Vikings 2020: Rebuild, Reload oder Contender?

Nach Jahren der Kontinuität mussten die Minnesota Vikings ihren Kader in dieser Offseason stärker umbauen als gewohnt. Befinden sich die Vikings also im Rebuild oder ist trotz des Umbaus ein erneuter Playoff-Run möglich?

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Offense

Die Offense der Minnesota Vikings machte im zweiten Jahr mit Quarterback Kirk Cousins einen deutlichen Schritt nach vorne. Nachdem die Saison 2018 nur auf Platz 18 in der NFL laut Offense-DVOA abgeschlossen wurde, gelang in der vergangenen Saison der Sprung auf Platz zehn. Besonders das Play-Action-Game aufgebaut auf eine Outside-Zone Running Offense wurde vom nach Cleveland abgewanderten Offensive Coordinator Kevin Stefanski ins Zentrum gerückt. Auch die neue Offense unter Gary Kubiak dürfte ähnlich aufgebaut sein.

Quarterback

Kirk Cousins ist einer der am meisten kritisierten Spieler in der NFL. Allerdings konnte er in der vergangenen Saison das beste Jahr seiner bisherigen Karriere spielen. Mit dem vierthöchsten EPA pro Play (0,20), der drittbesten Completion Percentage over Expectation (+3,9) und der elftbesten Success Rate (48%) legte Cousins sehr gute Werte auf. Zudem war er besonders stark aus einer sauberen Pocket. Für die Prognose von zukünftigen Leistungen gilt das als einer der stabilsten Werte.

Berechtigte Kritik gibt es hingegen an seiner Aggressivität. So schafft er es zwar, Fehler und somit Turnover größtenteils zu vermeiden. Dafür lässt er aber besonders in den Mitteldistanzen häufig gute Chancen liegen und entscheidet sich dann lieber für den sicheren Check-Down. Mit der neuen Receiver-Gruppe wird er dieses Problem abstellen müssen. Fast alle Receiver der Vikings spielen am besten in diesen Mitteldistanzen. Ein echter Deep-Threat fehlt in der kommenden Saison hingegen.

Skill Positions: Receiver und Tight Ends

Wie bereits angemerkt, muss sich Kirk Cousins in der neuen Saison auf eine neue Receiver-Gruppe einstellen. Das über Jahre erfolgreiche Duo von Adam Thielen und Stefon Diggs wurde durch den Trade von letzterem gesprengt. Als Ersatz wählten die Minnesota Vikings in der ersten Runde mit Justin Jefferson einen Spieler, der mit seinem Körpertyp, seiner Athletik und seinem Spielstil sehr seinem zukünftigen Partner Thielen ähnelt. Da Jefferson im College viel im Slot arbeitete, wird Thielen wohl ähnlich wie in der vergangenen Saison die meisten seiner Snaps als Outside Receiver spielen.

Entgegen dem populären Narrativ war Thielen in den letzten drei Saisons als Outside Receiver (2,31 Yards pro gelaufener Route) deutlich produktiver als im Slot (1,99 Yards pro gelaufener Route). Hinter den beiden Startern haben die Vikings ihre Tiefe zwar leicht verbessert. Olabisi Johnson und Tajae Sharpe sind als Receiver Nummer drei und vier jedoch maximal unterer Durchschnitt.

Wie oft die beiden überhaupt das Feld sehen ist ungewiss, da die Vikings wohl auch in der kommenden Saison häufig mit zwei Tight Ends agieren werden. Besonders von Irv Smith erhofft man sich in seinem zweiten Jahr einen Sprung nach vorne. Die Ansätze während seiner Rookie Saison waren vielversprechend und der Abgang von Diggs könnte Smith mehr Targets ermöglichen. Neben Smith dürfte Veteran Kyle Rudolph weiter ein zuverlässiges Ziel bei 3rd Downs und in der Redzone bleiben.

Skill Positions: Runningback

Ein Rückschritt in der Receiving-Produktion ist bei den Running Backs zu erwarten. Dalvin Cook erwies sich zwar in der vergangenen Saison als starke Waffe im Screen-Game mit einem absurden EPA pro Target von 0,779. Allerdings ist der Erfolg bei Screen-Pässen extrem volatil. So brachte es Cook in seinen ersten beiden Saisons nur auf einen EPA von -0,075 pro Target. Der starke Vorjahreswert wird also kaum zu halten sein. Abgesehen von Screens und Check-Downs hat Cook als Receiver nicht viel anzubieten.

Bei seinen Targets war Cook im Durchschnitt 1,39 Yards hinter der Line of Scrimmage. Wenn er als Receiver aufgestellt war, bekam er in der gesamten Saison nur ein Target. Auch seine Hände haben sich als unzuverlässig erwiesen und mit 11,7% die zweithöchste Drop-Rate aller Running Backs mit mehr als 50 Targets produziert. Als Match-Up Waffe im Passing Game wie beispielsweise McCaffrey, Kamara, Ekeler oder Aaron Jones, ist Cook also bisher nicht in Erscheinung getreten.

Offensive Line

Die Offensive Line ist seit Jahren das größte Sorgenkind der Minnesota Vikings. Das dürfte wohl auch in der kommenden Saison so bleiben. Trotz des ernüchternden 25. Platzes bei der PFF Pass Block Efficiency bleiben wohl mit Riley Reiff, Brian O’Neill, Garrett Bradbury und Pat Elflein vier der fünf Starter aus der vergangenen Saison auf ihren Platzen. Immerhin das Tackle-Duo mit Reiff und O’Neill spielte eine ordentliche Saison.

In der Mitte der Line ging es hingegen oft vogelwild zu. Bradbury deutete zwar immer wieder sein Potenzial an, musste aber auch einige katastrophale Auftritte verkraften. Sein Nebenmann Elflein war über die Saison betrachtet wohl der größte Unsicherheitsfaktor in Pass Protection. Der Platz auf Right Guard wird nach der Entlassung von Josh Kline wohl zwischen Dru Samia und Rookie Ezra Cleveland ausgespielt. Eine gute Lösung ist aber wohl auch auf diesem Platz nicht in Sicht. Immerhin das Run-Blocking konnte in der vergangenen Saison als Lichtblick gewertet werden. Die Vikings legten die elftbeste PFF Run Block Grade auf und waren besonders in den vielen Outside-Zone-Konzepten stark.

Coaching

Man mag es kaum glauben – Trotz des erneuten Wechsels auf der Position des Offensive Coordinators, gehen die Vikings mit einer ungewohnten Kontinuität in die neue Saison. Gary Kubiak wird wohl nur wenig an dem Schema der Offense ändern, an welcher er bereits in der vergangenen Saison stark beteiligt war. Somit bleibt auch in der kommenden Saison der Fokus auf einem Outside-Zone Running Game und einer starken Nutzung von Play-Action-Konzepten. Entgegen der öffentlichen Meinung, könnte sich der Fokus der Vikings mehr in Richtung des Passing Games verlagern. In der Vergangenheit hatten Offenses mit Gary Kubiak als Head Coach oder Offensive Coordinator meistens eine durchschnittliche oder sogar überdurchschnittliche Pass-Rate bei frühen Versuchen.

Insgesamt wird sich das Bild der Vikings Offense aber wohl kaum ändern. Somit gehen die Vikings erstmals in der Mike-Zimmer-Ära mit dem selben Quarterback und dem selben offensiven Schema wie in der Vorsaison in die kommende Spielzeit.

Defense

Die Defense der Minnesota Vikings war in den letzten Jahren eine Anomalie, da sie der eigentlich erwiesenen Instabilität von defensiver Performance trotzte und Jahr für Jahr unter den besten der Liga zu finden war. Auch in die letzte Saison beendete man mit dem siebtbesten Defense DVOA in den Top-10, obwohl man besonders in der Secondary Probleme hatte. Vor der kommenden Saison musste aber kräftiger als üblich umgebaut werden, weshalb Mike Zimmers unwahrscheinliche Serie von Top-Defenses enden könnte.

Defensive Front

Die starke Defensive Line musste in der Offseason besonders aus finaziellen Gründen mit Everson Griffen und Linval Joseph zwei langjährige Starter abgeben. Joseph wurde zwar eigentlich mit Michael Pierce ersetzt. Der verzichtet aber wegen seiner Probleme mit Asthma und dem damit verbundenen Risiko bei einer möglichen COVID-19-Erkrankung auf die kommende Saison.

In Folge dessen sieht es besonders bei der Interior-Line düster aus. Der einzige Lichtblick ist Nose Tackle Armon Watts, der in der vergangenen Saison in wenigen Snaps bereits etwas Potenzial als Pass-Rusher andeuten konnte. Dahinter stehen aber mit Shamar Stephen, Jaleel Johnson, Jalyn Holmes und Hercules Mata’afa viele große Fragezeichen. Auch Rookie James Lynch wird nach der verkürzten Offseason eher länger brauchen, ehe er einsetzbar ist.

Etwas besser sieht es an den Enden der Defensive Line aus. Mit Danielle Hunter haben die Vikings weiterhin einen der besten Edge Rusher der Liga. Auf der anderen Seite wird Ifaedi Odenigbo versuchen, den Abgang von Everson Griffen zu kompensieren. Als Rotationsspieler zeigte Odenigbo bereits in der letzten Saison gute Ansätze. Dahinter wird es jedoch erneut sehr dünn. Weder von Veteran Anthony Zettel, noch von den Rookies D.J. Wonnum und Kenny Willekes sind große Einflüsse zu erwarten.

Besser sieht es jedoch in der zweiten Reihe der Defense aus. Middle Linebacker Eric Kendricks ist besonders in Coverage stark und wurde in der vergangenen Saison zurecht als All-Pro ausgezeichnet. Mehr Druck hat vor der neuen Saison hingegen Anthony Barr. Im Jahr 2019 spielte er seine bisher schlechteste Saison. Um seinen Vertrag über die Saison 2020 hinaus zu rechtfertigen, benötigt er eine deutliche Verbesserung. Auch die Tiefe auf Linebacker ist mit Eric Wilson, Ben Gedeon und Rookie Troy Dye solide.

Secondary

Von allen Positionen im Kader sah die Cornerback-Position wohl den größten Umbruch. Mit Xavier Rhodes, Trae Waynes und Slot Corner Mackenzie Alexander sind alle drei Starter der vergangenen Saison weg. Um die frei gewordenen Plätze werden sich wohl mit Mike Hughes, Holton Hill und den Rookies Jeff Gladney und Cameron Dantzler ausschließlich junge Spieler streiten. Vermutlich werden Hughes und Gladney vorerst die beiden Plätze als Starter bekommen.

In Nickel-Packages wird Hughes dann wohl nach innen rücken, während Hill oder Dantzler den Platz außen übernehmen. Eine Prognose ist wegen dem Mangel an NFL Tape bei allen vier Kandidaten schwierig. Die geringe Erfahrung, die fehlende Offseason und ein mit starken Passing-Offenses gespickter Spielplan lassen jedoch starke Wachstumsschmerzen vermuten.

Ein komplettes Kontrastprogramm dazu liefert die letzte Reihe der Defense. Mit Harrison Smith und Anthony Harris bleibt den Vikings das beste Safety-Duo der Liga erhalten. Besonders Smith ist eine für Zimmer variabel einsetzbare Allzweckwaffe, welche über die gesamte Defense verschoben werden kann. Anthony Harris konnte sich in den letzten beiden Jahren unter den besten Deep-Safeties etablieren. Der Verbleib des Duos war besonders mit Blick auf die junge Cornerback-Gruppe bitter nötig.

Coaching

Man kann über seine offensiven Ansichten und sein Game Managment an manchen Stellen sicher streiten. Defensiv bleibt Mike Zimmer aber einer der besten Coaches der Liga. Dennoch wird die kommende Saison auch für ihn eine große Herausforderung. Die Hürden, um mit dem neuen Personal erneut eine Top-10 Defense aufzustellen, sind hoch. Um dem Pass-Rush mit noch kreativeren Blitz-Packeten zu helfen, wurde Dom Capers als Berater verpflichtet. Den Posten des Defensive Coordinators übernehmen nach dem Abgang von George Edwards mit Andre Patterson und Adam Zimmer zwei verdiente Position-Coaches. Schematisch wird sich aber wohl wenig ändern. Auch das Play-Calling wird Mike Zimmer wohl erneut nicht abgeben.

Team Projection

Die Minnesota Vikings sind in der kommenden Saison schwierig einzuschätzen, da einige Schlüsselpositionen (besonders Cornerback und Receiver) mit jungen und unerfahrenen Spielern besetzt werden, die keine echte Offseason zur Vorbereitung genießen durften. Dennoch hat das Team durch Kirk Cousins, einige verbliebene Veterans und einen insgesamt überdurchschnittlichen Coaching Staff noch eine relativ hohe Base-Line. Somit werden die Vikings wohl kaum schlechter als durchschnittlich abschneiden. Mehr als eine 9-7 Bilanz und ein knapper Playoff-Einzug ist aber in der kommenden Saison wohl nicht drin.

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Jonas Stärk
NFL- und Draft-Enthusiast, Podcaster; Im deutschen Football unterwegs als Spieler und Jugend-Coach der Bochum Rebels und als Schiedsrichter.

1 KOMMENTAR

  1. Großartig! Solche Artikel liebe ich.
    Als ich den Abschnitt über die Ähnlichkeit von JJ und Thielen las (nicht zum ersten Mal), wollte ich schon in den Kommentarbereich springen und fragen: Ja was heißt das denn nun? Kann Thielen auch Outside?
    Und BOOM!, holst du mich im nächsten Abschnitt perfekt ab. Danke.

    (Auch der Rest ist natürlich gewohnt informativ und unterhaltsam. Aber das gilt für alle Artikel auf dieser Seite.)

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