Bengals 2020: Mit Burrow wieder konkurrenzfähig?

Die Ära Andy Dalton in Cincinnati ist vorbei. Seinen Nachfolger wählten die Bengals mit dem ersten Pick im Draft 2020. Doch wie viel Glanz der historischen LSU-Offense bringt Joe Burrow mit nach Ohio?

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Lesezeit: 6 Minuten

Im vergangenen Jahr erwischten die Cincinnati Bengals eine Saison zum Vergessen. Nur zwei Siege gelangen dem Team aus Ohio. Mit dem First-Overall-Pick Joe Burrow soll nun alles besser werden. Second-Year-Head-Coach Zac Taylor kann dafür auf einen jungen Kader zurückgreifen. Allerdings bleiben besonders in der Defense noch einige Baustellen.

Offense:

Die Offense der Bengals war in der vergangenen Saison nur schwer mit anzusehen. Eine schwache Offensive Line, Verletzungen im Receiving Corps und zwei mit der Situation völlig überforderte Quarterbacks sorgten dafür, dass der Ball für die Bengals Offense kaum zu bewegen war. Laut Offense DVOA schlossen die Bengals die Saison auf Platz 29 und somit nah am unteren Ende der Liga ab. Mit Joe Burrow bekommen die Bengals einen neuen Spielmacher, der grade die statistisch beste Saison eines College Quarterbacks hinter sich gebracht hat.

Quarterback:

Selten war der Konsens beim ersten Pick im Draft so groß wie in diesem Jahr. Niemand konnte ernsthaft anzweifeln, dass die Bengals Burrow nehmen. Der Spielmacher vom National Champion LSU ist eines der komplettesten Prospects der letzten Jahre. Besonders seine Genauigkeit und seine Pocket-Präsenz sind außergewöhnlich. Mit seiner Mobilität kann Burrow auch unter Druck Plays verlängern und zur Not selber laufen. Designte Quarterback-Runs dürften für ihn in der NFL aber eine Seltenheit sein.

Wie alle anderen Rookies leidet auch Burrow unter der starken Verkürzung der Off-Season. Somit bleibt ihm nur wenig Zeit mit den neuen Receivern und dem neuen Playbook. Es muss also mit Schwierigkeiten am Start gerechnet werden. Zac Taylors Offense mit vielen Play-Action Pässen, Rollouts und klaren Reads sollte Burrow aber helfen. Auch seine Waffen können sich, wenn alle fit bleiben, sehen lassen.

Offense Skill Positions:

Die meisten Schlagzeilen bei den Receivern der Bengals sammelte ein Spieler, der nicht spielte. Star-Receiver A.J. Green verpasste verletzungsbedingt die gesamte Saison. Dennoch belegte das Team ihn während der Saison mit den Franchise Tag. Im Training Camp fiel er jedoch erneut wegen Problemen am Beinbeuger aus. Der Saisonstart soll aber wohl noch nicht in Gefahr sein. Es ist fraglich, ob der 32-Jährige nochmal in Form kommt. Ein fitter A.J. Green wäre nichtsdestotrotz eine wichtige Hilfe für Joe Burrow.

Unabhängig davon sieht die Receiver-Gruppe der Bengals besonders in der Tiefe stark aus. Im Draft wählten die Bengals in der zweiten Runde Tee Higgins aus. Das Clemson-Produkt ist ein klassischer Outside Receiver mit einer Stärke für Contested Catches. Mit Tyler Boyd haben die Bengals auch einen der besten Slot Receiver der Liga. Dahinter könnte auch Auden Tate erneut eine gute Rolle spielen. Mit seiner Größe ist er besonders in der Redzone eine gefährliche Waffe. Auch das untere Ende des Depth Charts ist mit Speedster John Ross und Slot Receiver Alex Erikson erstaunlich gut besetzt. Wenn alle fit bleiben, könnten die Bengals eine der stärksten Gruppen der Liga auf Receiver stellen.

Ganz anders sieht es nach dem Abgang von Tyler Eiffert auf Tight End aus. Weder C.J. Uzomah noch Drew Sample werden eine gewichtige Rolle im Passing Game spielen können. Immerhin die Running Backs Joe Mixon und Gio Bernard sind mehr als brauchbare Passempfänger.

Offensive Line:

Die Offensive Line der Bengals war in der vergangenen Saison ein einziger Scherbenhaufen. Laut PFF Pass-Block-Efficiency lag die Unit nur auf Platz 28. Auch im Laufspiel lief es kaum besser. Ein Lichtblick ist immerhin die Rückkehr von Left Tackle Jonah Williams. Seine Rookie-Saison verpasste er wegen einem Kreuzbandriss. Auf der anderen Seite wird hingegen Bobby Hart trotz anhaltend schlechter Leistungen seinen Platz behalten.

Noch schlimmer sieht es in der interior Line aus. Center Trey Hopkins hat sich im vergangenen Jahr besonders in Pass Protection zu einem soliden Starter entwickelt. Left Guard Michael Jordan hingegen ist die nächste große Schwachstelle in der Unit. Auch Neuzugang Xavier Su’a-Filo kann maximal als kurzfristige Notlösung gesehen werden. Eine Verbesserung der Offensive Line ist also maximal in einem sehr geringen Rahmen zu erwarten.

Offensive Coaching:

Zac Taylor geht in seine zweite Saison als Head Coach der Cincinnati Bengals. An den miserabelen Ergebnissen der Vorsaison sollte man ihn wegen der Umstände nicht messen. In seinem zweiten Jahr sollte aber zumindest eine signifikante Verbesserung spürbar werden. Viele Elemente seines Schemas brachte Taylor von seinem früheren Job bei den Rams unter Sean McVay mit. Dazu zählt ein auf Outside Zone Konzepten basierendes Running Game und ein Play-Action-lastiges Passing Game. Anders als viele andere Vertreter dieses Coaching Trees wird Taylors Offense wohl weniger auf Sets mit zwei Tight Ends zurückgreifen. Dafür fehlt schlicht die Qualität auf der Position.

Defense:

Nicht nur die Offense hat eine schwere Saison hinter sich. Auch für die Defense verlief die Saison ziemlich bitter. Mit Platz 30 beim Defensive DVOA schnitt die Unit von Defensive Coordinator Lou Anarumo sogar noch einen Platz schlechter ab als die Offense. Besonders in der Secondary konnten einige Leistungsträger ihr Potenzial nicht abrufen.

Defensive Front:

Die Defensive Line war noch einer der leichten Lichtblicke der Verteidigung. Geno Atkins mag nicht mehr auf dem absoluten Top-Level früherer Tage sein. Ein gefährlicher Pass-Rusher ist er aber nach wie vor. Auf Nose Tackle wird mit D.J. Reader der teuerste Neuzugang der vergangenen Off-Season starten. Primär soll Reader helfen die im letzten Jahr fünftschlechteste Run-Defense aufzubessern. Für einen Nose Tackle seiner Statur ist er aber auch ein überraschend guter Pass-Rusher. Mit Mike Daniels haben die Bengals zuden einen ordentlichen Veteran in der Rotation der interior Defensive Line.

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Auch außen sind die Bengals stark besetzt. Carlos Dunlap und Sam Hubbard sind ein sehr ordentliches Edge-Duo. Auch die Rotation dahinter ist mit Carl Lawson und Rookie Khalid Kareem stark besetzt.

Ganz anders sieht es hingegen in der Linebacker-Reihe aus. Middle Linebacker Neuzugang Josh Bynes ist ein solider Veteran ohne große Schwächen. Flankiert wird er aber von großen Fragezeichen. Auf der Weak Side wird wohl erneut Germaine Pratt starten. Der hatte jedoch in seiner Rookie-Saison extreme Probleme in Coverage. Auf der Strong Side kommt Rookie Logan Wilson zum Einsatz. Der Drittrundenpick wirkt als Spielertyp etwas aus der Zeit gefallen. Er ist ein starker Run-Stopper und explosiv, wenn er in Gaps schießt. Jedoch wurde von ihm auf dem College fast nichts in Coverage verlangt. Nach Wilson haben die Bengals im diesjährigen Draft mit Akeem Davis-Gaither und Markus Bailey noch zwei weitere Linebacker gezogen. Auch das ist ein Indikator dafür, wie groß die Probleme auf dieser Position sind.

Secondary:

Die Secondary der Bengals hat einen großen Umbruch erlebt. Mit Darquise Dennard und Dre Kirkpatrick verließen zwei Stammspieler das Team. Dafür verpflichteten die Bengals die beiden ehemaligen Vikings Trae Waynes und Mackenzie Alexander. Waynes verletzte sich jedoch bereits schwer und wird dem Team wohl fast die ganze Saison fehlen. Mackenzie Alexander musste das Training Camp zudem wegen einem familiären Drama verlassen. Dieses fand jedoch immerhin ein positives Ende.

Der Nummer eins Cornerback der Bengals bleibt William Jackson III. Allerdings spielte er in der vergangenen Saison weit unter seinen Möglichkeiten. Durch den Ausfall von Waynes rückt wohl Darius Phillips in das Starting-Line-Up. Der vielseitige Defensive Back machte in der vergangenen Saison als Rotationsspieler auf sich aufmerksam. In einer größeren Rolle muss er sich jedoch noch beweisen. Im Slot dürfte Neuzugang Alexander spielen. Der ehemalige Zweitrundenpick hat sich in Minnesota unter dem ehemaligen Bengals-DC Mike Zimmer zu einem soliden Slot-Corner entwickelt.

Auf Safety startet Jessie Bates III in seine dritte Saison. Der Free Safety konnte jedoch 2019 nicht annähernd an seine starke Rookie-Saison anknüpfen. Besonders im Tackling bekam er große Probleme. In der vergangenen Saison verpasste er 23 Tackles. Auf Strong Safety startet ein weiterer Free Agent Neuzugang. Vonn Bell kommt nach vier Jahren bei den New Orleans Saints nach Ohio. Er ist ein extrem guter Run-Defender in der Box. In Coverage ist er jedoch ziemlich anfällig.

Der Gesamterfolg der Secondary wird stark davon abhängen, ob William Jackson III und Jessie Bates III wieder die Leistungen vom Beginn ihrer Karriere abrufen können. Zumindest eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahr ist aber auch unabhängig davon wahrscheinlich.

Defensive Coaching:

Wie Zac Taylor geht auch Defensive Coordinator Lou Anarumo in seine zweite Saison mit den Cincinnati Bengals. Anders als sein Head Coach könnte Anarumo aber bereits schneller unter Druck geraten. Besonders die Leistungseinbrüche von Jessie Bates III und William Jackson III sind für den ehemaligen DB-Coach problematisch. Stellt sich hier keine Besserung ein, könnte der Stuhl unter Anarumo schnell an Hitze gewinnen.

Schematisch agiert Lou Anamuro aus einer flexibelen 4-3 Front mit einer hohen Blitz-Aggressivität. In Folge dessen spielt er mit seinen Defensive Backs viel Man Coverage. Dass alle drei gedrafteten Linebacker als gute Blitzer gelten unterstreicht, dass Anamuro auch weiterhin mit seinem aggressiven Ansatz arbeiten möchte.

Team-Projection:

Nach der Horror-Sasion 2019 stecken die Cincinnati Bengals mitten im Rebuild. Dennoch gibt es durchaus Faktoren, die optimistisch stimmen. Joe Burrow könnte trotz der kurzen Off-Season bereits als Rookie ein Upgrade gegenüber Andy Dalton und besonders Ryan Finley darstellen. Auch das Receiving Cops und die Defensive Line sind vielversprechend besetzt. Zudem wird sich das Turnover-Verhältnis von Minus 14 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verbessern. Gleiches gilt für die Performance in engen Spielen. Hier schnitten die Bengals beinahe historisch schlecht ab.

Die Situation der Bengals ist durchaus mit den Arizona Cardinals 2019 vergleichbar. Sechs Siege könnten für die Bengals durchaus realistisch sein. Für mehr wird es in dieser Division wohl kaum reichen. Das gibt der Kader noch nicht her. Besonders in der Offensive Line, bei den Linebackern und in der Secondary sind die Fragezeichen noch zu groß.

1 KOMMENTAR

  1. Danke für die hervorragende Analyse. Bin echt schon gespannt ob die Bengals sich etwas stabilisieren können.

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