Washington Football Team 2020: Wie Tief kann man Fallen

In Washington versucht ein Team ohne Namen einen Neuanfang, der über das Sportliche weit hinaus reichen soll. Aber die schlechten Nachrichten reißen nicht ab.

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Lesezeit: 5 Minuten

Die Ausgangslage in Washington ist, gelinde gesagt, komplex. Nachdem der alte Name – angetrieben durch finanziellen Druck – gefühlt von einem Tag auf den nächsten weg war, kurz darauf ein riesiges Sexismusproblem aufgedeckt wurde, versucht Dan Snyder seine Franchise aus den Tiefen der NFL zu führen. Der neue Head Coach Ron Rivera soll den vielbeschworenen “culture change” voran treiben. Gestern Abend machte der vermeintliche Heilsbringer dann jedoch öffentlich, dass er an Hautkrebs erkrankt ist. Früh erkannt, vermeintlich gut behandelbar. Die Saison aussetzen will er nicht, COVID-19 zum Trotz.

Am Montag wurde mit Jason Wright nicht nur der jüngste Präsident eines NFL Teams vorgestellt, er ist auch der erste Schwarze, der ein solches Amt bekleidet. Seine Aufgaben sind aber weniger sportlicher Natur, vielmehr soll er sich um die geschäftlichen Belange der Franchise kümmern. Die Aussichten, die das Team hat, sind trüb, das konnte man in den turbulenten letzten Wochen vergessen.

Quarterback

Dwayne Haskins wäre wohl gerne ein unbeschriebenes Blatt. Seine Stats aus der letzten Saison sehen fatal aus. Wie man es dreht und wendet, wo man die Daten beschneiden möchte: Er spielte bescheiden. Und wenn er mal gewann, dann stand er auch noch auf der Tribüne und machte Selfies, statt aufs Knie zu gehen. Wollte er die Korrelation zwischen QB Kneels und QB Wins überwinden? Wir werden es wohl nie erfahren. Spaß beiseite: Wer sich auf gutes Quarterback Spiel in Washington freuen möchte, der sollte – zunächst – auf das Märchen von Alex Smith hoffen. Das wäre die Cinderella Story, die dieses Team so dringend braucht. Das OK der medizinischen Abteilung für Training und Spiele feierte er herzerwärmend. Hinter ihm könnte sich Haskins entwickeln, ohne dass seine Demission die größte Schlagzeile wäre. Bei den Spielern, die ihn umgeben, wäre es ihm zu vielleicht zu wünschen. Dazu später mehr.

Offensive Coaching

Während Ron Rivera den Umbruch der Franchise generell und der Defense im speziellen voranbringen soll – so es seine Gesundheit zulässt – kann man auf Scott Turners Offense gespannt blicken.

Den desolaten Zustand der Offense des Teams aus Washington über die letzten beiden Jahre kann er nur verbessern. Und bei aller Freiheit, die er hinter all den Skandalen, Dan Snyder und Rivera hat: er muss es eigentlich auch, will er nicht erstes Bauernopfer werden. Aufgewachsen mit Football, war Turners kleinster Arbeitgeber in den letzten zehn Jahren Michigan. Mit nicht einmal 40 Jahren ist Washington seine vierte NFL Station. Es ist bisher schwer zu eruieren, wofür seine Offense genau steht. Sein Vater Norv hatte am Ende seiner Karriere keinen guten Ruf mehr, seine Grundlage bildete die Air-Coryell-Offense. Scott hatte auf seinen bisherigen Stationen quasi immer Fragezeichen auf Quarterback (Weeden, Cassel, Bridgewater, Bradford, verletzter Newton, Allen, Grier). Aber, so lese ich das, er verfolgt seinen Weg auf Grundlage des Spielermaterials. Er nutzt Analytics. Er hat einen hohen Football IQ.

Der Rest der Offense

Ich mag hier nicht einmal die einzelnen Teile aufzählen, zu zermürbend wäre es zunächst. Kurz: Terry McLaurin und dann kommt erst einmal lange nichts. Und auch der muss seine Leistungen aus der Rookiesaison zunächst bestätigen. Mit Trent Williams ist der beste Spieler der O-Line weg, der bereits letztes Jahr nicht gespielt hatte. Und wenn Ereck Flowers einer der nächstbesten in der O-Line war, dann kann man sich ausmalen, wo diese Unit stand. Hinzu kommt: auch er ist weg. Wenigstens hat man Guard Brandon Scherff gehalten, wenn auch nur mittels Franchise Tag.

Derrius Guice sollte eigentlich ein überdurchschnittliches Backfield anführen. Nur ist der auf Grund häuslicher Gewalt suspendiert. Damit führt Adrian Peterson die Runningbacks an – was für eine ekelhafte Ironie. Für die Fantasy Community könnte Runningback / Wide Receiver Hybrid Antonio Gibson spannend sein, für Nostalgiker gibt es einen Tight End mit dem Namen Moss. Und sonst: wenig erbauliches. Kelvin Harmon, der ein paar gute Ansätze zeigte, fällt die komplette Saison aus. Das enorme Defizit auf Tight End könnte problematisch werden. Wenigstens hat man in Antonio Gandy-Golden einen Receiver in Runde vier gedraftet, der in der Redzone mit einem enormen Catchradius für Furore sorgen könnte.

Was übrig bleibt:

Turner muss überraschen. Seine Pressekonferenz in Carolina nach der Entlassung seines Vaters und seines jetzigen Chefs Ron Rivera lassen ihn mir von Grund auf sympathisch erscheinen. Wenn er aber – ob mit Smith oder Haskins – eine Offense kreiert, die letztendlich doch den letzten Platz in der NFC East holt, die keinen „culture change“ auf dem Platz zeigt, dann wird er vielleicht nicht lange OC bleiben. Falls er es schafft, aus dieser Offense zählbares heraus zu holen, kann sein schweres Erbe auch schnell ein großer Vorteil werden. Looking at you, Mr. Shanahan. Die Parallelen sind zu verlockend, um sie auszusparen. Aber für eine aufstrebende Karriere braucht es ein zunächst mittleres Wunder.

Haskins muss eigentlich schnell beweisen, dass er das Zeug zum Franchise Quarterback hat. Die Umstände werden das erschweren. Und mit einem Top-2 Pick nächstes Jahr könnte seine Zeit in Washington auch schon bald vorbei sein.

D-Line

So schwer es ist, etwas gutes über die Offense des Washington Football Teams zu sagen, so einfach ist es, diese Unit zu loben. Was eingedeckt von vier Firstroundpicks in vier Jahren in die D-Line (nicht die Front im weiteren Sinne) auch so sein muss. Diese Dichte an Firstroundern auf jener Position ist ein absolutes Novum. Sweat, Payne, Allen, Young – so wird die erste Linie der Verteidigung aussehen. Jack Del Rio und Ron Rivera sollten daraus eine unangenehme Unit formen.

Linebacker

Josh Harvey-Clemons, der letztes Jahr in 9 Spielen zum Einsatz kam, setzt die Saison aus. Die Spieler, die sich um die zwei Starterplätze streiten werden heißen: Jon Bostic, Cole Holcomb, Thomas Davis and Ryan Anderson. Eine Problemzone.

Secondary

Kendall Fuller kommt zurück. Als er Washington vor zwei Jahren in den Wirren des Smith‘ Trades verließ, fassten sich nicht wenige an den Kopf: was ein Schnäppchen für die Chiefs. Nur hat er sich dort nie durchgesetzt. Und wer in Kansas‘ Secondary durchfällt, sollte nicht der namenhafteste Spieler einer Secondary sein. Immerhin hat Washington mit Landon Collins den bestbezahlten Strong Safety der Liga …der sie letztes Jahr auf Rang 24 nach DVOA gegen den Pass geführt hat. Den gleichen Rang gab es auch gegen den Lauf im Übrigen. Ronald Darby wurde von den Eagles verpflichtet. Er ist nach seiner Verletzungsmisere der letzten Jahre eine Wildcard. Talent und Namen sind hier also vorhanden, zumindest in der ersten Reihe.

Coaching

Jack Del Rio, vormals Raiders und Jaguars, ist DC des Teams. Inwiefern er durch den Krebs Riveras mehr Aufgaben übernehmen muss – immerhin war er 12 Jahre Head Coach – bleibt abzuwarten. Nachdem er kürzlich ein Video einer – gelinde gesagt – umstrittenen Ärztin verbreitete, die Masken für Humbug und Hydroxychloroquin für die Antwort auf Corona hält, sollte man sich vielleicht Sorgen um die Gesundheit der Spieler machen. Aber er ist ein erprobter Coach auf der defensiven Seite. Gepaart mit dem Talent in der Front, Riveras Zuneigung für Blitzes und geschemeten Pressures, sollte man einen gewaltigen Sprung von einem desaströsen 25. Platz in pass-rush win rates aus dem letzten Jahr erwarten. Was dahinter kommt, bleibt abzuwarten.

Ausblick:

Wäre ich jemand, der wettet, ich würde das Team ohne Namen als first-overall Pick tippen. Der Auftakt: vs Eagles, @Cards, @Browns, vs Ravens, vs Rams. 0-5 scheint nicht ausgeschlossen und dann kann es gegen die Giants im MetLife Stadium schon um alles gehen.

Die D-Line ist wohl eine der besten der Liga, der Coaching Staff auf dieser Seite sehr erfahren. Darüber hinaus gibt es wenig Grund zu Optimismus. Allein Scott Turner fasziniert mich, auch wenn ich bisher nicht weiß, wieso. Die Unruhe in dieser Franchise wird die Saison begleiten. Dan Snyder sollte über kurz oder lang weg, sonst droht burgundy and gold das neue brown zu werden.

Aber das Wichtigste aus Sicht des Washington Football Teams und wohl der ganzen NFL heute: Daumen drücken für eine schnelle Genesung Ron Riveras.

2 KOMMENTARE

  1. Bisher bester Artikel den ich hier bisher gelesen hab! (Habe 80% hier gelesen) Von korsakoff’s mal abgesehen…
    Keep pounding! 😅

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