Am runden Tisch: Fünf Thesen zur AFC West

2019 waren die Kansas City Chiefs ohne jede Konkurrenz in ihrer Division. Gibt es 2020 etwas mehr Gegenwehr in der eigenen Division? Wir stellen ein paar Fragen zur Division.

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1) Die Broncos werden in den nächsten Jahren Playoff-Kandidat – ob mit Drew Lock oder ohne.

James Wiebe: Gut möglich. Denver hat in dieser Offseason getan, was alle Teams mit jungen Quarterbacks oder fragwürdigen Startern tun sollten. Gib Drew Lock den bestmöglichen Supporting Cast und nimm ihm somit jede Ausrede. Nach dieser Saison werden sie wissen, was sie in ihm haben. Er oder sein Nachfolger haben mit Waffen wie Jeudy, Sutton oder Fant, sowie Vic Fangios Defense gute Chancen, in der AFC mitzumischen.

Christian Schimmel: Die Broncos sind meiner Meinung nach jetzt schon im erweiterten Kreis der Playoff-Kandidaten. 2020 tut der Absenz von Right Tackle Ja’Wuan James dem Team ausgesprochen weh. Die Offensive Line bleibt für mich ein Fragezeichen. Dennoch ist Denver eines der komplettesten Teams der Liga und könnte ja nach Quarterback 2021 richtig angreifen.

Florian Schmitt: Playoff-Kandidat zu sein, ist jetzt nicht die allerhöchste Hürde. Gehen die Überlegungen dieser Offseason auf, muss man die Broncos aber definitiv kurzfristig zum Kreis der Playoff-Anwärter zählen. Sollte Drew Lock sich dieses Jahr nicht als Franchise-Quarterback herausstellen, findet ein eventueller Nachfolger vermutlich optimale Bedingungen vor. Der Roster gefällt, einzig die Cornerbacks geben Fragen auf.

Maximilian Länge: Mit den neuen Playoffs hat sich der Kandidatenkreis erweitert. Doch der Broncos-Hype hängt mir zu sehr an Drew Lock. Und bei dem ist mir die Sample Size (4-1 gegen schwächere Verteidigungsreihen) zu klein, um Denver in einer sich tendenziell im Aufwärtstrend befindenden AFC West als zukünftigen Playoff-Kandidaten zu bezeichnen. Ja, Lock hat die Waffen bekommen, um eine gute Offensive in Pat Shurmurs Scheme anzuführen. Doch diese Nebendarsteller und selbst eine Defensive im oberen Drittel der Liga allein werden in einer Quarterback-Liga nicht ausreichen, um konstant im Playoff-Rennen mitzumischen.

2) Jon Gruden baut seine Offense nicht für Derek Carr, sondern dessen Nachfolger.

James Wiebe: Wie sonst könnte man sich den Pick von Henry Ruggs erklären? Ja, er ist nicht nur ein Speedster, aber das ist halt schon seine Calling Card und das, worauf sein Spiel basiert. Dieses Profil passt nicht unbedingt zum pathologisch konservativen Derek Carr – das wirft schon Fragen auf. Zudem wirkte Gruden auf mich nie so, als wäre er wirklich zufrieden mit Carr, aber das nur meine subjektive Wahrnehmung.

Christian Schimmel: Ich habe Gruden immer als einen Coach wahrgenommen, der offensiv gerne West-Coast-Elemente als Basis verwendet. Ich denke allerdings nicht, dass er auf einen Stil fixiert ist. Carr spielte eine gute Saison 2019, auch wenn seine Upside nicht ganz so groß ist. Ich denke nicht, dass sich Gruden zwingend schon auf einen Nachfolger eingeschossen hat. Genauso wenig, dass er seine Offense um Carr herum baut.

Florian Schmitt: Gleich noch ein Team aus der AFC West, das seinem Quarterback Waffen ohne Ende zur Verfügung stellt. Was für Lock gilt, gilt für Carr nur umso mehr: “Go big or go home!” Dabei wissen wir aber bereits ziemlich gut, was für ein QB Derek Carr ist. Er bietet einfach nicht den nötigen Upside, um mit Chiefs um Pat Mahomes auch nur ansatzweise zu konkurrieren, daher würde ich die These unterschreiben.

Maximilian Länge: Nur sechs Teams liefen 2019 bei First und Second Down häufiger als die Oakland Raiders. Zunächst einmal baut Jon Gruden seine Offense also wie es scheint fürs Laufspiel (die Effizienz mal außen vor gelassen). Hinzu kommen YAC-Spieler wie Hunter Renfrow und Darren Waller, die einen risikoscheuen Quarterback gut aussehen lassen können. Das erscheint mir auf den ersten Blick nach der Offensive, in der sich Derek Carr wohlfühlt. Das neue Element ist 2020 somit Henry Ruggs III. Ich tue mich schwer, die These anhand eines neuen Spielers, noch dazu eines Rookies, mitzugehen. Auch Jon Gruden kennt Carrs ordentliche Werte als Tiefpasser. Bevor er sich auf die Suche nach dessen Nachfolger begibt, versucht er jetzt noch einmal, seinen Quarterback mit einer neuen Anspielstation in der Tiefe zu stimulieren.

3) Mindestens 2 Teams aus der AFC West draften 2021 einen QB in den ersten beiden Runden.

James Wiebe: Das bezweifle ich. Die beiden offensichtlichen Kandidaten in der AFC West wären hier vermutlich Denver und Oakland, aber gerade bei den Broncos glaube ich nicht an einen weiteren “schnellen” QB-Wechsel. Selbst wenn Lock eine Katastrophe ist, wird John Elway mindestens ein weiteres Jahr an ihm festhalten – er darf sich noch einen Fehlgriff nämlich kaum erlauben. Bei den Raiders sehe ich die Chancen allerdings ziemlich hoch.

Christian Schimmel: Denke ich nicht. Chiefs und Chargers sehe ich nicht. Es sei denn, wir reden von Umständen wie karrierebedrohenden Verletzungen, oder anderweitig Unvorhersehbarem. Bei den Raiders hat Derek Carr mit den Rookies Henry Ruggs III und Bryan Edwards zwei Akteure dazu bekommen, die die Offense früh verbessern können. In Denver hat man das in den letzten Jahren auch gut verstanden, etwas um den jeweiligen Spielmacher aufzubauen.

Florian Schmitt: Captain Obvious hat mir gesteckt, dass die Chiefs dies nicht tun werden. Die Chargers haben gerade erst Justin Herbert in den Top-10 gedraftet, hier glaube ich nicht an einen weiteren Quarterback. Bleiben Broncos und Raiders. Bei den Broncos kann ich mir das sehr gut vorstellen. Gruden habe ich eben noch attestiert, dass er die Offense für Carrs Nachfolger zusammenstellt, also muss ich auch hier mitgehen: Raiders und Broncos wählen einen Quarterback in den ersten beiden Runden des 2021 NFL Drafts.

Maximilian Länge: Kann ich mir nicht vorstellen. Die Kansas City Chiefs sind versorgt. Die Los Angeles Chargers werden es nur ein Jahr, nachdem sie Justin Herbert an sechster Stelle gepickt haben, nicht direkt wieder versuchen. Die Denver Broncos sind Mile High on Drew Lock. Bleiben aus meiner Sicht aktuell bloß die Oakland Raiders mit potenziellem Quarterback-Need – und selbst dort halte ich es für wahrscheinlicher, dass Gruden und Mayock am Ende der Saison mit Carr oder Mariota zufrieden sein werden.

4) Die Chargers stellen eine Top-3 Defense nach DVOA.

James Wiebe: Ich bin geneigt zuzustimmen, weil gerade die Secondary exzellent besetzt ist. Wir dürfen aber auch nicht außer Acht lassen, dass defensive Performances ziemlich instabil sind und die Offense der Chargers ihrer Defense vermutlich wenige Gefallen tun wird. Miese Field Positions kombiniert mit häufigen Rückständen? Keine guten Voraussetzungen für eine Top-3 D.

Christian Schimmel: Als Chargers-Fan durchaus etwas, was ich mir wünschen würde. Ich glaube noch nicht dran. Zu viele Ressourcen hat das Front Office in die Laufverteidigung gesteckt. Die Linebacker kannst du in Pass Coverage attackieren und der neuen Flexibilität von Gus Bradley traue ich trotz aller Ankündigungen noch nicht. Abschließend ist die Frage, wie lange sich der Holdout von Melvin Ingram fortsetzt.

Florian Schmitt: Die Chargers haben das Spielermaterial, um dies zu schaffen. Die Secondary ist vermutlich die beste der ganzen Liga. Das Edge Rusher Duo aus Bosa und Ingram gehört ebenfalls zu den Besseren der NFL. Der Schedule beschert der AFC West Spiele gegen die NFC South, die offensiv vermutlich stärkste Division überhaupt. Das dürfte die Chargers-D etwas in den Rängen nach unten drücken. Top-10 ist für mich ein Lock, Top-5 gut möglich, Top-3 wird schwierig.

Maximilian Länge: Gehe ich bei diesen Grundvoraussetzungen mit. Gus Bradley baute mit Pete Carroll in Seattle bis 2012 an der Legion of Boom (damals noch ohne Pass Rush). Jetzt hat der hervorragende Defensive Coordinator bei den Los Angeles Chargers sogar auf allen drei Ebenen das Talent, eine der besten Gruppen der Liga aufs Feld zu stellen. Die Schwachstelle Laufverteidigung sollte behoben sein. Den Rest erledigt die Secondary.

5) Die Chiefs werden die neuen Patriots.

James Wiebe: Was die Patriots immer so großartig machte, war die Stabilität der Organisation und die ewige Konstanz von Brady und Belichick. Mit dem neuen Dekadenvertrag für Mahomes und der Hoffnung, dass Reid so schnell nicht aufhört, spricht vieles für die Chiefs. Dieses Duo kann extrem viel kaschieren, selbst wenn in einigen Jahren mal der Rest des Rosters nicht so gut aussieht wie im Moment.

Christian Schimmel: Bezogen auf eine neue Dynastie, die zwei wichtigsten Elemente sind da. Ein herausragender Quarterback und ein Head Coach, der sich der Innovation nicht verschließt. Das Duo Reid-Mahomes wird sicherlich in den nächsten Spielzeiten immer ein Kandidat für den Titel sein. Allein, wir haben in den letzten Jahren oft neue Dynastien postuliert und permanent zu gewinnen, ist außergewöhnlich schwierig. Die Chiefs haben die Anlagen, die Frage ist, ob sie auch die Ausdauer und das nötige Glück haben werden.

Florian Schmitt: Die Patriots Dynasty wurde durch drei Elemente geprägt: Einen überragenden Quarterback, den vielleicht besten Head Coach aller Zeiten und cleveres Roster-Management. Die Chiefs haben den vielleicht talentiertesten Quarterback aller Zeiten, einen überragenden Head Coach und ebenfalls ein fähiges Front Office in puncto Roster-Management. Der “weakest link” in dieser Gleichung ist HC Andy Reid, der nicht mehr der Jüngste ist. Abgesehen davon spricht in meinen Augen wenig gegen eine Dynastie der Chiefs.

Maximilian Länge: Spoiler: Sieben Titel, so wie sich Tyreek Hill das wünscht, werden es nicht. Gewiss erfüllen die Chiefs alle Voraussetzungen (langfristig gebundenes Personal, gute Stimmung, Kontinuität bei den Stammspielern, einen jungen Kader), um auf lange Sicht erfolgreich zu bleiben. Doch so war das bei anderen Teams auch schon in der Vergangenheit.

Zwei vielleicht genauso relevante Aspekte sind für mich die Stärke der Division und der Head Coach. In 20 Jahren unter Bill Belichick gewann nur dreimal ein anderes Team die AFC East. Meist ging’s für die Patriots direkt in die Divisional Round – ein großer Vorteil. Dass die insgesamt aufstrebende AFC West es den Chiefs in den kommenden Jahren ähnlich leicht machen wird, bezweifle ich. Dass die Chiefs den Patriots in Sachen Dynastie aber näher kommen werden als jedes andere Team zuvor, halte ich dennoch für möglich. Andy Reid führte Kansas City zuletzt zu vier Division-Titeln in Serie und scheint mit 62 Jahren noch nicht an das Karriereende zu denken. Er ist für mich der ausschlaggebende Faktor, denn er knackte die AFC West in der Vergangenheit auch ohne Patrick Mahomes und Chris Jones. Die Regular Season dominierte Reid als Head Coach oft. Für die Playoffs hat er jetzt seine Unterschiedsspieler Mahomes, Kelce, Jones, Clark, Hill und Hardman.

1 KOMMENTAR

  1. Die roundtables gefallen mir gut, auch wenn ich die Teampreviews aufgrund des Detailgrades bevorzuge, aber ist natürlich schwierig zu vergleichen.

    Vom sidelinerep kommend, aber ein bisschen schade, das es hier bis jetzt kaum Kommentare gibt, bei der Qualität an Content. Aber gut hier dürfte man vermutlich auch eine etwas andere + größere Leserschaft erreichen. Kommentare kommen vielleicht mit der Zeit. Wäre dem Projekt zu wünschen. Hätte für mich mehr Mehrwert als Bewertung mit Sternen.

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