Eagles 2020: Endlich ohne gestutzte Flügel?

2019 war eine recht absurde Saison, in der manch Eagles Fan irgendwann zum Galgenhumor wechseln musste. Als Mitfavorit gestartet, gab es schnell kapitale Verletzungen und eine äußerst disfunktionale Secondary.

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“Die Receiver-Situation der Eagles ist durch Verletzungen so dramatisch, mittlerweile setzen sie auch den Busfahrer als WR ein.”

Nicht selten wurde die Verletzungssituation so oder ähnlich kommentiert, zumal es bei den Eagles den historischen Kontext gibt. Mit Vince Papale schaffte es schonmal ein als Barkeeper arbeitender Amateurspieler zum Eagles-Receiver.

Trotz dieser sehr offensichtlichen Problemzonen, reichte es für die Playoffs. Doch auch da war alles unnormal. Erst die frühe Gehirnerschütterung von Carson Wentz, dann der 40-jährige Oldie Josh McCown, der die Receiver-losen Eagles unerwartet mit Muskelriss im Oberschenkel im Spiel hielt…

Nun hofft man auf etwas mehr Normalität und Stabilität. Zumal man noch immer zum erweiterten Kreis der NFC-Contender zählt.

Offense

Das Offense-Thema der Offseason waren zweifelos die Wide Receiver. Die vielen Verletzungen, sowie ihre fehlende Schnelligkeit und Fangsicherheit hatten den Eagles doch sehr deutlich die Flügel gestutzt. Diese Problematik ist man im Draft äußerst umfangreich angegangen, vor allem Erstrundenpick Jalen Reagor soll möglichst schnell ein massives Upgrade werden. Abgesehen davon gilt es die Neuerungen der Offensive Line unter die Lupe zu nehmen, welche nach mehreren Jahren der Konstanz zwei wichtige Umstellungen erfahren wird.

Quarterback

Ein weiteres Thema der Offseason, war die Zweitrundenwahl von Jalen Hurts im Draft. Welches Signal wollte man damit ausstrahlen, wo Carson Wentz doch erst vergangene Saison einen langen und hochdotierten Vertrag unterschrieben hat? Sportlich hat Wentz mit seiner ersten 4000er Saison – gefühlt ohne Wide Receiver – wenig Anlass zum Zweifel gegeben. Andererseits wissen gerade die Eagles, dass man im Notfall auch mit einem Backup Erfolg haben kann. Abseits davon könnte Hurts ein wenig mehr Unberechenbarkeit ins Playbook bringen, welches in der vergangenen Saison, auch personalbedingt, sehr vorhersehbar erschien.

Offensive Line

Die beste Offensive Line der vergangenen Saison wird wohl eine Regression durchmachen müssen. Vergangene Saison hatte man keine Schwachstelle. Selbst die vermeintliche, Left Guard Isaac Seumalo, konnte einen großen Schritt nach vorne machen. Doch nun gibt es zwei große Veränderungen. Während man mit Center Jason Kelce und Right Tackle Lane Johnson weiterhin zwei absolute Elite-Spieler hat, wird es nun mit Andre Dillard einen neuen Starting Left Tackle geben. Der im Vorjahr in Runde 1 gedraftete Nachfolger von Jason Peters muss sich nun auf Wentz’ Blind Side beweisen.

Apropos Peters, die mittlerweile 38-jährige spielende Legende ist weiterhin bei den Eagles und wird auf Right Guard umgeschult. Dort muss er Brandon Brooks ersetzen. Dieser spielte eine herausragende 2019er Saison, zog sich aber im Juni einen Achillessehnenriss zu, der seine Saison frühzeitig beendete. Peters steht nun also vor einer Transformation, die für ihn aber nicht unerwartet kommt. Schon vor Monaten hatte der mehrfache Pro Bowler angekündigt auf die Guard Position wechseln zu wollen, um die Karriereoptionen zu verbessern. Sollte Peters den Wechsel nicht schaffen, wird wohl Matt Pryor die Chance erhalten.

Skill Positions

Wie bereits angesprochen waren die Wide Receiver im vergangenen Jahr ein absolutes Trauerspiel. Neun WRs kamen in der abgelaufenen Saison zum Einsatz. Sie alle waren zusammengerechnet so ertragreich wie das Tight End Duo um Zach Ertz und Dallas Goedert. Woran es lag? Verletzungspech, ausbleibende Entwicklung, Leistungsrückschritte. Die drei geplanten Starter fehlten über mehrere Wochen gleichzeitig und Receiver aus der zweiten Reihe, Rookie Arcega-Whiteside und Mack Hollins, konnten sich zu keinem Zeitpunkt empfehlen. Dazu fehlte bei Nelson Agholor, dem Starter mit den meisten Einsätzen, jede positive Entwicklung. Bezeichnend, dass seine Eagles-Karriere mit “Unlike Agholor” quasi als Meme beziehungsweise Witz endete.

Receiving-Statistiken der Eagles in der vergangenen Saison.

Zum kleinen Helden entpuppte sich im Endspurt Greg Ward. Der 25-jährige war nach mehreren Jahren im Practice Squad durch die Verletzungen ins Team gerutscht und stieg schnell zum sichersten WR auf. Nun hat sich diese Position aber drastisch verändert. Jalen Reagor wird sofortiger Starter und soll mit Jackson eine Speedster-Offense erzeugen. Auch die Rookies John Hightower und Quez Watkins bringen viel Speed in den Kader und werden wohl zum 53er Kader zählen. Bei Alshon Jeffrey bleibt abzuwarten, wann er einsatzbereit sein wird. Ein fester Zeitplan wurde noch nicht nach außen kommuniziert, aktuell sieht es danach aus, dass er die ersten sechs Wochen auf der PUP-Liste bleiben wird.

Auf Tight End bleibt alles beim alten. Die Tz-Connection zwischen Wentz und Ertz ist ein wichtiger Schlüssel und hinter Ertz hat sich Dallas Goedert zu einem absolut legitimen NFL Starter entwickelt. Er und Ertz bilden das wohl beste TE-Duo der Liga.

Im Backfield gibt es ebenfalls keine große Veränderung. Jordan Howard ist nach Miami gezogen, soll aber weitgehend intern ersetzt werden. Auch wenn Doug Pederson traditionell auf ein Running Back Committee setzt (also viel Rotation), ist Miles Sanders die klare Nummer 1 und hat als letztjähriger Zweitrundenpick die Erwartungen voll erfüllt. Sanders überzeugte als Runner und Receiver. Hinter Sanders duelliert sich Boston Scott mit dem lange verletzten Super Bowl-Helden Corey Clement.

Coaching

Doug Pederson verzichtet in diesem Jahr auf einen Offense Coordinator. Der bei den Fans sehr umstrittene bisherige OC Mike Groh musste seinen Hut nehmen und anstatt einen neuen für diese Position zu bestimmen, übernimmt Pederson diese Rolle selbst. Er lässt sich dabei von einem Team seiner Position Coaches unterstützen. QB-Coach Press Taylor fungiert dabei als Pass Game Coordinator, Offense Line-Coach Jeff Stoutland koordiniert das Run Game. Neben Groh musste jemand anderes ebenfalls die Koffer packen, WR-Coach Carson Walch. Der frühere Colts-Receiver Aaron Moorehead hat diesen Posten übernommen und gibt nach mehreren College-Jahren sein NFL Coaching Debüt.

Defense

Nachdem man mehrere Jahre versuchte, die Cornerback Position mit jungen Talenten zu besetzen, hat man in diesem Sommer umgedacht. Die fehlende Weiterentwicklung von Spielern wie Sidney Jones, Rasul Douglas und Jalen Mills, die immer wieder für kapitale Big Plays ihrer Gegenspieler verantwortlich waren, trieb so manchen Eagles-Fan zur Verzweiflung. Die vor allem durch die Cornerbacks verursachte Regression der Defense, soll nun mit etablierten Spielern gestoppt werden.

Front Seven

Das Herzstück der Defense bleibt die Defensive Line. Erneut hat man hier investiert, um der Line durch viele Rotationsmöglichkeiten die notwendigen Spielpausen zu geben. Innen bringen die Eagles mit Fletcher Cox und Javon Hargrave so viel Klasse, wie kaum ein anderes Team aufs Feld. Hinter den beiden Elite Spielern kehrt der langjährige NFL Starter Malik Jackson von seiner schweren Fußverletzung zurück. Flankiert werden die Tackles von Brandon Graham und Derek Barnett. Die Augen sind hier vor allem auf Letzteren gerichtet. Der 2017er Erstrundenpick hat zwar immer wieder gute Anzeichen gezeigt, aber der große Entwicklungssprung steht noch aus. Die 5th-Year-Option wurde zwar gezogen, dennoch erwartet man noch etwas mehr, zumal Graham nun auch schon 32 ist.

Die Linebacker sind nominell die Schwachstelle der Eagles, aber in Jim Schwartz’ System vergleichsweise weniger bedeutend. Dennoch verlor man mit Nigel Bradham einen erfahrenen Routinier, den man ohne großen Namen ersetzen will. Neben Nate Gerry starten hier wohl der letztjährige Rookie TJ Edwards und der in der vergangenen Saison aus Atlanta gekommene Duke Riley.

Secondary

Wie erwähnt gab es hier große Umbauten, denn keine Position erzeugte derartig große Verzweiflung im Eagles-Anhang. Sei es die Tatsache, dass bei jungen Talenten nahezu keine Weiterentwicklung stattfand oder Ronald Darby als Cornerback-Leader gänzlich versagte. Bei fast jedem 3rd & Long gegnerischer Teams erhob sich die Hand vieler Eagles-Fans um anschließend in eine Facepalm-Geste überzugehen… Darby ist nun weg (Washington), die enttäuschenden Talente vorerst in die zweite Reihe degradiert. Mit Darius Slay und Nickell Robey-Coleman hat man sich zwei erfahrene externe Cornerbacks nach Philadelphia geholt. Vor allem der aus Detroit gekommene Slay stellt ein massives Upgrade gegenüber Darby, Jones oder Douglas dar. Er soll dafür sorgen, dass Freiflug-Festspiele der gegnerischen Offenses ein Ende haben. Neben Slay dürfte Avante Maddox starten. Er riss keine Bäume aus, war aber die positivste Erscheinung unter den CBs.

Diese Upgrades in der Secondary gingen allerdings auf Kosten der Safety-Position. Dort wurde der Vertrag von Malcolm Jenkings nicht verlängert. Hinsichtlich seiner Rolle als Führungsspieler ist das nicht nur sportlich ein sehr großer Verlust. Diese Rolle soll nun voraussichtlich der vom Cornerback umgeschulte Jalen Mills einnehmen. Ausgerechnet jemand, der von Jenkins nicht nur selten den Kopf gewaschen bekam, wenn er durch Fehler auffiel oder unwichtigere Tackles zelebrierte. Spötter sagen, dass sich Mills auf Safety nur verbessern kann. Sollte dem Green Goblin die Umschulung auf den Posten neben dem Veteranen Rodney McLeod misslingen, hat man sich mit Will Parks noch eine solide Absicherung ins Adlernest geholt.

Coaching

Jim Schwartz geht in sein fünftes Jahr als Defense Coordinator. Nachdem die Defense in den vergangenen beiden Jahren, auch wegen allerhand Verletzungen, nur selten die Form des Super Bowl Siegs erreichte, hofft man nun wieder daran anknüpfen zu können. Um dies zu erreichen hat sich der ehemalige Lions Head Coach einen bekannten Namen als Defensive Back Coach ins Team geholt: Marquand Manuel, der zuletzt 2016 und 2017 Defense Coordinator bei den Atlanta Falcons war.

Team Projection

Bedenkt man die recht akute Cap-Problematik der Eagles und die Tatsache, dass viele langjährige Eagles-Stützen auf die 30 zugehen oder sie längst durchbrochen haben, wird das Titelfenster in den kommenden Jahren wohl nicht größer. Auch wenn Howie Roseman ein Magier der Zahlen ist und Verträge immer wieder neu anpassen kann, werden die Eagles in den nächsten Jahren viele ihrer Positionen umbauen müssen. Es hat also ein bisschen was vom „Win Now-Modus“. Sind die Eagles aber dafür bereit? Ja. Qualitativ bringt der Kader als Gesamtes alles mit und muss sich vor keinem anderen Team verstecken. Allerdings müssen dann auch die Fragezeichen in Ausrufezeichen umgewandelt werden, zum Beispiel auch die geradezu absurde Verletzungshistorie, die es nicht erst 2019 gab. Bekommt man bei den angegangenen Problempositionen WR und CB das erwünschte Upgrade und kann die Offenisve Line Top 10-Niveau halten, ist alles möglich.

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