Jaguars 2020: Ist Gardner Minshew am Ende zu gut?

In den Wettbüros gelten die Jacksonville Jaguars als Favorit auf den #1 Overall Draftpick 2021. Aber ist QB Gardner Minshew dafür zu gut?

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Die Ausgangslage der Jaguars im Vorfeld der Saison 2020 ist eigenartig: Das Team ist eigentlich erstklassig für einen echten Re-Build aufgestellt (unter anderem hatte man heuer zwei 1st Rounder im Draft, und man hat noch einmal zwei im nächsten Jahr). Doch das erwartete Hausreinemachen ist ausgeblieben.

Den sportlichen Leiter Tom Coughlin hat man nach drei unterirdischen Jahren gefeuert (man möchte fast sagen: „endlich“), doch Head Coach Doug Marrone und GM David Caldwell durften bleiben. Sie gehen jetzt beide als klassische lame ducks in die Saison. Einen Tank-Job dürfen sie sich nicht erlauben. Doch nach dem Ausverkauf in der Offseason wäre alles andere als eine negative Bilanz eine Überraschung.

Offense

Die Jaguars-Offense gehörte letzte Saison zum unteren NFL-Durchschnitt: -0.05 EPA/Play bedeutete Platz 24. Jetzt geht man zum fünften Mal (!) hintereinander mit neuem Offensive Coordinator in die Saison. Auf Quarterback hat man Nick Foles an die Bears verkauft und setzt seine Jetons auf einen Jungspund.

Quarterback

6th-Rounder Gardner Minshew eroberte mit seinem Pornoschnäuzer und seinem ulkigen Auftreten schnell Kultstatus, und auch seine Performance war für einen so niedrig gedrafteten Rookie aller Ehren wert. Nun gibt es bereits einige, die den einstigen „Air-Raid“ Quarterback Minshew am liebsten zum nächsten Star-Quarterback hypen.

Doch das scheint etwas hoch gegriffen zu sein: Minshew war recht effizient im Deep-Passing und beging wenige kapitale Fehler. Doch als #38 von 39 Quarterbacks nach CPOE (Completion-Percentage over Expectation) schreit seine Accuracy nicht unbedingt nach „auf die Brust gelegt“, und 13 Fumbles in 14 Einsätzen sind zu viel für einen Quarterback – auch für einen Rookie.

Minshew hat mit einem teilweise exzellenten Pocket-Management, einem guten Gefühl fürs Kurzpassspiel und sehr gutem Timing bei tieferen Pässen zweifellos ein paar gute Anlagen um ein kompetenter NFL-Starter zu werden. Er ist auch der lebende Beweis dafür, dass man keinen monströsen Wurfarm braucht um ein guter Deep-Thrower zu sein.

Doch auf der anderen Seite scheute er als Rookie die extrem wichtigen Seam- und Outbreaking-Routen wie die Pest – kein allzu gutes Zeichen. Immerhin: Diejenigen Defense-Konzepte, gegen die er besonders große Probleme hatte – Creepers, Safety-Rotations und Cover 2 – waren alles Elemente, die er am College kaum gesehen hatte.

Offensive Line

Wo für den jungen Quarterback also Hoffnung besteht, bleiben in der Offensive Line einige Zweifel. Nach Pass-Block Win-Rate (PBWR) war die Jaguars-Line 2019 im untersten Viertel der NFL klassiert. In Center Brandon Linder gibt es einen hochklassigen Starter, mit LG Andrew Norwell und RT Jawaan Taylor (als Rookie 2019 durchaus solide) zwei verlässliche, doch auf Left-Tackle (Cam Robinson) und Right Guard (A.J. Cann) lauern mögliche Sollbruchstellen.

Wenn in einer Offensive Line wie in Jacksonville 2020 alle fünf Starter der letzten Saison zurückkehren, dann gibt es immer zwei Lesarten. Die gute lautet: Kontinuität ist wichtig, besonders im Corona-Jahr 2020, wo es doch so wenige Trainingsmöglichkeiten gibt um die richtige Abstimmung zu finden. Doch die schlechte: Kontinuierlich dürftige Qualität bringt dir nix.

Je nachdem wie wir es den Jaguars auslegen, können wir von leichter Verbesserung bis zu ernsthafter Stagnation einiges erwarten.

Skill-Player

Ein ähnliches Bild gibt es im Skill-Player Corps der Jaguars. WR D.J. Chark war letztes Jahr eine der positivsten Erscheinungen, doch er ist nominell die einzige Offensiv-Waffe von Format. Damit die Jaguars-Offense auch wirklich mal zünden kann, braucht es zumindest einen zweiten Abnehmer als Entlastung.

Der in Runde 2 gedraftete Laviska Shenault wäre so ein Kandidat: Gebaut wie ein Runningback, sehr gut einsetzbar für kurze Routen mit Yards-after-Catch-Potenzial. Das klingt wie gemacht für Minshews Spielweise. Doch Shenault ist Rookie und hat Verletzungsprobleme.

Wenn Shenault noch Zeit braucht, so lauten die Alternativen Chris Conley (geschwindige Nummer 2), Dede Westbrook (Possession-Receiver), Keelan Cole (eine akzeptable Nummer 4) oder auf Tight End Tyler Eifert (ein Superspieler, der nur leider immer verletzt ist) oder Josh Oliver (Rookie 2019, der erst vier Spiele gemacht hat).

Wollen wir die Runningbacks mit in die Gleichung nehmen, so haben wir Neuzugang Chris Thompson aus Washington, einen der besseren Pass-Fänger aus dem Backfield. Und das Arbeitstier Leonard Fournette, dessen NFL-Karriere dem Hype aus dem College bislang nicht annähernd gerecht wurde.

Coaching

Wir haben es schon gelesen: Fünfter neuer Offensive Coordinator in Folge. Diesmal ist es Jay Gruden, vor kurzem als Headcoach in Washington gefeuert. Grudens Offense gilt als durchaus komplex, doch auch versehen mit einigen sehr Quarterback-freundlichen Elementen wie hohen Play-Action Quoten. Außerdem lässt Gruden zwar in Early-Downs nicht außergewöhnlich viel werfen, dafür aber durchaus tief.

Defense

Es ist erst zweieinhalb Jahre her, da wurde die Jacksonville noch als „Sacksonville“ gefeiert und war wenige Minuten von der Superbowl-Qualifikation entfernt. Tragende Rolle spielte damals die dominante Passing-Defense. Doch fast alle wesentlichen Bestandteile von damals haben die Jaguars seither verlassen: CB Jalen Ramsey ebenso wie CB A.J. Bouye, LB Telvin Smith, EDGE Calais Campbell oder DT Marcell Dareus. Schon 2019 stürzte die Defense fast zum Liga-Bodensatz ab: Mit 0.08 EPA/Play rangierte man auf #27. Jetzt soll es mit einer jungen Truppe nach vorn gehen.

Front Seven

Pass-Rush war sogar noch ganz passabel (#7 nach Pass-Rush Win-Rate), doch Campbell wurde nach Baltimore verkauft und der andere Edge-Rusher im einst gefürchteten Sacksonville, Yannick Ngakoue, fordert weiterhin einen Trade. Es wäre eine Überraschung, wenn er noch einmal für die Jags auflaufen sollte.

So muss die junge Generation übernehmen: Der letztjährige 1st Rounder Josh Allen gilt als großes Versprechen, auch wenn seine Advanced-Stats letztlich nicht ganz so gut waren wie seine 12 Sacks es vermuten lassen. Sein neuer Counterpart könnte K’Lavon Chaisson werden, einer der 1st Rounder aus diesem Jahr. Chaisson ist ein super-explosiver Spieler, dessen Tape aber auch elendige Längen kennt. Sonderlich effizient war er am College nicht; er ist mehr “Project” als sichere Tüte.

Der Rest der Front-Seven wird von unbeständigen Leuten wie DT Taven Bryan (auch so ein ehemaliger 1st Rounder) oder LB Myles Jack angeführt. Weil gerade Jack zuletzt extreme Probleme in Deckung gegen Tight Ends hatte, eiste Jacksonville LB Joe Schobert für fette Kohle aus Cleveland los.

Secondary

Einst das Prunkstück in Jacksonville, heute voller Fragezeichen: Das Defensive Backfield. Auf Cornerback könnte der an #9 gedraftete CB C.J. Henderson schnell eine tragende Rolle spielen müssen, denn auf Leute wie Tre Herndon, D.J. Hayden oder Rashaan Melvin willst du nicht angewiesen sein. Safety liest sich mit Leuten wie Ronnie Harrison oder Jarrod Wilson etwas besser, aber auch nicht wirklich wie NFL-Spitzenklasse.

Prinzipiell kann man davon ausgehen, dass es noch ein Jahr dauern wird bis diese Defense zu sich findet.

Coaching

Was soll man zu Defensive Coordinator Todd Wash sagen? 2017 und 2018 dominierte seine Unit mit fantastischem Personal, doch seither kommt nicht mehr viel. Damit geht es Wash wie so vielen seiner Kollegen: Es ist schwer, eine Defense mehrere Jahre lang am Leben zu halten, weil sie weniger stark abhängig ist von einem einzelnen Leistungsträger, wie zum Beispiel die Offense vom Quarterback.

Ausblick

Die allgemeine Erwartung an die Jaguars dreht sich dieser Tage um 5-11 oder schwächer, und viele Beobachter erwarten, dass Jacksonville im Rennen um den #1 Draftpick 2021 ein lautes Wörtchen mitredet. Doch genau dafür steht für die beiden wichtigsten Personalien – Marrone und Minshew – zu viel auf dem Spiel. Sie müssen liefern, wenn sie ihre Jobs behalten wollen.

Idealerweise erweist sich also Minshew als der große Heilsbringer und eine „Tank for Trevor“-Mission wird überflüssig. Alternativ wären ein schwacher Saisonstart mit schneller Entlassung Marrones und ein folgendes Straucheln bei Minshew nebst Fixieren des Top-Picks ein akzeptabler Saisonverlauf, wenn sich zumindest die jungen Talente in der Defense entwickeln.

Doch wahrscheinlicher bei den Jaguars ist ein kleiner Entwicklungssprung bei Minshew, eine hart spielende Mannschaft, die am Ende genug Siege holt um einen Top-5 Pick zu verpassen und nächstes Jahr erneut auf Selbstfindung geht.

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