Am runden Tisch: Fünf Thesen zur AFC North

Jahrelang war die AFC North ein Zweikampf zwischen Ravens und Steelers. Letztere waren letztes Jahr mangels Quarterback ein Non-Faktor, weshalb Baltimore recht entspannt in die Playoffs marschierte. Doch Big Ben ist zurück und auch die Browns wollen nochmal angreifen. Kann Cincinnati mit dem nächsten Andrew Luck aufwarten?

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1.) Joe Burrow ist der zweitbeste Quarterback der AFC North.

Florian Schmitt: Puh, gleich als Rookie der zweitbeste Quarterback? Daran glaube ich nicht. Insbesondere nicht, wenn ich mir die Konkurrenz anschaue. Ich denke, es ist sogar gar nicht unrealistisch, dass er in Jahr 1 der schlechteste QB der Division ist. Ich würde die 4 in dieser Reihenfolge erwarten: Lamar, Ben, Baker, Burrow.

Thomas Psaier: Ich weiß nicht, ob Burrow der zweitbeste Quarterback der AFC North ist, doch mutmaßlich würde ich ihn als zweiten Quarterback der Division auswählen. Draft-Status und Potenzial sprechen für Burrow, die Ungewissheit ob seiner NFL-Kompatibilität gegen ihn.

Lamar Jackson ist Stand heute unantastbar. Ben Roethlisberger ist wohl effektiv die zweitsicherste Tüte, aber er ist mit 38 im Herbst seiner Karriere. Baker Mayfield hat ein starkes Dreivierteljahr und ein schwaches zweites Jahr als NFL-Profi. Burrow ist die Unbekannte, und die bietet vielleicht die meiste Upside.

Jonas Stärk: Das in seiner Rookie-Saison zu erwarten, wäre mindestens als ambitioniert zu betrachten. Lamar Jackson muss ohne Frage als die aktuelle Nummer eins angesehen werden. Big Ben ist eine Wild Card. In Bestform wäre es aber auch in diesem Fall schwierig, für Burrow dieses Niveau zu erreichen. Selbst Mayfield könnte in Stefanskis Offense und mit besseren Waffen effizienter spielen. Burrow hat gute Waffen und sollte in Zac Taylors Schema funktionieren. Die schwache Offensive Line und die verkürzte Offseason werden Burrow aber besonders zu Beginn das Leben schwer machen.

2.) Kevin Stefanski rettet Bakers Karriere.

Jonas Stärk: Kevin Stefanski könnte für Mayfield ein Glücksfall sein. Sein Play-Action-Schema ist sehr QB-freundlich. Hinzu kommen eine starke Offensive Line und sehr gute Waffen auf Receiver und Tight End. Auch der analytische Ansatz von Stefanski und anderen Verantwortlichen der Franchise sollte helfen. Wenn Mayfield in Cleveland nicht die Kurve kriegt, wird es kritisch für seine Karriere.

Florian Schmitt: Das letzte Jahr war kein wirklich gutes von Baker Mayfield. Dieses Jahr muss der Schritt nach vorne kommen. Die Offense ist stacked. Geniale WRs, 2 Running Backs, die im Passspiel arbeiten können und die große Problemzone “Offensive Tackles” wurde in der FA adressiert. Dazu kommt in Stefanski ein Passing-Game- und Quarterback-Guru. Wenn Baker es in diesem Setting nicht schafft, weiß ich nicht, was die Browns noch tun können. Ich glaube aber, dass er unter Stefanski aufblüht.

Thomas Psaier: Ich würde bei Baker eher von “biegen” als von “retten” sprechen. Mayfield hatte eine exzellente College-Karriere und ein sehr gutes NFL-Rookiejahr. Ein vermurkstes Jahr in einer Offense, die den Zusatz „Scheme“ nicht verdiente, war mir immer zu wenig, um Mayfield schon jetzt abzuschreiben.

Das vorausgeschickt, halte ich Stefanskis Offense für nahezu ideal, um Baker und damit auch Cleveland wieder auf Kurs zu bringen: Es ist die erprobt QB-freundlichste Offense in der NFL. Hohe Play-Action-Raten, keine Angst vor einem tiefen Ball, viele Rollouts und Bootlegs: Alles, was Bakers Herz begehrt.

Weil Cleveland auch die beiden kritischen Offensive-Tackle-Positionen hingebogen hat und das Front-Office den notwendigen Tight End (Austin Hooper) für die wichtigen 12-Personnel-Packages geholt hat, glaube ich an Bakers Durchbruch 2020.

3.) Solange Big Ben auch nur durchschnittlich spielt, mischen die Steelers wieder um die Divisonskrone mit.

Thomas Psaier: Man ist verleitet, dem zuzustimmen, wenn man sich 2019 ins Gedächtnis ruft: Ultradominante Defense, horrende Offense und dennoch mit 8-8 nur knapp die Playoffs verpasst.

Doch ich stimme nicht zu. Ben muss besser als Durchschnitt sein. Zum einen ist die AFC North qualitativ wohl die hochwertigste NFL-Division. Zum anderen ist Defense grundsätzlich nicht stabil – und das, was die Steelers-Defense 2019 machte, ist besonders instabil. Sie lebte von 38 Turnovern! Nur fünf Teams in den letzten zehn NFL-Saisons hatten mehr in einer Saison.

Pittsburgh wird um die 10 bis 12 Siege brauchen, um die AFC North zu gewinnen. Wenn die Defense nicht erneut einen solchen Freak-Run hinlegt, muss der Quarterback die Offense wieder richtig tragen. Nicht bloß so durchschnittlich.

Jonas Stärk: Die Steelers könnten mit ihrer Defense und einem ordentlichen Supporting Cast um die Playoffs spielen. Ich traue ihnen aber nicht zu, die Ravens ernsthaft herauszufordern. Auch die Browns könnten für Pittsburgh gefährlich werden. Zudem spricht die Turnover-Bilanz von +8 aus der vergangenen Saison eher für eine Regression. Mit Big Ben dürften die Steelers also besser sein. Mehr als zehn Siege traue ich ihnen aber nicht zu und selbst das wäre schon optimistisch.

Florian Schmitt: Eine durchschnittliche Leistung wird in meinen Augen nicht reichen. Wollen die Steelers die Division gewinnen, brauchen sie den alten Ben zurück, der Jahr ein, Jahr aus eine Top 5 Offense produziert. Dazu muss man hoffen, dass die Regression in der Defense nicht zu hart trifft. Dann kann es klappen, die Ravens um die AFC North Krone herauszufordern.

4.) Um die drohende Regression abzufangen, hätten die Ravens mehr in ihren Receiving Corps investieren müssen.

Florian Schmitt: Dass die Ravens in Runde zwei lieber einen Running Back statt einen der verfügbaren Receiver (Van Jefferson, Denzel Mims, Bryan Edwards) pickten, hat mich überrascht. Dazu hat man noch Hayden Hurst auf Tight End verloren, der zwar keine Bäume ausriss im letzten Jahr, aber dennoch geht Tiefe für die Multi-Tight-End-Sets verloren. Hier hätte eine zusätzliche Outside-Waffe gut getan.

Thomas Psaier: Vieles an der Ravens-Offense sieht aus wie “gebaut, um zu bleiben”. Das klingt bei einer primär auf Rushing ausgerichteten Offense vielleicht merkwürdig, doch die Ravens spielen mit Lamar Jackson keine konventionelle Offense. Jackson ist eine Super-Waffe, die Defensive Coordinators zu grundsätzlichem Umdenken zwingt.

Doch 2019 ist für die Ravens sehr viel fast schon zu gut nach Plan verlaufen: Sie spielten meistens mit Führung im Rücken und konnten sich im Passspiel auf die “sicheren” Konzepte verlassen. Jackson musste fast nie das Spiel als Passer in die Hand nehmen. Gegen Tennessee offenbarten sich dann aber schließlich doch einige Schwächen, als er sichtlich presste und überhastet warf.

Man sollte niemals die Fähigkeit von Defensive Coordinators unterschätzen, über eine Offseason hinweg Offense-Stärken in den Griff zu bekommen. Von daher werden die Ravens wohl Evolution im Passing-Game brauchen, wollen sie weiter die Liga dominieren.
Evolution im Passing-Game geht auch über bessere Receiver; man hatte in Hollywood Brown und Miles Boykin schon zwei ganz junge Receiver, und draftete in Devin Duvernay und James Proche 2020 zwei neue. In der Quantität hat man also vieles zur Hand. Aber es sind eben auch vier ziemlich unerprobte Größen. Ich hätte es gern gesehen, wenn Baltimore sich eines höheren Draftpicks oder aber auch eines höherklassigen Veterans bedient hätte.

Jonas Stärk: Die fehlende Investition in die Receiver-Position war ohne Zweifel ein Fehler. Eine Regression muss nach 14 Siegen immer eingeplant werden. Kein Team in der NFL kann mehr als 12 Spiele gewinnen, ohne Anzeichen für eine Regression aufzuweisen. Dennoch bleiben die Ravens das stärkste Team der AFC North und der klare Favorit auf den Division-Sieg.

5.) Nach dieser Saison ist Odell Beckham Jr. wieder in der Top-3 WR Diskussion.

Thomas Psaier: Top-3 ist eine sehr hohe Erwartung, doch Beckham hat zweifellos das Potenzial, um in Nähe der Receiver-Elite wie Julio Jones, Nuk Hopkins, Michael Thomas oder Chris Godwin mitzuspielen.

In den letzten Jahren litt er unter miesen Quarterbacking und/oder eben dem verheerenden “System” in Cleveland. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Beckham 2020 wieder auf Spitzen-Niveau spielen wird, wenn er sich nicht verletzt. Ob es dann Top-8 oder Top-3 ist, müssen wir abwarten.

Jonas Stärk: Da diese Diskussion oft auf der Grundlage von Total Stats geführt wird, hängt das stark von Mayfields Produktivität ab. Funktioniert Mayfield im neuen System, könnte Beckham ganz schnell wieder Teil dieser Diskussionen sein. Die sonstigen Voraussetzungen sind vielversprechend.

Florian Schmitt: Top-10 gehe ich mit, aber Top-3 halte ich für etwas vermessen. An Thomas, Julio, Cheetah und Evans dürfte kein Vorbeikommen sein.

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