Am runden Tisch: Fünf Thesen zur NFC West

Willkommen zur besten Division der NFL. Vier tapfere Teams kämpfen um den Divisionstitel, ohne dass es krasse Außenseiter und Underdogs gibt. Egal ob sie im Endeffekt einen oder vier Playoff-Plätze füllt, die NFC West verspricht so spannend zu werden wie schon lange nicht mehr!

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Spannender als die NFC West letztes Jahr kann ein Rennen um die Division kaum enden, oder?
Die Seattle Seahawks hatten in Woche 17 daheim gegen die 49ers noch Sekunden vor Schluss die Chance, mit einem Touchdown bei 4th Down das Spiel zu drehen und die Division zu gewinnen. Ein Tackle von Rookie-LB Dre Greenlaw Millimeter vor der Goalline verhinderte dies.

Auch dieses Jahr sind 49ers und Seahawks die Favoriten, doch auch Rams und Cardinals sind nicht chancenlos. Sean McVay hat sein offensives Genius mit Sicherheit nicht verloren und die Murray-Kingsbury-Connection hat ihre besten Tage noch vor sich. Wir bitten unsere Autoren zum letzten Male an den runden Tisch.

1.) Mit den besseren Receivern von 2020 sehen wir eine Rückkehr zu mehr 10-Personnel bei Kliff Kingsburys Arizona Cardinals.

Maximilian Länge: Ich bin mir nicht so sicher, ob das primär von den Receivern abhängt. Kingsbury bewies 2019, dass er von der Idee Air Raid weggehen kann, wenn sein Team – besonders sein junger Quarterback – damit überfordert ist. Kyler Murray lernte in der Folge schnell dazu. Nun muss er Konstanz zeigen, die eine Rückkehr zu Air Raid zulässt. Natürlich kommt ihm dabei entgegen, dass Receiver DeAndre Hopkins die Aufmerksamkeit der Secondaries auf sich ziehen wird. Aber am Ende hängt’s an Murrays individueller Entwicklung. Da ich die (Achtung Spoiler) erwarte, sage ich ja zu mehr 10 Personnel.

Thomas Psaier: Ja, das erwarte ich. Edel von Kingsbury, dass er letztes Jahr eingesehen hat, dass es mit zweitklassigen oder jungen Receivern nicht anders geht, als umzustellen, doch jetzt hat man Nuk Hopkins, und die vielen Jungspunde sind ein Jahr älter. Die nächste Evolutionsstufe der Air-Raid Offense kann gezündet werden.

James Wiebe: Das würde ich pauschal nicht so behaupten. Kingsbury hat letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen, dass er seine Offensive anpassen kann, wenn ihm für seine “Idealvorstellung” das Personal fehlt. Wenn er das konnte, wird er auch seine Lehren aus der vergangenen Saison ziehen können und das Positive mitnehmen. 12-Personnel mit zwei Tight Ends hat letztes Jahr vernünftig funktioniert, kein Grund, es völlig einzustampfen.

Christian Schimmel: Es wäre eine Rückkehr zu einer klassischeren Air-Raid und damit zudem, was Kingsburys über Jahre bei Texas Tech gecoached hat. Wie ich in meiner Preview aber anmerkte, wurde die Offense erst dann besser, als er vom sturen 10-Personnel abrückte und das Laufspiel mehr Raum bekam. Zudem hat Tight End Maxx Williams seine Chance genutzt und war zum Saisonende ein wesentlicher Teil des Angriffs. Ich denke, durch die verbesserte Situation auf Receiver sehen wir mehr 10-Personnel, aber sicher nicht so viel, wie zu Beginn der Saison 2019.

2.) Jared Goff oder Jimmy-G?

Christian Schimmel: Knapp Jimmy G, auch wenn ich glaube, dass beide klar von herausragenden Trainern profitieren und das die Entscheidung erschwert. McVay und Shanahan kaschieren vorhandene Schwächen. Bei Goff macht mir jedoch die Entwicklung Sorgen. Speziell unter Druck hatte er 2019 gewaltige Probleme. Insofern Jimmy G, sehe ich stabiler, aber auch nur eine Nasenlänge vorne.

Maximilian Länge: Eigentlich will ich das nicht zur persönlichen Angelegenheit machen. Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um mein jahrelanges Misstrauen bezüglich Jared Goff offenzulegen. Ich war bei ihm schon skeptisch, als er als hochgelobter Freshman im Monsun von Eugene (“It never rains in Autzen Stadium”) Ende September 2013 im ersten Quarter drölfzig mal den Ball verlor und gebencht wurde. Das war als Oregon Duck trotz bis auf die Unterhose durchnässter Kleidung ganz lustig anzusehen von den Zuschauerrängen.

Und jetzt ernst: Die Frage (lässt man das Offense-Personal mal ganz außen vor) sollte hier eher McVay oder Shanahan lauten, denke ich. Beide haben eine Offense für die Skills ihrer Quarterbacks gebastelt. Goff hat alle Würfe im Repertoire, Garoppolo ist der smartere Spielmacher. Ich hätte lieber den Quarterback, um den herum ich eine facettenreiche, komplexe Offensive aufbauen kann als den, der seine physische Klasse durch fehlendes Spielverständnis auf NFL-Level limitiert. Aber das klingt sehr überheblich als jemand, der selbst so viel weniger von Football versteht als die beiden JGs.

James Wiebe: Ich nehme hier Garoppolo, auch wenn ich zugeben muss, dass sich die beiden ähnlicher sind, als mir lieb wäre. Beide können stark aufspielen, wenn sie Talent um sich herum haben und das Playcalling ihnen hilft (was mit Shahanan und McVay praktisch immer gegeben ist). Ich glaube, man tut ihm unrecht, wenn man Jimmy G als simplen Game Manager abstempelt, der nur von Coaching, Laufspiel und Defense durch die Playoffs getragen wurde. Ich glaube allerdings auch nicht, dass der 2019er Jared Goff die finale Version von ihm sein muss. Er war im Jahr 2018 über Strecken großartig, wieso sollte er sich nicht irgendwo zwischen diesen beiden Jahresleistungen einpendeln?

Thomas Psaier: Sehr schwierig. Goff funktionierte nur „im System“, und Garoppolo kennen wir nur „im System“. Goff hatte bislang das höhere „Ceiling“, wenn die Rahmenbedingungen gepasst haben, aber Garoppolo wirkt etwas systemunabhängiger. Aber Garoppolo genießt auch den besseren Coach. Beweglich genug sind sie beide. Darf ich würfeln?

3.) Die Seahawks haben sich klammheimlich eine Top-5 Secondary zusammengekauft.

Thomas Psaier: Sie kratzen zumindest an den Top-5. Chargers, Ravens, Patriots musste man mal als deutlich besser ansehen, aber alle haben wesentliche Leistungsträger verloren. Die Seahawks haben zwei potenzielle neu dazugeholt. Jamal Adams ist einer der wertvollsten Abwehrspieler in der ganzen NFL, und Quinton Dunbar – sagt zumindest PFF – ist einer der unterschätztesten. Tiefe dahinter ist ganz passabel; jetzt muss das Talent herausgekitzelt werden. Das heißt: Adams auch als Blitzer nutzen. Und zumindest ein bisschen Unterstützung vom Pass-Rush ist auch notwendig.

Christian Schimmel: Kann man definitiv behaupten und selbst wenn man sie außerhalb der Top 5 sieht, dann sind jedenfalls nicht weit weg. Zumal einige der jüngeren Spieler schon Talent angedeutet haben, ohne übermäßig viele Snaps gespielt zu haben. Seattle hat in den vergangenen Jahren immer stark in die Secondary investiert und den Übergang von der Legion of Boom hin zu einem erneut herausragenden Defensive Backfield geschafft.

Maximilian Länge: Gehe ich mit – unter drei Bedingungen.

  1. Dass es auf Nickel klicken muss, habe ich in meiner Seahawks-Vorschau geschrieben. Meine große Hoffnung ruht auf Marquise Blair.
  2. Meistert Neuzugang Quinton Dunbar die von Pete Carroll gelehrte und eingeforderte Step-Kick-Technik? Sonst bekommt er keine Spielanteile, da war der Cheftrainer bislang konsequent.
  3. Der Pass Rush muss der Secondary mehr zuarbeiten als 2019. Das ist womöglich von allen drei Bedingungen die problematischste.

James Wiebe: Auf dem Papier sieht sie ziemlich geil aus, ja. Wenn Marquise Blair es schafft den Nickel-Spot einigermaßen zu besetzen, gibt es kaum Fragezeichen. Ich persönlich weiß noch nicht, ob ich so richtig auf den Dunbar-Hypetrain aufspringen mag. Keine Frage, er war exzellent letztes Jahr, aber Fakt ist auch, dass er in den vier Saisons zuvor nicht annähernd auf diesem Niveau spielte und Coverage-Grades tendenziell gerne schwanken. Aber muss er wirklich spielen wie ein Top-10 Cornerback?
Nachdem ich letztes Jahr in Kansas City gesehen habe, was ein Elite-Safety für eine Secondary tun kann, glaube ich das nicht. Top-5 ist hoch gegriffen, aber die Chance ist da.

4.) Es ist Saisonende. Kyler Murray ist der anerkannt zweitbeste QB der NFC West.

James Wiebe: Muss ich es sein, der so ein bisschen die Bremse bei dem Murray-Hypetrain zieht? Ich glaube, er hat eine solide Chance, ein guter NFL-Quarterback zu werden. Er ist mobil, akkurat und passt gut ins Kingsburys Offense. Aber dass seine 2019er Saison so großartig war, wie es bei einigen klingt, hab ich schlicht anders gesehen. Er hatte gute Momente, in denen er wie ein Franchise QB aussah, aber er hatte auch Momente, in denen man ihn gut und gerne mit Quinton Flowers verwechseln konnte (USF-QB, kein Shot gegen ihn). Und das ist okay für einen Rookie. Zweitbester QB der NFC West zu werden ist keine Mission Impossible, aber wir sollten es ruhig mit Kyler angehen und ihm Zeit geben.

Thomas Psaier: Ja. Kyler ist nicht ohne Flausen, aber er ist der perfekte Quarterback für das, was Kliff Kingsbury spielen will. Und sein Waffenarsenal wurde um einen der besten Receiver der NFL (Nuk Hopkins) erweitert. Es gibt in der NFL immer Gründe, warum etwas schieflaufen kann. Bei Kyler 2020 sehe ich nicht viel mehr als eine schwere Verletzung.

Christian Schimmel: Er ist die beste Wette, weil er Potential gezeigt hat und von den Optionen die jüngste ist. Dennoch gehe ich nicht mit, weil ich glaube, dass Jimmy Garoppolo eine gute Saison spielen wird und die #2 der Division hinter Russel Wilson wird. Im zweiten Jahr machen die meisten Spielmacher den größten Sprung, insofern werden auch die Erwartungen an Kyler Murray steigen.

Maximilian Länge: Und er wird dem erstbesten Quarterback der Division dabei recht ähnlich sehen. Edles Tiefpassspiel plus Gefahr als Läufer und Big-Play-Gestalter – Murray vereint Skills, die Goff und Garoppolo nicht in derselben Ausprägung haben. Die Routine kommt dann von alleine.

5.) Die NFC West ist die beste Wette, alle vier Teams in die Playoffs zu bringen.

Maximilian Länge: Könnte man meinen, ja. Aber selbst die beste Wette ist in diesem Fall noch eine mit geringer Wahrscheinlichkeit. Wenn man damit sagen will, dass alle vier Teams Playoff-Potenzial haben, dann stimme ich zu. Die Realisierung von vier Postseason-Teams aus einer Division scheitert aber trotz vermeintlich einfachem Spielplan daran, dass alle sich gegenseitig die Siege wegnehmen werden und die NFC bei den Playoff-Kandidaten etwas breiter aufgestellt ist als die AFC.

Thomas Psaier: Ja. AFC North ist auch stark, aber die Rams als kolportierte #4 der NFC West sind stärker einzuschätzen als die Bengals. Drei NFC-West-Teams in der Post Season würden mich nicht überraschen. Für vier muss schon alles passen – aber manchmal braucht es nur ein oder zwei knappe Spiele, die „richtig“ enden, um statt 7-9 eben 9-7 zu geben und dann an Bradys Bucs oder Pedersons Philly vorbei die neu verloste dritte Wildcard abzustauben.

Christian Schimmel: Ja, weil sie kein Team haben, dass nach unten abfällt wie in fast allen anderen Divisionen. Dazu haben alle Mannschaften ihre Trainerstäbe weitestgehend behalten. Abzuwarten bleibt nur, wie sich der Abgang von Defensive Coordinator Wade Phillips auf die Rams auswirkt. Faktisch könnte 8-8 für Platz 7 in der NFC reichen und das traue ich auch allen in der NFC West zu.

James Wiebe: Ich halte die NFC West insgesamt für die Division mit der meisten Qualität. Alle vier Teams haben denkbare Szenarien, in denen sie am Ende in die Playoffs kommen. Aber macht es das wahrscheinlicher, dass sie auch vier Teams stellen oder gehen in den internen Duellen dabei zu viele Siege verloren? Ich weiß es nicht.

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