Wilson kocht zu scharf für die Patriots

Die Seahawks schlagen die Patriots in einem Nailbiter mit 35:30. Russell Wilson brennt ein Feuerwerk ab. Sein Gegenüber Cam Newton scheitert mit dem letzten Play Sekunden vor Schluss an der Ein-Yard-Linie der Hawks.

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Lesezeit: 3 Minuten

In Woche 2 waren die New England Patriots bei den Seattle Seahawks zu Gast. Beide Teams gewannen ihre Auftaktspiele und lieferten sich nun einen wahren Shootout im CenturyLink Field. Dabei begann das Spiel denkbar schlecht für das Heimteam. Greg Olsen ließ einen Pass von Russell Wilson in die linke Flat durch die Finger gleiten. Dahinter lauerte Devin McCourty, fing den Ball und trug ihn für sechs Punkte in die Endzone. Der Pick Six war Vorbote für einen munteren Sunday-Night-Football-Schlagabtausch zwischen den beiden Teams.

Entgegen unserer Befürchtungen, es könnte sich um eine Eintagsfliege handeln, bekam Wilson wie in Woche 1 erneut viele Freiheiten von Offensive Coordinator Brian Schottenheimer und durfte auf First und Second Down wieder viel werfen (31 Pässe, 24 Läufe). Ein Rezept, das hervorragend funktionierte. 21 von 28 Pässen komplettiert, 288 Yards, fünf Touchdowns, eine Interception (für die Wilson nix konnte), ein QBR von 87,6 und ein EPA/Play-Wert von 0,35 belegen dies eindrucksvoll. Auch der CPOE-Wert von 17,1 unterstreicht wieder einmal, wie überragend gut Russell Wilsons Deep Ball ist.

Das Goal-Line-Package der Patriots

Die Statistiken von Russell Wilsons Pendant auf der anderen Seite lesen sich ebenso beeindruckend. Fast 400 Yards und ein Touchdown per Pass, dazu 50 Yards und zwei Touchdowns per Lauf, sowie ein QBR von 73,2 und 0,39 EPA/Play stehen für Cam Newton zu Buche. Insbesondere das Goal-Line-Package der Patriots stellte die Seahawks vor enorme Probleme. Dabei spielten die Patriots mit sieben Linemen, zwei Tight Ends und dem Stuttgarter Fullback Jakob Johnson.

In diesem Beispiel werden der Left Guard und der Fullback Anfang des zweiten Quarters als Vorblocker für Cam Newton eingesetzt, der mühelos in die Endzone spazieren kann. Im dritten Viertel bekamen wir eine Variation dieses Plays zu sehen. Aus identischer Formation täuschte Jakob Johnson einen Block gegen Jamal Adams an, lief an diesem vorbei und stand völlig blank in der Endzone, wo er von seinem Quarterback angespielt wurde. Es war der erste Passing-Touchdown für Newton als Patriot und nebenbei auch der erste Receiving-Touchdown eines Deutschen in der NFL.

Später im Spiel erzielte Cam aus eben jener Formation noch einen weiteren Touchdown per Lauf. Beim finalen Play an der gegnerischen Eins aber – das scheint zwischen den Seahawks und Patriots irgendwie dazuzugehören – misslang der Block von Johnson gegen Lano Hill, Bobby Wagner störte den Ausbesserer Shaq Mason entscheidend und L.J. Collier tackelte Newton bei auslaufender Uhr an der Ein-Yard-Linie. Hier übertrieb Belichick es dann doch etwas mit dem Einsatz dieser Formation und wurde von einer nun gut eingestellten Hawks-Defensive bestraft.

Let Russ cook

Die prägende Story dieses Spiels bleibt aber die neue Identität der Seahawks-Offensive. Über Jahre hinweg vom Laufspiel dominiert, fährt Seattle nun einen konträren Ansatz. Der Hashtag #LetRussCook scheint auch im Seahawks-Coaching-Staff Anklang zu finden. Von überall her wurden mehr Freiheiten und mehr Passspiel für Russell Wilson gefordert – sogar Wilson selbst machte in der Offseason im Austausch mit seinem Offensive Coordinator Brian Schottenheimer deutlich, dass er mehr Verantwortung übernehmen will. Zur Überraschung vieler erhielten die Fans und Analysten Gehör. Das Trainerteam in Seattle scheint nun endlich verstanden zu haben, wie gut der Seahawks-Quarterback wirklich sein kann.

Die vielen Läufe auf First und Second Down sind Passspielzügen gewichen. Russell Wilson dankt es seinen Trainern mit hervorragendem Quarterback-Spiel, das Third Downs oftmals vermeidet. Klappt dies nicht, sorgt die neue Strategie zumindest dafür, dass beim dritten Versuch nicht mehr allzu viele Yards zu gehen sind. In der ganzen vergangenen Saison kassierten die Patriots nur vier Touchdowns durch Wide Receiver. Wilson warf gleich an einem Abend vier Stück (und einen auf Runningback Chris Carson).

Es scheint, als hätte der Seahawks-Trainerstab endlich kapiert, was sie an Wilson haben. Statt den Gameplan auf Football-Guy-Mythen wie “Establish the Run” aufzubauen, gibt man nun dem mit Abstand besten Spieler in der Offensive und einem starken Supporting Cast die Möglichkeit, Spiele früh an sich zu reißen, statt immer wieder darauf zu vertrauen, dass er hinten raus die Kohlen aus dem Feuer holt. Russ is cooking!

2 KOMMENTARE

  1. Ich fand Wilson auch echt stark. Aber das ist er ja schon seit einer gefühlten Ewigkeit, leider meistens mit angezogener Handbremse.
    Aber man darf hier auch nicht vergessen, dass im letzten Spielzug das Spiel hätte gedreht werden können. So war es einfach die Rache für SB 2015.
    Was für ein geiles Spiel, was für eine Dramatik….
    Gerne mehr davon.
    Übrigens finde ich die Pats viel stärker als vor der Saison erwartet.

    • Auf jeden Fall, die Pats sind besser als viele es erwartet hätten. Und die Seahawks Defense vielleicht doch nicht so stark wie gedacht. Seahawks Spiele könnten viel Spaß machen dieses Jahr!

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