jahren am Bodensatz der Liga kam für die San Francisco 49ers im vergangenen Jahr alles zusammen. In Jimmy Garoppolo hatte man einen fitten und fähigen Quarterback und die Defense hielt endlich dicht. Nur acht Minuten trennten sie letztlich von der sechsten Lombardi-Trophäe.

2
551
4.6
(17)
Lesezeit: 7 Minuten

Kyle Shanahans Karriere als Head Coach der 49ers hätte sicher glücklicher starten können. Nach seiner Anstellung 2017 krempelte er gemeinsam mit GM John Lynch das komplette Roster um und ließ kein Stein auf dem anderen. Die folgende erste Saison machte vermutlich niemand in der Organisation großen Spaß, doch die Qual hatte ein Ende, als kurz vor der Trade Deadline für Patriots-Backup Jimmy Garoppolo getradet wurde. Es ging zwar um nichts mehr, aber mit fünf Siegen in fünf Spielen schien man einen Spielmacher für die Zukunft gefunden zu haben.

Diese Hoffnung wurde in der Saison darauf schon in Woche drei erstmal auf Pause gestellt. Garoppolo riss sich gegen die Kansas City Chiefs das Kreuzband – wieder ein verschwendetes Jahr in der Bay Area. C.J. Beathard und Nick Mullens durften sich under Center versuchen, nicht unbedingt erfolgreich. Ergebnis: ein weiterer hoher Draftpick.

2019 mussten Ergebnisse her. Auch wenn das offensive Genius von Shanahan hier und da trotz miesem Personal aufblitzte – so langsam mussten die PS auf die Straße gebracht werden. Et voilà, endlich passte alles. Die 49ers marschierten – dank einer dominanten Defensive – mit 13-3 erst durch die Liga und dann in den Playoffs auch durch Minnesota und Green Bay. Wären da nicht jene acht Minuten gewesen…

Jetzt heißt die Mission für Shanahan zum ersten Mal nicht “Rebuild”. Dass es die 49ers letztes Jahr zur Ligaspitze gehörten, haben sie gezeigt. Können sie dort auch bleiben?

Offense

Was San Franciscos Offensive ausmacht, ist leicht zu verstehen, aber schwer zu stoppen. Shanahans System basiert auf dem Outside-Zone-Lauf und verknüpft dieses effizient mit dem Play-Action-Pass, um Big Plays zu kreieren. Jeder Spielzug sieht erst mal gleich aus, bis er eben nicht mehr gleich aussieht. Geht der Ball zum Running Back oder behält ihn der Quarterback? Setzt Superstar George Kittle zum Sift-Block an oder schleicht er sich doch in der Flat für einen einfachen Catch frei?

Für dieses Scheme einen defensiven Gameplan zu erstellen, ist wie eine Matheklausur ohne Taschenrechner zu rechnen. Und ohne Stift. Aber dafür sind die Zahlen farbig und tanzen auf dem Blatt.

Offensive Line

Das Fundament der 49ers Offensive wird in den Trenches gelegt. Die Unit bleibt im Vergleich zu 2019 größtenteils bestehen, doch der eine Abgang ist signifikant. Wenn ein Publikumsliebling wie Joe Staley seinen Platz auf Left Tackle räumt, ist es quasi unmöglich, gleichwertigen Ersatz zu beschaffen. Wieso also nicht upgraden?

In Trent Williams holte Lynch einen der talentiertesten Tackles der Liga per Trade nach San Francisco. Einziger Haken: Williams hatte letztes Jahr ausgesessen und nur noch ein Jahr Vertrag. Nicht ideal, aber zusammen mit RT Mike McGlinchey vermutlich eines der besseren Tackle-Tandems der Liga. Der geht in sein drittes Jahr und hat sich als guter Run- und durchschnittlicher Passblocker etabliert.

Zwischen den Beiden sieht’s nicht perfekt, aber ganz okay aus. LG Laken Tomlinson ist solide, RG Daniel Brunskill ein Alleskönner und C Weston Richburg zwar athletisch, aber auch verletzungsanfällig. Er wird die Saison auf der PUP-Liste starten, kann also erst ab Woche sieben mitmischen. Wenn sein Backup Ben Garland seine Knöchelverletzung nicht rechtzeitig auskuriert, könnte es da Probleme geben.

Waffenarsenal

Dinge die man mitbringen muss, um auf einer Skill Position für Kyle Shanahan zu spielen: Geschwindigkeit, Vielseitigkeit und YaC.
Yards nach dem Catch machen dem Quarterback das Leben leicht und das sollte das ultimative Motiv einer Offensive sein, oder? Egal ob durch Screens, Shovel-Pässen oder sonstigen Schnickschnack – Shanahan wird es immer schaffen Spieler den Ball im freien Raum zu geben. Sie müssen nur etwas draus machen.

Niemand kann das besser als der frischgebacken bestbezahlteste Tight End der Liga, George Kittle. Ein ultra-physischer Blocker, der nebenbei auch noch 4,5-Speed mitbringt und vorletztes Jahr den Rekord für die meisten Receiving Yards seiner Position brach. Wer braucht da noch einen Nummer-Eins-Receiver?

Und da liegt der Hund bei den 49ers begraben, das Receiving Corps sieht gar nicht mal so überzeugend aus. Der Passcatcher und gelegentliche Ballträger Deebo Samuel verpasste mit einer Fraktur im Fuß große Teile des Training Camps, Kollege Jalen Hurd wird auch seine zweite Saison in der Liga komplett verpassen. Bleiben da noch Rookie Brandon Aiyuk, der ebenfalls Oberschenkelprobleme hat, und ein Haufen guter Nummer vier Receiver. Die Coaches lieben den ehemaligen UDFA Kendrick Bourne, doch der hat Drop-Probleme und wird von seiner mangelnden Athletik doch ziemlich zurückgehalten. Trent Taylor ist ein flinker, kleiner Slot-Receiver, doch auch seine Bestleistungen liegen ein paar Jährchen zurück. Und niemand würde sich über ein Breakout-Jahr von Dante Pettis mehr freuen als ich, aber wahrscheinlich ist es beileibe nicht. Ein Veteran wie Emmanuel Sanders würde dieser Unit wirklich guttun.

Auf Running Back spielte sich letztes Jahr Raheem Mostert fest. Er soll unterstützt werden von Veteran Tevin Coleman und dem vielleicht nicht mehr verletzten Jerick McKinnon. Fullback Kyle Juszczyk kann in besonderen Momenten immer ein X-Faktor sein. Ultimative Wildcard ist TE Jordan Reed, der Beatwritern zufolge ein gutes Camp hatte, aber wegen Gehirnerschütterungen 2019 kein Spiel bestritt.

Quarterback

Lange genug um den heißen Brei herumgeredet, jetzt Butter bei die Fische! Ist Jimmy Garoppolo tatsächlich ein guter Quarterback, oder wurde er letztes Jahr von Defense und Coaching Peyton-mäßig bis in den Super Bowl geschleppt?

Wenn man sich Garoppolos Saison anschaut, sollte man Folgendes bedenken. Es war seine erste volle Spielzeit als Starter überhaupt und er kam von einem Kreuzbandriss zurück. Das war seinem Spiel auch zu Beginn anzusehen. In den ersten Spielen der Saison wirkte er nicht immer sicher und warf mehr über-aggressive Bälle, als ihm lieb sein konnte – ein Problem, was er auch im Laufe der Saison nie so ganz abstellen konnte. Um das zu kontern, hielt er in den Spielen darauf den Ball öfters länger und öfters zu lange. Die Turnover gingen runter, die Sacks allerdings hoch. Zu Saisonende steigerte er sich merklich mit starken Leistungen in New Orleans und gegen die Cardinals.

Blick auf die Zahlen: In EPA/Play rangiert Garoppolo an #7, in #CPOE an #13 und in PFF Passing Grade ebenfalls an #13.

Schlussfolgerung: Er ist ein grundsolider Quarterback, der offensichtlich von Shanahans System profitiert. Jimmy G ist ein sehr akkurater Passer, der viele positive Plays macht und im Ligadurchschnitt ist, was negative Plays angeht. Einzig und allein die konstanten Big Plays gehen seinem Spiel ab. In PFFs Big-Time-Throw-Percentage landet er nur auf Rang 31 und das, obwohl er nicht mal schlecht bei diesen Würfen ist – er versucht sie nur viel zu selten.

Insgesamt halte ich ihn tatsächlich für eher underrated, weil die 49ers in ihren beiden ultra-lauflastigen Siegen in den Playoffs ganz gut ohne ihn auskamen. Aber sind sie so viel gelaufen, weil sie kein Vertrauen in Garoppolo hatten oder weil sie früh weit vorne lagen und das Spiel nach Hause schaukeln wollten? Ich tendiere zu Letzterem.

Defensive

Dass sich die 49ers offensiv verbessern würden war zu erwarten, aber der Fortschritt, der auch defensiv gemacht wurde, kam aus dem Nichts. Nun ja, nicht komplett vielleicht. Aber trotz der Additionen von Dee Ford und Nick Bosa hatten nicht mal die größten Optimisten mit einer Verbesserung von #29 auf #2 in Pass-Defense-DVOA gerechnet. Gerade in der ersten Saisonhälfte spielte die Einheit von DC Robert Saleh auf historisch einzigartig hohem Niveau.

Das Problem: Nur überaus selten können Teams, die sich von einem Jahr aufs andere so krass verbessern das Level auch halten. Vermutlich wird die Regression also kommen, nur wie stark wird die ausfallen?

Front Seven

Die Defensive Line ist im Vergleich zu letztem Jahr größtenteils zusammengeblieben, einzig und allein DT DeForest Buckner wurde durch Rookie Javon Kinlaw ersetzt. Buckner und Nebenmann Arik Armstead brauchten beide neue Verträge, bezahlen konnten oder wollten sie nur einen. Die Wahl fiel auf den günstigeren, aber auch riskanteren Spieler. Armstead war 2019 großartig, aber das war auch sein einziges wirklich gutes Jahr – Buckner zeigte deutlich konstantere Leistungen. Dass der durch Kinlaw eins zu eins ersetzt werden kann, ist Utopie.

Außen ist Nick Bosa offensichtlich gesetzt und auch Dee Ford sollte gerade bei 3rd Down wieder mehr auf dem Platz stehen. Der ist Speed-Rush-Spezialist, hat aber konstant mit Knie- und Oberschenkelproblemen zu kämpfen. Um Snaps in der Rotation streiten sich dann der ehemalige 3rd Overall Pick Solomon Thomas, Kentavious Street und Kerry Hyder Jr. Bei Run Downs sollte NT D.J. Jones gesetzt sein. Buckner ist ein Verlust, aber diese 49ers D-Line ist nichtsdestotrotz eine der besten der Liga.

Auf Linebacker war Kwon Alexander die große Verpflichtung, doch das Breakout-Jahr kam vom 23-jährigen Fred Warner, der sich zu einem der besten Coverage-Linebackern der Liga mauserte. Alexander selbst war gerade wegen seinem unsicheren Tackling eher mittelmäßig, kam in den Playoffs aber auch von einem Brustmuskelriss zurück. In Base-Formationen übernimmt den dritten Spot Dre Greenlaw, der als Fünfrundenpick eine nette Überraschung war.

Secondary

Das größte Sorgenkind der 49ers stellte sich als Stärke heraus. Future-Hall-of-Famer Richard Sherman spielte ein großartiges Jahr, Nickelback K’Waun Williams ebenfalls und dahinter gehörten SS Jaquiski Tartt und FS Jimmie Ward zum oberen Durchschnitt. Einzig der andere Outside Cornerback Spot schwächelte gerne mal. Ahkello Witherspoon startete gut, wurde dann aber nach einigen schwachen Auftritten gegen Emmanuel Moseley ausgetauscht, der niedrige Erwartungen zumindest übertraf. Er wird wohl auch dieses Jahr gegen Arizona den Job bekommen.

4/5 möchte man sagen, aber es ist nicht unbedingt wahrscheinlich, dass die 49ers auch dieses Jahr wieder die zweitbestbewertetste Secondary der NFL laut PFF stellen werden. Richard Sherman wird nicht jünger und generell scheinen Coverage-Grades von Jahr zu Jahr stärker zu schwanken als andere. Auch hier darf man also eine sanfte Eingliederung ins obere Mittelfeld erwarten. Zumal die Tiefe hier ein Problem ist.

Apropos Tiefe: CB Jason Verrett ist noch immer in der Liga und hat auch dieses Jahr schon wieder Training-Camp-Hype bekommen. Zumindest bis zu seiner Oberschenkelzerrung.

Ausblick

Die Abgänge von Sanders und Buckner, das dünne Receiving Corps und das Fragezeichen auf Center – zu behaupten, dass sich San Francisco über die Offseason verbessert hat, wäre vermessen. Gerade wenn man bedenkt, dass in einer verkürzten Offseason Rookies tendenziell noch etwas länger brauchen werden, um aufs Feld zu kommen.

Dass die 49ers also wieder 13 Spiele gewinnen werden, ist unwahrscheinlich. Doch die Regressionskeule muss nicht immer ins Negative schwingen: Letztes Jahr hatten die Kalifornier mit unglaublichem Verletzungspech zu kämpfen und kamen dennoch bis in den Super Bowl. Mehr als unwahrscheinlich, dass sich dies 2020 fortsetzt. Solange Kyle Shanahan die Offense dirigiert und Jimmy Garoppolo gesund bleibt, sollten die Niners in der NFC West Favorit sein und wieder die Playoffs erreichen können.

Hoffentlich bekommen sie dann acht Minuten, um’s besser zu machen.

2 KOMMENTARE

  1. Ich bin ja irgendwie optimistisch, dass es die Saison von Solly wird. Das wird natürlich nicht reichen, um die Regression der Defense zu verhindern.

    Mit den starken Seahawks, den stärkeren Cardinals und den unterschätzen Rams wartet eine knüppelharte Division. Alles ab 11 Siegen würde ich als Fan sofort unterschreiben.

    • Absolut.

      Ich glaube auch, dass Thomas nen gewissen Impact haben kann. Letztes Jahr sah er schon verbessert aus und Möglichkeiten wird er bekommen – mit Kinlaw rechne ich nämlich nicht früh.

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen