Psaier & Sommer: Sunday Watch

Der zweite NFL-Spieltag steht vor der Tür. Zeit für ein paar Takes unserer Experten im Vorfeld der Spiele vom Wochenende.

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Shitshow in den Meadowlands

Sommer: New York Jets – San Francisco 49ers (Sonntag 19h)

Es ist kein außergewöhnliches Statement, wenn man die New York Jets in dieser Saison als einen der Kandidaten auf den ersten Pick im nächsten NFL-Draft betitelt. Das Team von Adam Gase ist auf dem Papier schwach besetzt und war gegen Buffalo chancenlos. Nun kommt Kyle Shanahan mit seinen 49ers nach New Jersey. Das Problem des Teams aus der Bay Area: es mangelt an qualitativen Receiving-Optionen. Das wurde gegen Arizona deutlich. Brandon Aiyuk gibt diese Woche sein Debüt, aber Deebo Samuel ist immer noch auf IR. Kendrick Bourne, Dante Pettis und Mo Sanu sollten keine großen Faktoren sein. Selbst Superstar Tight End George Kittle fliegt aufgrund einer Knieverletzung nicht mit.

Shanahan wird tendenziell über das Laufspiel und Pässe zu Running Backs kommen. Aber das angepriesene Laufspiel der Niners ist gar nicht so herausragend, wie man glauben mag. Seit Beginn der letzten Spielzeit rangiert die Shanahan-Offense auf Rank 6 in EPA pro Rush und 9 in Success Rate (EPA > 0). Und in den beiden Zahlen stecken schon die gigantischen Ausreißer-Leistungen aus den Playoffs drin.

Man kann den Jets vieles vorwerfen. Doch wenn sie in einer Kategorie gut sind, dann ist es Run Defense. Über die letzten 17 Spiele rangiert die Defense von DC Gregg Williams auf Rank 2 in EPA/Rush und 1 in Success Rate. Für magere 3.06 Yards liefen gegnerische Offenses gegen Gang Green. Die 49ers werden Probleme haben, den Ball konstant zu bewegen und es sollte niemanden wundern, wenn Jimmy Garoppolo das eine oder andere Mal von einem Blitz von Williams überrascht wird.

Auf der anderen Seite sehe ich allerdings auch wenig Möglichkeiten, wie die Jets hier Punkte auf das Board zaubern. Sam Darnold ist nicht gut, die Offensive Line fragwürdig und der Receiving Corps dünn. Gegen den furiosen Pass Rush der Niners wird er oft unter Druck stehen. Insgesamt rechne ich mit wenig Punkten.

Festival in Lambeau

Sommer: Green Bay Packers – Detroit Lions (Sonntag 19h)

Der Red-Zone-Channel könnte morgen des Öfteren nach Green Bay, Wisconsin, schalten. Denn dort gibt es viel Potenzial für Punkte. Die Lions haben gegen Mitch Trubisky drei Viertel Stand gehalten, doch dann fielen die Cornerbacks Desmond Trufant und Justin Coleman aus. Das Problem: beide fehlen auch gegen Aaron Rodgers und Davante Adams. Rookie Jeff Okudah ist am Start, doch dieser konnte im Training Camp noch nicht überzeugen und hat in seinem allerersten NFL-Spiel eine Mammutaufgabe vor sich. Auch bei der Tiefe hakt es: CB5 Darryl Roberts könnte mit einer Wadenverletzung ausfallen. Rodgers wird einen sogenannten “Field Day” haben und es gibt wenig Gründe dafür, dass Green Bay nicht die 30er-Marke knacken sollte.

Auf der anderen Seite haben wir mit Matthew Stafford, OC Darrell Bevel und Waffen wie WR Marvin Jones und TE TJ Hockenson eine aggressive Offense, die auch ohne WR Kenny Golladay gegen die Packers ein paar Touchdowns auflegen kann. Gehen wir davon aus, dass sich der Favorit früh eine Führung herausspielt, muss Detroit zwangsläufig früh das Playbook öffnen und mehr Pässe werfen. Also: nicht wundern, wenn Red Zone sehr oft nach Green Bay schaltet!

Brady-Breakout

Sommer: Tampa Bay Buccaneers – Carolina Panthers (Sonntag 19h)

Woche 1 der NFL-Saison ist sehr beliebt für ihren “Overreaction-Monday”. Gerade bei den Tampa Bay Buccaneers trifft das zu. Die haben in ihrem allerersten Spiel mit Tom Brady – ohne Preseason – auswärts gegen einen absoluten NFC-Favoriten mit 23-34 verloren und hatten dabei gehörig Pech. Ein Pick-Six, ein verschossenes Field Goal und ein Muffed Punt – shit happens. Mit den Carolina Panthers reist das perfekte Team nach Florida, gegen das sich Tom Brady und Co. rehabilitieren können.

Die Panthers haben auf dem Papier eine Defense, die unter den letzten fünf anzusiedeln ist. Carolina war nicht in der Lage, irgendwie Druck auf Derek Carr auszuüben und ließen ihn statistisch (0.44 EPA pro Play) wie Patrick Mahomes aussehen. Auch ohne WR Chris Godwin (Gehirnerschütterung) sollte Brady in der Lage sein, die Bälle effizient an Mike Evans, Scotty Miller, Gronk und OJ Howard zu verteilen. Die Panthers-Defense wird dem nicht allzu viel entgegen setzen können.

Die Panthers werden offensiv ihre Probleme haben. Die Bucs-Defense von DC Todd Bowles hat RB Christian McCaffrey letzte Saison auf 38 Runs für sage und schreibe 68 Yards gehalten – seit Anfang der letzten Saison haben die Bucs die beste Run-Defense der Liga. Das wird Teddy Bridgewater – auch bei Rückstand – einige Male dazu zwingen, gegen die kreativen Blitz-Pakete den Ball zu halten und Plays zu machen. Dass die Offensive Line hält und Bridgewater das meistert, wage ich zu bezweifeln. Es könnte Tom Bradys Breakout bei den Buccaneers werden.

Eagles-Bounceback incoming

Psaier: Philadelphia Eagles – Los Angeles Rams (Sonntag 19h)

Die Philadelphia Eagles verloren am Sonntag sensationell den Auftakt gegen das Washington Football Team mit 17-27. Als Hauptschuldiger wurde dabei QB Carson Wentz ausfindig gemacht, der nach ansprechendem Beginn einen kompletten Meltdown in der zweiten Halbzeit hinlegte und letztlich gleich acht Sacks kassierte.

Die Eagles waren mit zahlreichen Ausfällen in der Offensive Line angetreten, doch die Analyse zeigte: Es war vornehmlich Wentz selbst, der den Eagles die Krallen stutzte. Sieben der acht Sacks passierten nicht, weil die aggressive Washington-Front Phillys O-Line übermannt hätte, sondern weil Wentz den Ball Ewigkeiten, mehr als 4 Sekunden lang, hielt:

Ein No-Go in der heutigen NFL. Doch die Eagles sind gut aufgestellt, um am Sonntag gegen die Rams, die sich nach ihrem Auftaktsieg gegen Mitfavorit Dallas im Aufwind wähnen, zurückzuschlagen.

Da wäre einmal Wentz selbst. Der war zwar nie als Quick-Hitter bekannt, aber auch nie als kompletter Zauderer. Nach Time-to-Throw rangierte er jedes Jahr im NFL-Mittelfeld, und brachte meistens überdurchschnittlich viele Bälle in weniger als 2.5 Sekunden raus.

Die Rams-Defense hat natürlich DT Aaron Donald – und der ist zwar famos, aber es gibt keinen Edge-Rush. Das Loch der Rams auf Linebacker und die eher unerfahrenen Safetys sind wie gemacht für Routen über die Spielfeldmitte um die starken Eagles-Tight Ends Zach Ertz und Dallas Goedert auszuschlachten.

Und sollte Wentz noch einmal Brainfreeze wie letzten Sonntag kriegen, dann muss sein Gegenüber bei den Rams, Jared Goff, erstmal zeigen, dass er selbst mit viel Druck vom gegnerischen Pass-Rush zurechtkommt. Denn seine Pass-Protection trifft auf eine der tiefsten, mächtigsten Defensive Lines der NFL.

Let Carson cook

Psaier: Seattle Seahawks – New England Patriots (SNF)

Die Seattle Seahawks waren eine der großen Überraschungen am ersten Spieltag – nicht weil sie bei den Atlanta Falcons gewonnen haben, sondern wie. Der ansonsten stockkonservative Offensive Coordinator Brian Schottenheimer war ungewöhnlich passlastig und setzte das allseits geforderte „Let Russ Cook“ für einmal um: 32 Early-Down-Dropbacks standen nur 18 Laufspielzüge gegenüber – und dann folgte sogar noch ein tiefer 4th-Down-Pass, als das Spiel noch ausgeglichen war! Wilson dankte es mit fantastischer Effizienz: 89% Completion-Rate und 0.59 EPA/Play.

Jetzt wartet der Magier himself: Bill Belichick. Der lobte Wilson unter der Woche überschwänglich – ein untrügliches Zeichen, dass die Mind-Games begonnen haben. Man kann drauf wetten, dass Belichick in Schottenheimers und Pete Carrolls Kopf schon fest verankert hat: „Ich nehme euch den Pass weg, koste es was es wolle.“ Und damit Seattle sprichwörtlich zurück auf den Boden zu holen versucht.

Und Belichick könnte damit durchkommen. Denn es wäre nicht so, dass Seattles Coaches unbedingt den Plan hatten, Atlanta über den Luftweg auseinanderzunehmen. Vielmehr musste Wilson sie quasi dazu zwingen, indem er einfach fast jeden Pass an den Mann brachte und sich für fast 26 „Expected Points“ kenntlich zeigte. Carrolls Statements unter der Woche gingen bereits wieder in Richtung „wir werden bald und endlich wieder mehr laufen“.

Es spricht also alles dafür, dass Belichick Seattle am Sonntag förmlich dazu einladen wird zu laufen. Dass er den innersten Hawks-Trieb triggert, Seattles größte Waffe aus dem Spiel zu nehmen. Lieber 30 Mal 4 Yards kassieren als viermal 30 Yards. Ein Gameplan für RB Chris Carson!

Es wird also auf 30 oder mehr Seahawks-Runs hinauslaufen – und darauf, dass Wilson nur wenige Chancen im Passing-Game bekommt. Ob er diese wenigen Chancen mit Pässen oder mit Scrambles gegen die knackige Manndeckung der Pats nutzt, wird darüber entscheiden ob Seattle 2-0 startet oder nicht.

Short Pass Bowl

Psaier: Las Vegas Raiders – New Orleans Saints (MNF)

Kurzpassfestival zum Abschluss von Woche 2! Das Monday Night Game hat Potenzial auf das NFL-Spiel mit den kürzesten Pässen ever: Die Las Vegas Raiders spielen mit Kurzpass-Fetischist Derek Carr gegen die New Orleans Saints mit ihrem zum reinen Kurzpass-QB gestutzten Quarterback-Oldie Drew Brees.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Carr warf am Sonntag in Carolina zwar zwei erfolgreiche tiefe Pässe (in vier Versuchen), doch sein aDOT (durchschnittliche Wurftiefe) war nur 5.5 Air-Yards/Wurf. Das war #26 von 32 Starting-QBs. Brees war noch deutlich konservativer: Nur zwei tiefe Pässe, und mit 4.5 Air-Yards/Pass die #31. Brees hatte sogar nur 2.0 Completed Air-Yards/Versuch. Fast alles, was die Saints-Offense an Raumgewinnen erzielte, war dem Scheming und Yards after Catch überlassen!

Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling und ein Spiel noch keinen Trend, aber bei Carr und Brees geht das mit dem Klein/Klein schon seit längerer Zeit so – mindestens die beiden letzten NFL-Saisons war es ganz extrem:

Carr 2019: #29 von 35 QBs mit 9.4% tiefen Passversuchen
Carr 2018: #33 von 34 QBs mit 9.2% tiefen Passversuchen

Brees 2019: #34 von 35 QBs mit 8.5% tiefen Passversuchen
Brees 2018: #18 von 34 QBs mit 11.3% tiefen Passversuchen

Und beim aDOT (average depth of target)?

Carr 2019: #30
Carr 2018: #32

Brees 2019: #32
Brees 2018: #29

Wir können also folgern: Dem Fan des tiefen Balls sei in der Nacht auf Dienstag der Schlaf gegönnt. Doch Anhänger des kurzen Wurfs werden voll auf ihre Kosten kommen. Und wer ein Drinking-Game auf jeden Pass mit weniger als 5 Air-Yards durchzieht, wacht vor Dienstagabend nicht auf. Garantiert.

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Fabian Sommer
Sportwetten. Analytics. Podcaster. Die Quote steht über allem.
Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.

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