Raiders 2020: Grudens Roulette

Neuer Nummer-eins-Receiver, teuer verstärkte Defensive, motivierter Backup. Die Zeit der Ausreden ist für Derek Carr bei den Las Vegas Raiders endgültig vorbei. Von einem Team, das in der Offseason viele Problemzonen anging – und trotzdem nicht von der Quarterback-Diskussion loskam.

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Stell dir vor, du bist die heiß ersehnte, neue Attraktion in der Stadt – und keiner kommt. Mit dieser kognitiven Dissonanz müssen sich die Las Vegas Raiders in den kommenden Monaten abfinden. Ihr Besitzer Mark Davis entschied Anfang August, dass das frisch fertiggestellte Allegiant Stadium in der Premieren-Saison leer bleiben wird.

Während leere Football-Tempel ligaweit in Zeiten von Covid-19 nichts Besonderes sein werden, verpasst die Pandemie dem neuen Hype um die Raiders doch eine kleine Delle. Die 2 Milliarden US-Dollar teure Spielstätte mit ihren 65.000 Sitzplätzen war ausverkauft, bevor sie überhaupt gebaut war. Nun liegt es ganz alleine am Team, die Begeisterung nach einer enttäuschenden Abschiedssaison in Oakland (7-9, keine Playoffs) ins nächste Jahr zu retten.

Eine Vorschau zu den Raiders nach ihrem Wechsel in die Stadt der Sünde ist prädestiniert für Glücksspiel-Wortspiele (siehe Titel). Um einigermaßen seriös zu bleiben, räumen wir die am besten direkt zu Beginn aus dem Weg: Haben sich Head Coach Jon Gruden und General Manager Mike Mayock im Draft verzockt? Setzen sie mit Wide Receiver Henry Ruggs III alles auf eine Karte? Geht Derek Carr all in oder schicken die Raiders ihren Quarterback 2020 in die Wüste? Rien ne va plus, Jason Witten – oder doch? Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas steht in diesem Ausblick.

Offense

John Gruden und Mike Mayock haben Derek Carr in der Offseason zahlreiche neue Anspielstationen eingekauft. Einziger neuer Starter in einer 2019 überdurchschnittlichen Offensive dürfte aber Erstrundenpick Henry Ruggs sein, der ein bislang vernachlässigtes Element einbringen soll: vertikale Geschwindigkeit. Dank einer verlässlichen, komplett zusammengehaltenen Offensive Line dürften die Raiders auch in diesem Jahr wieder zu den solideren Angriffsreihen der Liga gehören. Eine weitere Steigerung hängt vom wenig risikofreudigen Quarterback ab.

Quarterback

Es weht ein Hauch von Konkurrenzkampf durch Nevadas Wüste – erstmals in Derek Carrs Profikarriere. Jon Gruden setzte dem Starter vor seiner siebten Saison Backup Marcus Mariota in den Nacken. Carr scheint die Botschaft verstanden zu haben. “Ich muss meiner Organisation etwas beweisen”, sagte er Anfang August in einer Video-Pressekonferenz. Und: Er sei es leid, nicht respektiert zu werden.

Wer den Raiders-Spielmacher bis dato als dünnhäutig eingeschätzt hatte, sollte sich einmal mehr bestätigt fühlen. Tatsächlich aber gibt es Zahlen, die andeuten, dass Carr unterschätzt wird. Viele der seriöseren Messwerte aus der vergangenen Saison ordnen ihn unter den besten zehn Quarterbacks der Liga ein. Im Kopf bleiben trotz 70,4 Prozent Completions dennoch die groben Fehler, die die Raiders vermeintlich Spiele kosteten. Carrs Bilanz litt oft unter negativen Plays, als Spiele schon verloren oder gewonnen waren. Wenn eine Partie eng blieb, spielten die Raiders lieber den sicheren kurzen oder mittellangen Ball. Erwartbar hohe Effizienz bei einfachen Würfen, wenig Risiko und Lohn, kaum Fehlerquellen.

So führten nur 3,4 Prozent von Carrs Dropbacks zu Completions von 20 oder mehr Yards – NFL-Bodensatz. 11,3 Prozent der Dropbacks resultierten jedoch in 20 oder mehr Yards Raumgewinn. Carr gab die Verantwortung folglich an Darren Waller oder Hunter Renfrow ab, die Yards nach dem Catch sammelten.

Wiederholt sich Tannehill-Situation?

Nun ist Henry Ruggs III der Vorbote für einen Wandel. Mehr Möglichkeiten in die Tiefe, mehr explosive Spielzüge, mehr Variabilität. Carr traut sich das zu, nimmt man seine Äußerungen ernst. Die – zwar recht kleine – Stichprobe weiter Würfe widerspricht dem Plan zumindest nicht. Doch eine höhere Frequenz an tiefen Pässen im Game Plan könnte Carrs Schwäche oder Hasenfüßigkeit schnell entlarven. 2020 würde tatsächlich zum “Make or break”-Jahr.

Ein Duell um den Quarterback-Stammplatz wird es im Training Camp der Raiders trotzdem nicht geben. Noch genießt Carr das Vertrauen seiner Trainer. Sollte dieses aber nach ein paar schwachen Spielen erschöpft sein und Marcus Mariota für Carr übernehmen, klingt das im ersten Moment aufregend ob der Spielweise des Hawaiianers.

Für Mariota wäre es die Chance, ein Jahr nach der Ausbootung bei den Tennessee Titans (dort übernahm am in Week 6 Ryan Tannehill und führte das Team in die Playoffs) wieder die Kontrolle zu übernehmen. Auf seine im Vergleich zu Carr höhere Risikobereitschaft als Passer und Scrambler bei geringerer Pass-Effizienz zu setzen käme dem Versuch gleich, der eigenen Offensive auf Kosten der Sicherheit etwas Würze zu verleihen. Der Ausgang, falls es soweit kommt: völlig offen.

Offensive Line

Disclaimer: Wenn man als Anhänger der Seattle Seahawks über Tom Cable schreibt, ist das meist mit starken Gefühlen verbunden. Bei den Raiders hingegen hat der O-Line-Trainer in den vergangenen Jahren eine stabile Einheit geschaffen, die in Sachen Pass Block Win Rate zu den besten fünf der Liga gehört – und die unverändert in die neue Runde geht: Left Tackle Kolton Miller, Left Guard Richie Incognito, Center Rodney Hudson, Right Guard Gabe Jackson und Right Tackle Trent Brown. Kontinuität, die gerade in Zeiten von Corona von Vorteil sein kann.

Skill-Positionen

Henry Ruggs III soll das fehlende Puzzleteil sein, das mit großer Separation Derek Carr zu mehr Risiko im Passspiel verleitet. Ruggs steht für mehr als nur Speed. Seine Physis, sein Route Running, seine Skills am Ball und seine Effizienz legitimieren den Pick an elfter Stelle, noch vor Jerry Jeudy und CeeDee Lamb.

Dazu gesellen sich Tyrell Williams und Hunter Renfrow als weitere Starter auf Wide Receiver. Williams’ Füße sind beide (!) ausgeheilt. Und Gruden-Liebling Hunter Renfrow wird auch im zweiten Jahr ordentlich den Slot beackern. Für Tiefe sorgen Veteran Nelson Agholor sowie die Rookies Bryan Edwards und Lynn Bowden (fangstarker Runningback).

Unter den Tight Ends in der NFL hatte 2019 nur Travis Kelce von den Kansas City Chiefs mehr Fänge und Yards als Darren Waller, die Entdeckung der vergangenen Saison. Ihm zur Seite steht in diesem Jahr der 38 Jahre junge Jason Witten, der es nach kurzer und schmerzhafter Karriere als TV-Experte und einem Abschiedsjahr bei den Dallas Cowboys nochmal wissen wollte.

Runningback Josh Jacobs war als Rookie eine willkommene Option im lauflastigen Spiel der Raiders und wehrte bei jedem vierten Run ein Tackling ab. Dank gleichbleibender O-Line sollte Las Vegas auch 2020 wieder einen überdurchschnittlichen Laufangriff stellen, den Jon Gruden ausquetschen wollen wird. Basierend auf Effizienzwerten könnten die Raiders mit häufigerem Passspiel bei den frühen Downs aber noch mehr aus der Offensive raus holen.

Coaching

“Ich will das Spiel zurück ins Jahr 1998 bringen”, sagte Jon Gruden bei seinem Dienstantritt in Oakland im Jahr 2018. Jetzt ergibt es auch Sinn, dass der Cheftrainer der Raiders zurück in die Zeit vor der Coaches’ Challenge reisen will (1999 in der heutigen Form eingeführt): Nur eine von elf Challenges gewann er 2019. So kann er es auch gleich bleiben lassen.

Gruden verfolgt einen konservativen Ansatz, wenn es um die Dosierung und Akzentuierung des Laufspiels geht. Er hat es verstanden, eine risikoarme Offensive um Derek Carr aufzubauen. Doch nach zwei Jahren ohne bahnbrechenden Erfolg scheint seine Geduld mit dem Quarterback zu Ende zu gehen.

Defense

Die Offensive der Raiders konnte nur teilweise kompensieren, was die desaströse Defensive (abzüglich der Laufverteidigung) 2019 verbockte. Die Passverteidigung rangierte am Ende der vergangenen Saison auf Platz 31 nach DVOA. Damit das in der anstehenden Runde nicht erneut passiert, haben Gruden und Mayock die Defense auf rund der Hälfte der Stammplätze umgekrempelt.

Front Seven

Die Veränderungen in der D-Line begannen beim Trainer: Rod Marinelli hat die zuletzt so harmlose Positionsgruppe neu übernommen. Er brachte direkt die Defensive Tackles Maliek Collins und Daniel Ross von den Dallas Cowboys mit nach Vegas. Collins – er wird wohl neben Johnathan Hawkins auflaufen –  setzte sich 2019 wenn im Pass Rush gedoppelt ligaweit am häufigsten durch (31 Mal, knapp vor Aaron Donald mit 30).

Auf Edge gehen Clelin Ferrell und Maxx Crosby in ihr zweites Jahr. Besonders von Erstrundenpick Ferrell, der in der Offseason ein paar Kilo draufgepackt hat, erhoffen sich die Trainer mehr Produktion. Für die Rotation verpflichteten sie Defensive End Carl Nassib. Er könnte Ferrell von Zeit zu Zeit nach innen drängen.

Auf Linebacker griff Mike Mayock tief in die Tasche und verpflichtete Cory Littleton (Will), einen hervorragenden Manndecker, und Nick Kwiatkoski (MLB), einen starken Blitzer. Dass die Raiders 2019 so selten blitzten, verhinderte womöglich noch Schlimmeres (insofern das überhaupt geht). Sobald das Team fünf oder mehr Verteidiger Richtung Quarterback schickte, fiel die Secondary vollends auseinander.

Secondary

Strong Safety Johnathan Abram machte Spaß in der 2019-Ausgabe von Hard Knocks. Auf dem Feld konnte der Erstrundenpick die große Klappe aber nicht bestätigen, denn er wanderte direkt nach der Auftaktbegegnung mit einer Schulterverletzung auf Injured Reserve. Nun ist Abram wieder fit und auf der Suche nach einem Partner im Backfield. In Frage kommen Damarious Randall (kam quasi im Tausch für Karl Joseph von den Cleveland Browns) und Erik Harris, der 2019 für Abram nachrückte und als erstmals längerfristiger Starter überraschend selbstsicher auftrat.

Im NFL Draft 2020 überraschten die Raiders, als sie an 19. Stelle Damon Arnette auswählten, der auf den Boards vieler Experten eher ein Pick für den zweiten Tag war. Er könnte gut in das Schema von Defensive Coordinator Paul Guenther passen, das enge Manndeckung vorsieht. Zum Lernen des komplexen Cover-6-Systems fehlt durch das Wegfallen von OTAs, Minicamp und Preseason aber vielleicht die Zeit. Hier könnte Neuzugang Prince Amukamara für die richtige Dosis Erfahrung und Entlastung sorgen neben Trayvon Mullen (Lamarcus Joyner bleibt im Slot). Arnette, von der Persönlichkeit her nahe am Typ Abram, wird sich im Laufe der Saison gewiss aufdrängen, sobald er das System verinnerlicht hat.

Coaching

Defensive Coordinator Paul Guenther geht wie sein Chef in die dritte Saison bei den Raiders. Er hatte 2019 mit den zwei überforderten Linebackern Nicholas Morrow und Tahir Whitehead im Zentrum kaum eine Chance, die Defense zu stabilisieren. Jedoch scheint er es besonders seinen jungen Verteidigern mit der anspruchsvollen Cover-6-Deckung, die er am häufigsten (17 Prozent der Snaps) spielen lässt, nicht leichter zu machen.

Ausblick

Die Oakland Raiders haben nach der 7-9-Saison an ihren Schwachstellen gearbeitet und auf das existierende Fundament aufgebaut. Die verstärkte Defensive sollte das Team nun zumindest aus dem negativen Record-Bereich heben. Platz 2 in der AFC West – und damit eine Wild Card für die Playoffs – muss das Ziel sein. Ob es realisierbar ist, hängt davon ab, ob Derek Carr die Wut über Kritik in Mut zum tiefen Pass umwandelt.

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Maximilian Länge
Digitaler Allrounder. Irgendwo zwischen Carroll-Apologet und Wilson-Gourmand. PNW-Romantiker.

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