Broncos 2020: Ist Drew Lock ein Franchise-QB?

Der Hypetrain in Denver ist in voller Fahrt. Um die Offseason- und Training-Camp-Videos von Jerry Jeudy und K.J. Hamler kam man kaum herum. Die Frage ist, ob Drew Lock sie auch in Szene setzen kann?

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John Elways Prototyp eines Quarterbacks ist groß, weiß, und hat einen Kanonen-Arm – also quasi John Elway. So mutete es zumindest in der Post-Manning-Ära an. Bisher stellte sich dies als ziemlich erfolglose Strategie heraus. Brock Osweiler, Trevor Siemian, Paxton Lynch, Case Keenum und Joe Flacco durften alle ihr Glück versuchen. Keiner von ihnen wusste zu überzeugen. Das Urteil zu Drew Lock steht noch aus. Dieses soll in der kommenden Saison gefällt werden.

Offense

Einen Fehler, den man vielen General-Managern gerne anlastet, ist, dass man seinem jungen Quarterback nicht die nötigen Waffen auf den Skill-Positionen zur Verfügung stellt. Diesen Vorwurf kann man Elway in keiner Weise machen, denn im Draft konzentrierte man sich so sehr auf die Offensive, dass Aaron Rodgers vor Neid vermutlich seinen Fernseher anschrie.

Skill Positions

Mit zehn Picks ausgestattet investierte man davon ganze sieben in die Offense und vier in Skill-Position-Spieler. In Jerry Jeudy (Runde 1), KJ Hamler (Runde 2) und Tyrie Cleveland (Runde 7) kommen gleich drei neue Wide Receiver nach Denver. Dazu kommt noch Tight End Albert Okwuegbunam in Runde vier. Auf dem Papier verspricht dies, eine hochinteressante Unit zu werden. Courtland Sutton hatte letztes Jahr sein Breakout und wird weiter als X-Receiver spielen. Jeudy gilt als sagenhaft talentierter Route Runner mit unheimlich starker Technik. Er dürfte als Z-Receiver starten. Dazu gesellt sich KJ Hamler im Slot, der mit atemberaubender Geschwindigkeit im College zu beeindrucken wusste.

Auf Tight End – einer Position die für gewöhnlich eine etwas längere Übergangsphase vom College zur NFL braucht – legte Noah Fant eine sehr überzeugende Rookie-Saison hin. Aufgrund seiner Athletik ist er sogar eher als zusätzlicher Receiver, denn als Tight End zu sehen. Ähnliches gilt für Rookie Okwuegbunam, der ebenfalls ein starkes athletisches Profil vorweisen kann.

Trotz aller Vorfreude und allem Potenzial darf man aber nicht vergessen, dass das die Starter auf den Passempfänger-Positionen alle noch unheimlich jung sind. Viele von ihnen haben noch nicht einen einzigen Snap in der NFL gespielt. Dass nicht jeder College-Star auch in der NFL einschlägt, gerät gerade zu Zeiten von Trainingcamp-Videos gerne einmal in Vergessenheit. Es gilt die Devise: Immer langsam mit den jungen Schimmeln!

Die einzige Neuverpflichtung, die nicht so recht in die offenbar neue offensive Philosophie passt, ist Running Back Melvin Gordon. Er kommt von den Chargers und wird Philip Lindsay wohl einige Carries streitig machen. Dabei gab dieser eigentlich kaum Anlass, etwas auf der Position des Running Backs zu tun.

Quarterback

Kommen wir zu dem Mann, für den man diese ganzen neuen Spielzeuge fein säuberlich auswählte: Drew Lock. In der vergangenen Saison übernahm er in Woche 12 von Joe Flacco und Brandon Allen, die beide fürchterlich spielten. Lock führte die Broncos zu vier Siegen in fünf Spielen und bezwang dabei die Chargers, Texans, Lions und Raiders – alles keine hochkarätigen Defenses zu diesem Zeitpunkt. Bei der Niederlage gegen die Chiefs wirkte er vollkommen überfordert und eingeschüchtert und machte sein schlechtestes Spiel.

Aus analytischer Perspektive betrachtet, beendete Lock die Saison in EPA pro Dropback zwischen Philip Rivers und Tom Brady auf Rang 14. Seine Sample-Size ist mit gerade einmal 189 Plays jedoch sehr gering. PFF bewertet ihn mit einem Passing-Grade von gerade einmal 56.9, was Rang 34 unter allen QBs mit mindestens 150 Dropbacks bedeutet.

Brett Kollmann widmete sich vor Kurzem in einer Film-Study dem jungen Broncos-Quarterback und kritisierte vor allem, dass Lock sich von schlechten Plays zu sehr verunsichern lässt und zu konservativ wird. Hierbei führt er vor allem das desaströse Spiel gegen die Chiefs an. Gerade in den ersten Spielen trat Lock mit einer gewissen Sorglosigkeit auf, die in einigen sehr starken Pässen mündete. Diese Leichtigkeit ging ihm während des Chiefs-Games verloren und er wurde zu ängstlich und zögerlich. Ich bin hier eher skeptisch, was die Tauglichkeit als Franchise-Quarterback angeht.

Offensive Line

Die Offensive Line der Broncos in der letzten Saison wusste nach Jahren endlich einmal halbwegs zu überzeugen. PFF attestiert Rang 12 – trotz der Verletzung von Free Agent Neuzugang Ja’Wuan James. Dieser ist zwar wieder fit, wird aber aufgrund der Corona-Krise in der kommenden Saison aussetzen, sodass auf Tackle wieder Garrett Bolles (links) und Elijah Wilkinson (rechts) starten werden. Auf Right Guard wird der von den Lions gekommene Graham Glasgow starten, links Dalton Risner. Center ist Rookie Lloyd Cushenberry III vom National Champion LSU. Außerdem draftete man noch Guard Netane Muti, den die Draft-Community für talentiert befand, der jedoch in drei von vier Jahren bei Fresno State mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Alles in allem darf man wohl erneut eine durchschnittliche Performance der Offensive Line erwarten.

Coaching

In der Offseason verpflichtete man Pat Shurmur als Offensive Coordinator. Dieser kommt als Head Coach aus New York und scheiterte doch krachend. Nach nur 2 Saison musste er wieder gehen. Davor arbeitete er als Offensive Coordinator bei den Vikings und verhalf Case Keenum 2017 zu einem Career Year. In diesem Jahr stellten die Vikings die fünftbeste Offense nach DVOA. Shurmur scheint der richtige Mann, um Drew Lock zu entwickeln.

Defense

Die Defense sollte das Prunkstück vom neuen Head Coach Vic Fangio werden, doch hier blieb man hinter den Ansprüchen zurück. Nur Rang 13 nach DVOA steht zu Buche. Hier erwartet man, dass Fangio im kommenden Jahr mehr aus seinem Team herausholt. Schauen wir auf das Spielermaterial, mit dem das gelingen soll.

Front Seven

Auf dem Papier liest sich die Besetzung der Front Seven hervorragend. Auf den Edge-Positionen sollen Von Miller und Bradley Chubb gegnerische Offensive Tackle das fürchten lehren. Dazu muss Von Miller aber ein Bounce-Back-Year erleben, denn die vergangene Saison war eine zum vergessen. Chubb verletzte sich früh im letzten Jahr und fiel den Rest der Spielzeit aus. Was genau die Broncos an ihm haben, kann wohl keiner so ganz genau sagen. Sein Rookie Jahr war vielversprechend, es bleibt die Frage nach dem nächsten Schritt.

In der Interior Defensive Line ließ man Derek Wolfe nach Baltimore ziehen und sicherte sich als Ersatz Ex-Titan Jurrell Casey zum Spottpreis. Um den Platz neben Casey in Sub-Packages kämpfen Shelby Harris, Dre’Mont Jones und Rookie McTelvin Agim. Dahinter starten Todd Davis und Alexander Johnson. Insbesondere in puncto Coverage gibt es hier Fragezeichen bei Davis.

Secondary

Die Secondary verlor in der Offseason Star-Cornerback Chris Harris Jr. an die Chargers. Zwar ersetzte man ihn, was den Namen angeht, hochkarätig mit AJ Bouye, der jedoch bereits etwas in die Jahre gekommen ist und nicht mehr an die Leistungen aus der überragenden 2017er Saison anknüpfen konnte. Gegenüber wird vermutlich Isaac Yiadom starten. Rookie Michael Ojemudia wird versuchen ihm den Rang abzulaufen, was – sollte er nicht vollkommen busten – schnell passieren sollte. Im Slot verfügen die Broncos über einen der besten seines Fachs: Bryce Callahan. Nachdem dieser die komplette letzte Saison verpasste, sollte er ein klares Upgrade für die Secondary bedeuten.

Man muss hoffen, in Drittrundenpick Ojemudia einen Home-Run gelandet zu haben, sonst könnte es gegen die vielen talentierten Outside-Receiver in der AFC West (Hill, Watkins, Allen, Williams) schnell düster werden.

Der beste Spieler in der Passverteidugung der Broncos ist Free Safety Justin Simmons, der letztes Jahr sein Breakout-Year hatte – wie es sich gehört, pünktlich zum Ende seines Vertrages. Er wird in der kommenden Saison unter dem Franchise Tage spielen. PFF führt ihn für die letzte Saison als #2 Safety der Liga. Sein Counterpart ist Veteran Kareem Jackson. Damit stellen die Broncos eines der besseren Safety-Tandems der NFL.

Coaching

Vic Fangio hat hier weiter die Zügel in der Hand und auf dem Papier das Material für eine Top-10-Defense – wenn da nicht die Outside-Cornerbacks wären. Diese zu kaschieren dürfte schwierig werden. Fangio hat aber bewiesen, immer wieder gute Defenses formen zu können.

Ausblick

Die Saison steht unter dem Motto “Lass uns herausfinden, was wir an Drew Lock haben”. Der Schedule beschert den Broncos die NFC South – und damit drei hochkarätige Offenses – und die AFC East. Von der Defense darf man wohl nicht viel mehr als eine leicht überdurchschnittliche Leistung erwarten. Macht Lock einen Sprung, kann man um Platz zwei in der Division mitspielen und vielleicht sogar die Playoffs erreichen. Macht Lock den Sprung nicht, kann vielleicht sogar ein Top-10-Pick dabei herausspringen. Ich sehe die Broncos zwischen 5-11 und 7-9.

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