Browns 2020: Baker Mayfield ist der Schlüssel

Die Cleveland Browns gehörten zu den großen Enttäuschungen der Saison 2019. Jetzt hat man viele Stellschrauben gedreht um den jungen QB Baker Mayfield zu biegen.

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Lesezeit: 7 Minuten

Vor genau einem Jahr waren die Browns der heiße Scheiß der NFL: Ein junges, aufstrebendes Team, zusammengestellt mit vielen hohen Draftpicks. Ein Quarterback Baker Mayfield, der als Rookie hervorragend ausgesehen hatte. Ein neuer Star-Receiver in Odell Beckham jr. Und ein erfrischender neuer Head Coach Freddie Kitchens.

Doch der Hype hielt nur wenige Wochen. Zu holprig war die Offense, zu offensichtlich die Stagnation. Es hätte am Ende hirntote Aktionen wie den Helm-Schlag von EDGE Myles Garrett gegen Steelers-QB Mason Rudolph gar nicht mehr gebraucht, um den Browns-Zerfall zu symbolisieren. Es reichte, sich den Offensiv-Unfall anzuschauen.

Im Winter hat man den Reset-Button gedrückt. Als neuer GM wurde der Analytics-affine Andrew Berry eingestellt. Neuer Head Coach wird Kevin Stefanski, der als Offensive Coordinator der Vikings eine gute Figur abgegeben hatte und für viele Quarterback-freundliche Prinzipien steht.

Offense

Quarterback-freundliche Prinzipien sind genau das, was es in Cleveland braucht. Die Offense war zuletzt als #21 nach EPA/Play sehr weit hinter den Möglichkeiten geblieben. Es gab einige lichte Momente, in denen sie zündete, doch letztlich blieb sie auch wegen 28 Turnovers total frustrierend.

Quarterback

Die meisten der Probleme ließen sich an QB Baker Mayfield festmachen. Der war als großer Hoffnungsträger 2018 in die Liga gekommen und hatte als Rookie auch exzellent ausgesehen. Aber 2019 war von der ersten Minute an arg „asynchron“.

Das Bild eines aus einer sauberen Pocket driftenden Mayfield war das prägende der Browns-Offense von 2019. Mayfield hatte kein Vertrauen zu seiner Pass-Protection. Er hatte kein Vertrauen zu seinen Receivern. Er hatte kein Vertrauen in das ganze System.

Die Ergebnisse waren entsprechend enttäuschend: Nach CPOE (Completion Percentage over Expectation) war Mayfield nur die #33 unter 39 Quarterbacks, und bei PFF war er nach Grading aus sauberer Pocket nur die #26. Beide Metriken gelten als vergleichsweise stabile Indikatoren für die Zukunft.

Nicht gut für einen Quarterback, der am College bei den Oklahoma Sooners die Air-Raid-Offense gespielt hatte und dort in den meisten Disziplinen geglänzt hatte: Entscheidungsfindung, Präzision, Play-Making.

Doch noch ist bei Mayfield nicht alles verloren. Ein missratenes Jahr in einem schlechten Offensiv-System reicht uns noch nicht aus, um das einstige Top-Prospect Mayfield schon zu zerreden. Das Tape 2019 gibt zwei wesentliche Rückschlüsse darauf, wo man bei Mayfield ansetzen muss:

  1. Besserer Schutz an beiden Flanken der Offensive Line
  2. Mehr Struktur (klarere QB-Reads) im Play-Design (vulgo: Coaching)

Die neue sportliche Leitung hat beide Krisenfelder mit Verve adressiert.

Offensive Line

Auf den ersten Blick war Clevelands Offensive Line 2019 gar nicht so schlecht. Sie war immerhin die #6 in ESPNs Pass Blocking Win-Rate (PBWR). Viele Probleme im Pass-Blocking wurden in erster Linie durch Mayfields Kombination aus Zaudern und seinen vielen zu schnell weggeworfenen Bällen hervorgerufen.

Doch in einem Punkt geben die Zahlen dem Tape Recht: Beide Offensive-Tackle-Positionen waren schwach besetzt. Nun hat man beide Positionen mit namhaften Verstärkungen adressiert: An der linken Seite LT Jedrick Wills, der mit dem #10 Overall Pick im Draft gezogen wurde, an der rechten Seite RT Jack Conklin, der für 14 Mio./Jahr aus Tennessee geholt wurde. Beide gelten als massive Upgrades. Beide sind starke Run-Blocker und gute Pass-Blocker.

Innen ist man mit dem Guard-Duo Joel Bitonio/Wyatt Teller sowie Center J.C. Tretter eh ganz gut besetzt. Ausreden von wegen „Ich kann meiner O-Line nicht vertrauen“ hat Mayfield keine mehr.

Coaching

Stefanski mag mit nur eineinhalb Jahren Erfahrung als Play-Caller ein relativer Novize sein, doch es gibt guten Grund zur Hoffnung, dass er der „real deal“ sein kann. Zum einen kommt Stefanski aus dem Trainerstab des Gary Kubiak. Dessen „Wide-Zone-Offense“ mit hohen Play-Action-Quoten, vielen Rollouts und klar definierten Quarterback-Reads ist das erprobt Quarterback-freundlichste in der NFL und gehört seit 25 Jahren zu den erfolgreichsten Standard-Systemen der NFL.

Zum anderen war Stefanski in Minnesota zwar sehr lauflastig in Early-Downs, doch man kann Argumente bringen, dass der sehr für Analytics-Elemente empfängliche Stefanski das weniger aus Überzeugung so handhabte, sondern mehr, weil es von „oben herab“ so befohlen wurde. Anders: Stefanski bewies, dass er eine geforderte Vision umsetzen kann. Das macht ihn in Cleveland ziemlich spannend, da die dortige sportliche Leitung moderner denkt.

Der dritte „Fit“ Stefanskis in Cleveland ist seine Personnel-Usage in der Offense. Sie wird extrem von dem abweichen, was Cleveland letztes Jahr spielte:

Cleveland 2019: 56% 11-Personnel (3 Wide Receiver, 1 Tight End), 23% 12-Personnel (2 Wide Receiver, zwei Tight Ends), 8% 20-Personnel (3 Wide Receiver, kein Tight End), 5% 21-Personnel (ein Wide Receiver, zwei Tight Ends)

Minnesota 2019: 21% 11-Personnel, 35% 12-Personnel, 22% 21-Personnel, 12% 22-Personnel (1 Wide Receiver, 2 Tight Ends), 9% 13-Personnel (1 Wide Receiver, 3 Tight Ends)

Fazit: Die Browns werden unter Stefanski viel häufiger mit „Heavy-Personnel“ spielen – Aufstellungen, die die Defense in einen Run-Defense-Modus versetzen, und dann mit Play-Action Passing kontern. Vorteil Browns: Aus 12-Personnel-Packages war die Offense schon 2019 ziemlich effizient.

Skill-Player

Und nochmal Vorteil Browns: Der zweite große Spielereinkauf in der Offense betrifft in Austin Hooper einen Tight End. Damit haben die Browns nun einen der hochwertigsten „ersten Anzüge“ in der ganzen NFL.

Die beiden Top-Receiver sind Odell Beckham jr. und Jarvis Landry. Beckham gilt, wenn motiviert, als eines der komplettesten Receiver-Pakete in der NFL. Landry ist ein exzellenter „zweiter Mann“, kein Sprinter, aber einer, der es versteht sich freizulaufen.

Auf Tight End hat man in Hooper, David Njoku und Rookie Harrison Bryant gleich drei sehr brauchbare bzw. talentierte Anspielstationen, und aus dem Backfield schickt man in RB Nick Chubb den aktuell vielleicht besten puren Ballträger der NFL als Arbeitstier. Selbst Chubbs Backup ist ein altbekannter, vielseitiger Back: Kareem Hunt, einst bei den Chiefs wegen Frauenschlägerei entlassen. Und weil wir bereits gesehen haben, dass Stefanski keine Scheu vor Aufstellungen mit zwei Runningbacks hat, wurde auch ein Fullback eingekauft: Andy Janovich aus Denver.

Es ist also eine sehr starke Gruppe. Allenfalls der dritte Receiver-Posten könnte ein Upgrade vertragen. Rashard Higgins und Damion Ratley sind dort die plausibelsten Optionen – oder schafft der nicht unspannende Rookie Donovan Peoples-Jones eine kleine Überraschung?

Defense

Bei allem Getöse um die enttäuschende Offense sollte man nicht vergessen, dass auch Clevelands Defense letztes Jahr weit unter den Erwartungen blieb: Man war nur die #22 nach EPA/Play und war besonders nach der Sperre von Myles Garrett nur noch eine sehr wackelige Angelegenheit.

Front Seven

Garrett ist nun rehabilitiert. Seine Rückkehr in die Startaufstellung ist von immenser Bedeutung, ist er doch mit Abstand der beste Pass-Rusher im Team, und als #4 nach Pass-Rushing Win-Rate auch einer der besten der NFL. Garretts Counterpart ist Olivier Vernon, der trotz teurem Vertrag bleibt und aus dem Browns-Passrush eine individuell furchterregende Unit macht. Dank des neu eingekauften DE Adrian Clayborn sollte sogar ein bisschen Entlastung für das Spitzen-Duo möglich sein.

Wie das auf Defensive Tackle aussehen wird, ist freilich noch offen. DT Sheldon Richardson und Larry Ogunjobi sind noch da, aber beide waren zuletzt eher enttäuschend. Rookie-DT Jordan Elliott (Stärke: Pass-Rush) ist neu und soll für etwas Tiefe sorgen.

Auf Linebacker gibt es nach den Abgängen von Joe Schobert und Christian Kirksey natürlich Fragezeichen. Das neue Pärchen hört auf die Namen B.J. Goodson und Jacob Phillips (Rookie). Das ist natürlich riskant. Doch wenn man in einer solchen Defense Fragezeichen haben möchte, dann auf Tackle und Linebacker.

In Summe: Pass-Rush sollte gefürchtet sein. Run-Defense wird mal wieder eher ein Fragezeichen – doch das ist das Fragezeichen, das man lieber hat.

Secondary

Die Browns-Secondary ist gespickt mit individuellen Top-Talenten, doch sie war zuletzt sehr jung und unerfahren. Jetzt hat man etwas Erfahrung und Tiefe ergänzt.

Cornerback ist die Position, auf der von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt alles denkbar ist. CB1 Denzel Ward und CB2 Greedy Williams sind zwei fantastische Einzeltalente mit klar definierten Stärken (Manndeckung) und Schwächen (Zone-Defense). Letztes Jahr haben sie am unteren Ende ihres Leistungsvermögens performt. Wenn sie ihrem hohen Draftstatus aber annähernd gerecht werden können, hat Cleveland ein erstklassiges junges Cornerback-Duo.

In Kevin Johnson hat man sich eine solide Nummer 3 via Free Agency geholt, und auf Safety hat gibt es im oftmals unterschätzten Karl Joseph und in Minnesotas langjährigem Backup-Safety Andrew Sendejo zwei neue Spieler für die Rotation. Der gehypte Rookie Grant Delpit fällt allerdings mit Achillessehnenriss wohl für die gesamte Saison aus – ein Downer nach all dem Optimismus.

Coaching

Das Talent ist also fraglos da. Es muss nur herausgekitzelt werden. Der neue Defensive Coordinator Joe Woods, der von den San Francisco 49ers kommt, gilt als ein brillanter Kopf. Auch wenn er noch nicht viel Erfahrung hat, so gilt als sicher, dass er sein System besser an die Beschaffenheit seines Rosters anpassen wird als Vorgänger Steve Wilks, der zu sehr in seiner Zone-Defense verhangen blieb.

Woods hat mit einer tief besetzten, aber nicht über alle Zweifel erhabenen Secondary viele Möglichkeiten, Sub-Packages wie Nickel und Dime-Defense zu spielen. Ein spannender Punkt bei Woods wird das Blitzing sein. Woods gilt als blitzfreudig, aber ist das mit zwei so famosen Passrushern wie Garrett und Vernon überhaupt notwendig?

Ausblick

Theoretisch sind die Browns aufgestellt für einen Playoff-Run. Doch natürlich gibt es nach dem schwachen Vorjahr Zweifel am Quarterback – und daran, ob ein gänzlich neuer Trainerstab voll von Leuten, die zum ersten Mal ihre Rollen als Alleinverantwortliche wahrnehmen, so schnell den Lauf der Dinge ändern kann.

Die positive Sichtweise auf die Browns sieht ein Team bereit für den Breakout. Die Offense zündet schnell, weil hohe Play-Action-Raten und bessere Offensive Tackles QB Mayfield beflügeln. Mit einer Top-5-Offense und sehr guter Defense überraschen die Browns sogar die Baltimore Ravens und ziehen als Titel-Mitfavorit in die Playoffs ein.

Doch es gibt auch die pessimistische Sicht: Stefanski schafft es mit der kurzen Preseason nicht, die neue Offense zu installieren. Es braucht zu lange bis alle Hebel klicken. In der Defense zahlen der junge Coordinator und die jungen Defensive Backs Lehrgeld und die Browns verpassen in der hochklassigen AFC North die Post Season.

Man ist aufgrund des Phänomens „Only in Cleveland“ bei den Browns immer zu einer fatalistischen Sicht auf die Dinge geneigt. Aber ich halte zu viel von Mayfield und gebe zu viel auf die neue Offense. Cleveland wird nach hartem Kampf knapp die Nummer 2 in der AFC North. Eine Überraschung (oder zwei) in den Playoffs nicht ausgeschlossen.

3 KOMMENTARE

  1. ‘Ausreden von wegen „Ich kann meiner O-Line nicht vertrauen“ hat Mayfield keine mehr.’
    Ich hoffe, diese Ausrede hat er auch nie verbalisiert. Wäre nicht gut für das Verhältnis QB-OL.

    Ich kann übrigens mit Firefox 80.0 auf OS Catalina 10.15.6 keine Sterne für den Artikel vergeben.

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