Das Quarterback Memo: Wann ist die Geduld am Ende?

Das Memo dieser Woche beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie viel Geduld junge Quarterbacks bekommen... und wie viel sie verdienen. Dazu ein Veteran, der noch nicht fertig ist und Misstrauen in Washington.

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Ab wann kann man bei einem Quarterback sagen, dass er gescheitert ist? Und wann darf das böse B-Wort ausgepackt werden?
Die Frage stellen sich Fans und Teams bei enttäuschenden First Round Picks ziemlich oft und dabei wird stets nach demselben Muster vorgegangen. Nach dem ersten Jahr fehlt es ihm an Erfahrung, nach dem zweiten ist der Supporting Cast zu schlecht. Kein Wunder, ziehst du einen frühen Spielmacher, fehlt dieser Pick natürlich an anderer Stelle, richtig? Wenn der Spieler dann im dritten Jahr noch immer dieselben Fehler macht, fängt man an, das Coaching infrage zu stellen.

Lasst mich eine These aufstellen: Ob ein Quarterback gut ist, sieht man in der Regel sehr schnell. Es mag Ausnahmen geben, aber wie viele Quarterbacks können nach zwei schlechten Jahren das Ruder noch herumreißen und sich zu Franchise Playern entwickeln?

Sam Darnold – wie lange noch?

Aufmerksamen Lesern wird aufgefallen sein, dass die oben stehende Beschreibung ziemlich gut auf Sam Darnold von den New York Jets zutrifft. Wenige hatten einen ungünstigeren Start in die Karriere als Darnold. Als Rookie mit einem schlechten Roster ins kalte Wasser geworfen und Zeit mit einer Fußverletzung verpasst, dann letztes Jahr die Mono-Erkrankung und das ominöse Ghost-Game. In der vergangenen Offseason stellte ihm GM Joe Douglas kaum Hilfen zur Seite und ließ in Robby Anderson sogar den besten Receiver ziehen. Darnolds Leistungen bisher waren ziemlich mangelhaft, aber wer würde es ihm auch verübeln, in solch einer Situation?

Aber ist es nicht ganz genau das, was man von einem Franchise Quarterback erwartet? Dass er das Team schultert und seinen Supporting Cast besser macht, anstatt von anderen Spielern abhängig zu sein? Oder anders gefragt: Wäre Sam Darnold ein guter Quarterback, hätten wir im dritten Jahr nicht zumindest Ansätze davon sehen müssen? Nur um vorher die Fakten zu klären: Seit 2018 rankt Sam Darnold in EPA/Play an #43 und in CPOE an #37… von 45 Passern mit mindestens 300 Plays. Nun, das sind sogenannte “Outcome Stats”, also Statistiken, die das Resultat eines Spielzugs messen und nicht den Prozess. Lässt ein Receiver also einen Pass fallen, zieht das den QB runter. Schauen wir uns also Darnolds Platzierungen in PFFs Passing Grades an, die exakt das Gegenteil machen. 2018 – #31, 2019 – #27, 2020 bisher – #31.

Gut ist anders. Und auch Durchschnitt sähe anders aus. Dass Adam Gase ein grauenhafter Coach ist, muss ich niemandem erzählen. Aber ist es seine Schuld, wenn Darnold auch im dritten Jahr noch zurückfallende CBs übersieht, wie bei seiner zweiten Interception? Oder dass seine Fußarbeit noch immer dafür sorgt, dass er die seltenen offenen Receiver überwirft? Das alles sind Plays, die ein 3rd Overall Pick in seinem dritten Jahr einfach nicht mehr bringen kann.

Natürlich sind zwischen den schlechten Aktionen immer mal auch Geniestreiche dabei, wie seine Touchdowns in den letzten beiden Spielen, die an Mahomes erinnern. Aber diese sind zu selten und oft auch zu spät. Sam Darnold mag vielleicht nicht das (einzige) Problem der Jets sein, er ist aber mit Sicherheit auch nicht die Lösung. Denn das hätte er uns mittlerweile gezeigt.

Philip Rivers – der Tank ist noch nicht leer

Die Verpflichtung von Chargers-Legende Philip Rivers nach Indianapolis wurde nicht von jedem so positiv gesehen wie von Kollege Fabian Sommer. Klar, Rivers ist allein wegen seiner gewaltigen Passing Stats ein ziemlich sicherer Hall-of-Famer, aber seine 2019er Saison gab schon vielen Experten zu denken. Unzählige 4th Quarter INTs ließen ihn etwas zum Meme verkommen und ähnlich wie momentan bei Drew Brees, sorgte man sich ob der schwindenden Armstärke. Dabei wurde jedoch zu oft außer Acht gelassen, dass viele dieser Turnover eben deshalb passierten, weil die Chargers spät zurücklagen und Rivers das Unmögliche möglich machen musste. Auch in anderen Bereichen sah er in der Saison nicht schlecht aus. Trotz seiner Old-Man-Athletik nahm er selbst unter Druck vergleichsweise wenige Sacks und lieferte aus einer sauberen Pocket Werte in den Top-10 ab.

Die Formel der Colts also: Setze Philip Rivers hinter die vielleicht beste Offensive Line seiner Karriere und lass ihn mal machen. Und sieht das wie ein zerschossener Arm aus? Er sieht den freien Rusher kommen, weiß dass sein Mitspieler offen sein wird und wirft den Ball in letzter Sekunde. Purer Arm, ohne Base.

Sein Arm ist nicht das Problem, es gibt eigentlich kaum Probleme momentan in Indy. Rivers wird den gelegentlichen Yolo-Wurf in diesem Alter nicht mehr ablegen, aber was er an Konstanz und Qualität mitbringt, macht die Colts so viel gefährlicher als es mit Jacoby Brissett je der Fall wäre. Crossing Routes haben schon bei den Chargers wunderbar funktioniert, das setzt sich in Frank Reichs Offensive nahtlos fort.

Mit den neuerlichen Ausfällen von Michael Pittman und Parris Campbell ist das Receiving Corps der Colts allerdings ordentlich ausgedünnt. Es scheint, dass Rivers die Kohlen mal wieder alleine aus dem Feuer holen muss. Das Zeug dazu hat er allemal noch.

Dwayne Haskins – an der kurzen Leine

Stell dir vor, es ist Draft, aber keiner will dich. Und trotzdem zieht dich jemand. So in etwa muss es Dwayne Haskins ergangen sein, der im 2019er Draft an 15. Stelle ausgewählt wurde. Damals-Redskins Owner Dan Snyder setzte sich über den Willen seines Head Coachs hinweg, der kein Fan von Haskins war. Jay Gruden weigerte sich lange, den Rookie starten zu lassen – eines von vielen Zerwürfnissen mit Snyder, die ihn letztendlich den Job kosteten. Als Haskins schließlich doch aufs Feld kam, zeigte er durchwachsene Leistungen.

In der Offseason kam in Ron Rivera ein neuer Coach, der scheinbar ähnlich wenig von ihm hielt. Schon vor dem ersten Spiel hörte man wenig Vertrauensvolles aus Richtung des Coaching Staffs und nach der Niederlage am Sonntag gegen die Browns zählte Rivera Haskins öffentlich an. Es gebe viele Spieler, die ihr Bestes geben und Besseres verdienten. Man muss keinen Deutsch-Leistungskurs belegt haben, um da eine Warnung an seinen Quarterback herauszulesen.

Neue Coaches wollen gerne ihren eigenen Spielmacher ins Haus holen und forcieren diese Wechsel, aber Rivera hat schon recht hier. Haskins gehört bisher klar zu den schlechtesten Passern der Liga. Er ist inakkurat, immobil und spielt dazu noch langsam. Es gibt derzeit wenige Bereiche, in denen er keine Probleme hat und er spielt schon am Wochenende gegen Baltimore um seinen Job. Setz einen jungen dauer-überforderten Quarterback vor die dauer-blitzende Ravens-Defensive und schau, was passiert. Wäre doch gelacht, wenn wir Alex Smith nicht noch vor Thanksgiving auf dem Feld sehen.

4 KOMMENTARE

  1. Absolut, danke für die ausführliche Antwort. “Schwach” war auch eher das falsche Wort (sorry dafür), mir fehlte nur dieser Aspekt… Danke so oder so für die klasse Seite und die guten Artikel!

    Aber irgendwie wundert mich das in letzter Zeit schon sehr, alleine wenn man sich die QB-Draftklasse von Darbold anschaut. Hieß es nicht damals, dass sei eine der stärksten Klassen des letzten Jahrzehnts oder so? Ich frage mich halt, ob dieser Aspekt der Lernfähigkeit wirklich so schwer für NFL-Teams bestimmbar ist, weil die Quote an guten QB-Treffern ja nicht sonderlich hoch ist. Und im College haben diese QBs ja gezeigt, dass sie spielerische Ansätze haben, die für die NFL passen könnten. Die mangelnde Weiterentwicklung kann dann ja nur noch an der eigenen Lernfähigkeit und an den Umständen (Coaching + Supporting Cast) liegen…

    • Ja, diese Quarterback Klasse wäre eigentlich noch mal ein Thema für sich.

      Ich hatte die auch als eine der besten überhaupt auf dem Zettel, aber wie die Quoten beweisen: die NFL ist nicht gut darin QBs zu scouten und ich noch weniger. 😅

      Es gibt kaum wirklich “sichere” Prospects, bei denen man sich wirklich einig ist. Burrow dieses Jahr war vielleicht der erste seit Jahren.

  2. Ich muss gestehen, dass ich diesen Artikel eher schwach finde. Alleine weil, dass er komplett den Aspekt ausblendet, dass junge Quarterbacks auch einfach Zeit zum lernen brauchen, und eben das komplett ausgeblendet wird. Wenn man sich die Draft-Historie der letzten Jahre anschaut, scheinen Teams eben diesen Aspekt nicht so zu erkennen, also wie lernfähig ein QB unter ggf schlechtestefalls schlechten Umständen ist. Im Grunde muss man das bei der Bewertung von QBs aber mitberücksichtigen oder nicht?

    • Danke für den Kommentar erstmal.

      Natürlich haben junge Quarterbacks Lernkurven und entwickeln sich im Laufe der Jahre weiter. Nur glaube ich, dass ein QB mir mindestens Anzeichen geben muss, dass er so eine Entwicklung auch hinlegen kann. Denn wie viele QBs gibt es, die zwei legitim schlechte Jahre zu Beginn ihrer Karriere überwinden konnten, um dann noch zu einem Franchise-QB zu werden?

      Die Auswahl ist nicht groß, auch wenn Josh Allen sich momentan anstellt, ein Gegenbeispiel zu werden.

      Nun konkret zu den Jets: je länger Darnold uns nicht zeigt, dass er’s kann, umso geringer wird die Chance, dass er es irgendwann wird. Wenn die Saison so weitergeht und sie einen Top-3 Pick im Draft landen, sollten sie sich weiter an die Hoffnung klammern, dass Darnold noch ein Late Bloomer sein könnte oder sollten sie auf einen der College QBs schauen?

      Und du hast natürlich recht, Coaching und Supporting Cast spielen eine Rolle in der Entwicklung. Aber kann man verdorbene QBs noch fixen?
      Ich hielte es für voreilig zu sagen: Gib Darnold nen besseren Coach und Mitspieler und er wird ein Top-10 Starter.

      Hoffe du kannst meinen Standpunkt nachvollziehen.

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