Bears 2020: Fragen über Fragen, aber kaum Antworten

Die große Frage, die sich in Chicago stellt, ist jene nach dem Quarterback. Nick Foles geht als Starter in die Saison, aber kann er überhaupt eine zumindest mittelfristige Lösung sein oder steuert Chiago auf einen offensiven Rebuild zu?

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Unglaublich hoch waren die Erwartungen der Bears-Fans vor der letzten Saison. 2018 noch hatte die Defense auf einem astronomisch hohen Niveau gespielt, so dass es das Team bis in die Playoffs trug, wo man vermeintlich unglücklich gegen die Eagles ausschied – doink! In 2019 sollte alles besser werden. Die Defense sollte ähnlich dominant spielen, Trubisky in Jahr 2 unter Head Coach Matt Nagy dessen System noch besser ausfüllen können. Bekanntlich kam es jedoch gänzlich anders. Am Ende verpasste Chicago die Playoffs klar und steht vor einem mehr oder minder großen Scherbenhaufen. Was darf man von den Bears in 2020 erwarten?

Offense

Die Offense ist das Problemkind der Chicago Bears. Nach dem DVOA-Ranking von Football Outsiders rangierte die Bears-Offense auf Rang 25. Auf nahezu allen Positionsgruppen gibt es größere Fragezeichen. Das macht eine Vorhersage äußerst schwierig. Wir wollen es natürlich trotzdem versuchen und schauen auf die einzelnen Positionen und die Fragezeichen dahinter.

Quarterback

Nach der äußerst bescheidenen Spielzeit von Mitch Trubisky war klar, dass die Bears in irgendeiner Form auf QB nachlegen wollen würden. Mangels Draft-Picks wegen des Mack-Trades, entschied man sich, für Nick Foles von den Jaguars zu traden. Während es von offizieller Seite heißt, es sei noch keine Entscheidung gefallen, rechnen alle Experten und Beat Writer mit Foles als Starter.

Doch was genau verspricht uns eigentlich Nick Foles? Sein Abenteuer in Jacksonville kann getrost als Reinfall bezeichnet werden. Verletzung, Comeback, Benching, und nach nur einem Jahr trotz 18,75 Milionen Dollar Dead Cap weggetradet. In 4 Spielen lief Foles als Jaguars QB auf und warf dabei 117 Pässe. Unter 46 Quarterbacks mit mindestens 100 Pass Attempts rangiert Foles auf den Plätzen 40 in EPA pro Dropback, 43 in Success Rate und Rang 12 in Completion Percentage Over Expectation (CPOE). Trubisky übertrumpft ihn dabei gar in EPA/Dropback und Success Rate.

Aus analytischer Perspektive darf man wohl nicht allzu viel von Nick Foles erwarten. Doch was bringt er mit, was den Bears ein Upgrade über Trubisky liefern könnte? Mutmaßlich wollte man im Bears Front Office wohl einfach mehr Konstanz auf der Quarterback-Position. Foles mag untauglich für Scrambles sein, aber als Pocket Passer ist er schlicht weniger Wundertüte als Trubsiky.

Offensive Line

In Charles Leno, Daniel James, Cody Whitehair und Bobby Massie bringen die Bears vier von fünf Startern des Vorjahres mit in die neue Saison, was gerade in Corona-Zeiten durchaus ein Vorteil sein könnte. Neu dabei ist der ehemalige Seahawks First-Round-Pick Germain Ifedi, der wohl auf Right Guard starten dürfte. Während man zwar die Line der letzten Saison zusammenhalten konnte, kann man nicht von allzu viel Qualität sprechen, die man vorweisen kann. Pro Football Focus (PFF) sieht die Line der Bears nur als Nummer 25 der letzten Saison. Das Tackle-Duo ist laut PFF maximal unterdurchschnittlich. Massie belegte Pass Blocking Rang 46 unter allen Tackles mit mindestens 500 Snaps, Charles Leno lag auf Rang 34. Das Guard-Duo aus Ifedi und Whitehair rangierte in den gleichen Regionen. Einzig Center Daniel James sticht hier positiv heraus und beendete die letzte Saison als Center #13 laut PFF.

Skill-Positionen

Das WR-Corps wird angeführt von Allen Robinson II, der zweifelsfrei einer der besseren X-Receiver in der NFL ist und das obwohl er sich schon seine ganze Karriere mit miesen Quarterbacks herumschlagen muss. Hier könnte Foles tatsächlich das Beste sein, was Robinson bisher passiert ist, erinnert man sich an die phänomenale Chemie zwischen Alshon Jeffrey und Nick Foles aus Eagles-Tagen zurück.

Dahinter wird es jedoch sehr schnell sehr düster. Im Slot wird Anthony Miller, Zweitrunden-Pick von 2018, starten. Hier wartet Windy City noch immer auf den Durchbruch. Gelingt dieser, kann Miller eine veritable Waffe im Slot sein, aber es bleiben eben berechtigte Fragezeichen. Gegenüber von Robinson werden die Probleme dann ganz deutlich: ein alternder Ted Ginn Jr, Return-Spezialist Cordarelle Patterson, Sophomore Riley Ridley, Javon Wims und Rookie Darnell Mooney heißen die Optionen. Sollte sich nicht Rookie Mooney als große Überraschung entpuppen, ist in dieser Gruppe keiner dabei, der in der NFL – Stand jetzt- einen Starting-Job innehaben sollte. Einer wird ihn jedoch gewinnen.

Der Tight-End-Raum der Bears platzt aus allen Nähten – wäre eine Bears-Preview ohne einen Joke über die Tight-End-Situation überhaupt eine gute Bears-Preview? Doch allzu viel Qualität kann man dabei nicht vorweisen. Von den Packers kommt Jimmy Graham, der im mittlerweile dritten Team versuchen wird, an seine Leistungen aus Zeiten mit Drew Brees anzuknüpfen. Das Gelingen dieses Unterfangens scheint doch eher fraglich, liegt diese Zeit inzwischen schon über fünf Jahre zurück. Dazu gesellt sich Rookie Cole Kmet, der bei vielen Fans für Stirnrunzeln sorgte, als er in der zweiten Runden des Drafts ausgewählt wurde. Tight End ist jedoch eine der Positionen mit der längsten benötigten Übergangszeit von College zu NFL. Viel erwarten sollte man hier nicht wirklich.

Coaching

Endlich ein Punkt, der Hoffnung gibt? Matt Nagy geht ins dritte Jahr, erlitt jedoch in der abgelaufenen Saison die ein oder andere Delle. Insbesondere nach der Niederlage gegen die Saints, in dem er über das ganze Spiel nur sieben Run Plays callte, musste er ein mediales Inferno über sich ergehen lassen. Im Anschluss daran verschrieb er sich mehr und mehr dem Running Game. Es bleibt zu hoffen, dass er mit einem neuen QB davon wieder Abstand nehmen wird.

Denn Nick Foles ist für den Coaching Staff der Bears kein Unbekannter: Nagy und Foles arbeiteten bereits 2012 bei den Eagles und 2016 bei den Chiefs zusammen. Quarterbacks-Coach John DeFilippo war Teil der Eagles, mit dem Foles den Super Bowl gewann und Offensive Coordinator Bill Lazor kennt Foles aus dessen bester NFL-Saison 2013. Anlaufschwierigkeiten dürfte es eher wenige geben. Dennoch wäre alles andere als eine maximal durchschnittliche Offense eine Überraschung.

Defense

Zwar musste man sich der erwarteten Regression nach der famosen 2018er Saison geschlagen geben. Die Defense der Bears war aber immer noch Top-10 nach DVOA in der abgelaufenen Saison. Dabei spielte man gegen einen der schwierigsten Schedules der ganzen Liga. Von 2018 nach 2019 verschlechterte man sich in puncto Turnover-Bilanz von +12 erwartungsgemäß auf ±0. Aus analytischer Perpektive (Stichwort Regression) ist die Zukunft also völlig offen.

Front Seven

Mit einer Ausnahme können die Bears dieselben Spieler an den Start schicken wie im Vorjahr. Einzig DT Eddie Goldman entschied sich, die Möglichkeit des Opt-Outs wahrzunehmen und setzt die kommende Saison aus. Khalil Mack sollte nach einer für seine Verhältnisse schwachen Saison mit viel Pech was Pressure-to-Sack-Conversion angeht, wieder zur Normalform zurück finden. Auf der anderen Seite ist Ex-Cowboy Robert Quinn neu dabei, den man teuer verpflichtete. Er sollte ein Upgrade über Leonard Floyd sein, den man via Free Agency ziehen ließ. Danny Trevathan und Roquan Smith sind eines der besseren Linebacker-Duos in der NFL. Auch 2020 sollte die Front Seven wieder eine Top-10 Unit in der NFL sein.

Secondary

Die Secondary hat einen kleinen Rebuild hinter sich. Von der unfassbar dominanten Secondary, die 2018 noch als eine der, wenn nicht sogar die beste Secondary der NFL galt, sind lediglich Eddie Jackson und Kyle Fuller übrig geblieben. Auf Cornerback werden sich Artie Burns und Zweitrunden-Pick Jaylon Johnson um den Posten gegenüber von Fuller streiten. Beide sind neu im Scheme, Burns hat mehr Erfahrung und könnte zu Beginn der Saison starten, bis Johnson sich an die NFL gewöhnt hat. Im Slot wird wie im letzten Jahr Buster Skrine starten, dieser wusste dort im letzten Jahr allerdings nur bedingt zu überzeugen und konnte Bryce Callahan nicht im Ansatz ersetzen.

Safety Eddie Jackson ist über jeden Zweifel erhaben und ist einer der besseren Free Safeties, auch wenn er die Form der 2018er Saison nicht halten konnte (Stichwort Interceptions). Daneben kämpfen Deon Bush und Tashaun Gipson darum, die von Ha Ha Clinton-Dix hinterlassene Lücke zu füllen. Bush spielt seit 2016 bei den Bears, konnte sich bis dato aber keinen Starting Gig erspielen. Gipson kommt als Veteran neu hinzu. Keiner von beiden dürfte ein ähnliches Niveau wie Clinton-Dix versprechen. Die Secondary könnte mehr Kopfzerbrechen bereiten als man vielleicht denken mag, sind doch einige Fragezeichen vorhanden. Vom Elite Level vergangener Jahre ist man inzwischen doch weiter entfernt, als man selber glauben möchte.

Coaching

Chuck Pagano geht in sein zweites Jahr als DC der Bears. Bekannt ist er vor allem dafür, Andrew Lucks Karriere in Indianapolis “verschwendet” zu haben. Die Fußstapfen von Fangio waren im letzten Jahr unmöglich zu füllen und das Roster wurde tendenziell eher schwächer als stärker. Es gibt wenig Grund zur Hoffnung, dass Pagano das Talent-Level seiner Secondary, insbesondere der Cornerback-Gruppe, kaschieren kann. Seit 2012 sprangen folgende Platzierungen für seine Defenses nach DVOA heraus: 31, 16, 13, 13, 29, 27, 10, 8. Eine Platzierung im (oberen) Mittelfeld scheint wahrscheinlich.

Ausblick

Vorhersagen für Chicago sind schwierig. Auf beiden Seiten des Balles gibt es größere Fragezeichen, in der Offense gar eine ganze Menge davon. Der Schedule meint es nicht gut mit den Bears. Mit den beiden South Divisions hat man dort nur gegen die Jaguars und Panthers ein Quarterback-Duell auf Augenhöhe, in allen anderen Spielen ist man auf der wichtigsten Position unterlegen. Die Giants und Rams warten aus den anderen beiden NFC-Divisionen. Hier kann man sich Chancen ausrechnen, innerhalb der eigenen Division hat man jedoch den mit Abstand schlechtesten Quarterback und wird kämpfen müssen, die Saison nicht auf Platz 4 zu beenden. Denn dort sehe ich die Bears nämlich. Einen Record rund um 6-10 halte ich für realistisch. Die Buchmacher sind etwas optimistischer, dort liegt die Erwartung bei acht Siegen.

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Florian Schmitt
Passionierter Titans Fan und Lead Blogger der ersten Stunde. Analytics-Nerd und Liebhaber des Passing Games. Fantasy Football Enthusiast und Graphics-Guy.

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