Titans 2020: Alles hängt an Ryan Tannehill

Die Titans kommen aus einer Saison, die kaum einer für möglich gehalten hätte. Nach einem katastrophalen Start inklusive Mariota-Benching in Woche Sechs, drehte man alles auf den Kopf und warf auf dem Weg ins AFC Championship Game die Patriots und die Ravens um MVP Lamar Jackson aus den Playoffs.

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Der Katalysator jener Leistungsexplosion war unbestritten Quarterback Ryan Tannehill. Folgerichtig statteten die Titans ihren Spielmacher in der Offseason mit einem neuen Vertrag aus. Wo sonst immer danach verlangt wird, die Spieler zu bezahlen, wenn sie performen, gab es auch einige kritische Stimmen rund um die alles entscheidende Frage: Kann Ryan Tannehill an die Leistungen der abgelaufenen Saison anknüpfen?

Offense

Ryan Tannehill kam aus dem nichts und war plötzlich einer der besten QBs der abgelaufenen Saison. PFF führt in gar als den Quarterback mit dem besten Overall Grade der vergangenen Saison und zeichnete ihn obendrein noch als “PFF Comeback Player of the Year aus”. AJ Brown und Derrick Henry liefen so richtig heiß, als Tannehill das Kommando under Center übernommen hatte, was AJ Brown einen Rookie-of-the-Year-Snub und Henry die Rushing-Krone bescherte.

Quarterback

Die Frage aller Fragen ist also die nach der zukünftigen Performance von Ryan Tannehill. Nach sieben durchschnittlichen, bis katastrophalen Jahren in Miami, trumpfte der Spielmachen groß auf. Bester Yards-pro-Play-Action-Pass-Wert, höchstes PFF Grade, drittbester EPA/Dropback-Wert, zweitbester Quarterback in puncto Completion Percentage over Expectation. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Tannehill streitet sich was die letzte Saison angeht mit Russell Wilson um den dritten Platz auf dem QB-Treppchen hinter Patrick Mahomes und Lamar Jackson.

Dabei profitierte er enorm von den Umständen in Tennessee: Eine zum Ende grandiose Offensive Line, ein Play-Caller, der sein Stärken akzentuiert und ein starkes Receiving Corps. Dass Tannehill vermutlich nicht an diese Leistungen anknüpfen können wird, drängt sich gerade dann auf, wenn man seine bisherige Karriere betrachtet. Die Frage nach seiner neuen “Titans-Baseline” kann niemand so genau beantworten außer er selbst. Ich für meinen Teil glaube, – und da blicke ich mit Sicherheit ein Stück weit durch die Fanbrille – dass diese neue Baseline gar nicht so viel tiefer liegt als das, was wir in der letzten Saison gesehen haben.

Offensive Line

Die Offensive Line ist die einzige Positionsgruppe in der Offense, bei denen sich etwas auf den Starterpositionen verändert. Right Tackle Jack Conklin blockt in Zukunft für Baker Mayfield und Nick Chubb bei Browns. Ersetzt wird er zunächst vom letztjährigen Swing-Tackle Dennis Kelly. Sobald First-Round-Pick Isaiah Wilson die Offense gelernt hat – Stichwort Corona-Offseason – dürfte dieser übernehmen. Damit darf die rechte Seite getrost als potenzielle Schwachstelle eingeschätzt werden, denn Right Guard Nate Davis war alles andere als zuverlässig in seinem ersten Jahr.

In der Mitte ist Center Ben Jones einer der Besseren seines Faches und die linke Seite ist über jeden Zweifel erhaben. Left Guard Rodger Saffold zählt nach schwachem Start ebenso wie Left Tackle Taylor Lewan zu den Besten auf ihrer Position. Nicht umsonst war dies die Schokoladenseite der Titans Offensive Line.

Supporting Cast

AJ Brown lieferte eine fantastische Rookie Saison ab. Bereits unter Mariota deutete er sein Talent an, unter Tannehill explodierte er regelrecht. Knapp über 20 Yards pro Passfang sind gut genug für Rang zwei unter allen Receivern mit mindestens 50 Targets. Seine größte Stärke ist aber seine Fähigkeit nach dem Catch. Wie absurd gut AJ Brown mit dem Ball in der Hand war, verdeutlicht folgende Grafik von Twitter-User Sebastian. Das einzige Problem aus Titans Sicht? Die geringe Anzahl seiner Targets.

Das Chart bringt uns auch gleich zum möglicherweise am meisten unterschätzen Spieler in der Titans Offense: Tight End Jonnu Smith. In Abwesenheit von Delanie Walker trumpfte Smith groß auf, auch wenn es auch hier gilt, ihn mehr zu nutzen. Insbesondere nach dem Catch hat Smith seine Stärken.

Dazu gesellen sich Corey Davis als Wideout, dem eine Rolle als Nummer-Zwei-Receiver besser liegen dürfte und Adam Humphries im Slot. Humphries ist ein starker Slot Receiver, hatte jedoch letztes Jahr mit Verletzungen zu kämpfen. In Topform dürfte er beliebtes Ziel bei 3rd-Downs werden.

Und dann ist da ja noch jemand: Derrick “El Tractorcito” Henry. Zweifelsohne eine grandiose letzte Saison und mit Sicherheit aufgrund seiner Physis ein einzigartiger Back in der Liga. Wer mich jedoch kennt, weiß welche Bedeutung ich der Position des Running Backs beimesse – Stichwort “Establish the Run”. Im Passing Game jedoch arg limitiert. Dort soll Rookie Darrynton Evans die Dion-Lewis-Rolle der letzten Saison füllen und es kann eigentlich nur besser werden.

Coaching

Arthur Smith – übrigens Sohn von FedEx Gründer Frederick W. Smith – geht in sein zweites Jahr als Offensive Coordinator in Nashville. Es dauerte etwas, bis er “sein” System gefunden hatte, danach konnte er jedoch eine hochpotente Offense coachen. Die Basis bildet dabei das Run Game und ein sehr Play-Action-lastiges Passspiel. Dieser Ansatz funktioniert mit dem Titans-Personal hervorragend. Probleme könnten durch den Fokus auf das Laufspiel aber dann auftreten, wenn man einer Führung hinterherlaufen muss.

Defense

In der Defense hat sich einiges getan. Mehrere Starting-Spots sind vakant und auch der Defensive-Coordinator-Posten ist ebenso neu besetzt wie auch so mancher Position Coach. Aber der Reihe nach. Nach DVOA belegte man den 16ten Rang in der abgelaufenen Saison. Nach EPA/Dropback beendete man die Saison auf Rang neun – zugegeben gegen einen ziemlich einfachen Schedule.

Front Seven

Die Front Seven, genauer gesagt: der Pass Rush, ist ein noch größeres Fragezeichen als Ryan Tannehill. Jurrell Casey und Cameron Wake sind weg, die Titans werden mit Harold Landry, DaQuan Jones, Jefferey Simmons und vermutlich Vic Beasley in der Line starten. Landry hat großes Talent, muss aber den nächsten Schritt machen. Für Simmons gilt das Gleiche. Jones ist ein durchschnittlicher Pass Rusher, aber so richtig haarig wird es auf der zweiten Edge-Rusher-Position. Beasley galt als Favorit, erschien dann aber erst mit 10 Tagen Verspätung zum Camp und landete gleich auf der PUP-Liste. Damit rücken Derick Roberson und D’Andre Walker näher an die Starter-Rolle heran.

Die Depth besteht aus vielen eher unbekannten Namen und Rookie Larrell Murchinson. Das seit Monaten kolportierte Interesse der Titans an Edge Rusher Jadeveon Clowney könnte also eine Make-or-Break-Entscheidung für die Titans-Front-Seven sein, denn ohne ihn ist die Personaldecke unglaublich dünn gestrickt.

Dahinter starten die Titans mit Rashaan Evans und Jayon Brown auf den Linebacker Positionen. Evans war im letzten Jahr eine Katastrophe in Coverage, gegen den Run jedoch eine absolute Waffe. Brown ist in meinen Augen einer der besten jungen LB: Vielseitig, schnell, stark in Coverage.

Secondary

Die Secondary wird angeführt von Free Safety Kevin Byard, einem der besten Safeties der Liga. PFF führt ihn gar als viertbesten Safety seit 2017. Sein Partner auf Safety ist mit Kevin Vaccaro ein durchschnittlicher NFL Spieler. Hier könnte Amani Hooker, der letztes Jahr in limitierten Snaps zu überzeugen wusste, auf Chancen lauern.

Der Cornerback-Room beginnt bei Adoree’ Jackson. Wie so manch anderer Titans-Spieler ist auch er ein ziemlich unterschätzter Spieler. Es fehlen zwar die Interceptions, aber in puncto Coverage Fähigkeiten muss Jackson sich nicht vor der anderen Cornerbacks, die in den letzten Jahren in die Liga kamen (Marlon Humphrey, Marshon Lattimore, Tre’Davious White, Jaire Alexander), verstecken.

Ebenfalls starten wird Malcolm Butler. Zeitweise eine echte Schwachstelle, fing er sich in seiner zweiten Saison in Nashville und wurde konstanter. Um den letzten Starting-Spot streiten sich Rookie Kristian Fulton, Veteran Jonathan Joseph und Safety Amani Hooker, der ins zweite Jahr geht. Der Sieger dieses Dreikampfes muss dabei aber nicht notwendigerweise im Slot starten. Hier ist ebenso Jackson eine Option.

In jedem Fall dürfte dies ein Upgrade über Slot-Corner Logan Ryan sein. Dieser war, was die Passverteidigung betrifft, der schlechteste Slot-Defender der Liga, vertuschte dies aber erfolgreich durch gelegentliche Big Plays wie Interceptions und Fumbles.

PFF sieht in der Titans Secondary eine Top-10-Unit und das würde ich unterschreiben. Schlägt Rookie Fulton voll ein, kann man sogar Richtung Top 5 schielen.

Coaching

Eine komplette Wild Card. Defense-Guru Dean Peas hat sich in Rente verabschiedet. Defensive-Backs-Coach Kerry Coombs zog es zurück an seine Alma Mater Ohio State und wurde von Anthony Midget ersetzt, der zuvor selbige Rolle bei den Texans inne hatte. Mike Vrabel verzichtete darauf, einen neuen Defense-Coordinator zu benennen, und wird in Zukunft selbst die Plays callen. Dies tat er zuletzt von 2017 bis 2018 bei den Texans. Nach DVOA belegten seine Defenses die Plätze 23 und neun.

Team Projection

Wie viele Teams können die Titans hinter sich lassen? Die Jags scheinen klar, bei den anderen beiden Teams wird es deutlich enger. Anders als mein Kollege Fabian glaube ich nicht an Colts-QB Philip Rivers und sehe deshalb die Titans vorne. Die Texans haben den besten Quarterback der Division, allerdings keine Defense, sodass ich den Titans mit dem ausgewogensten Kader hier den Vorteil geben würde. Die AFC South dürfte in jedem Fall eine enge Angelegenheit werden.

Am Ende steht und fällt aber alles mit Ryan Tannehill. Ohne ihren Quarterback in Topform waren die Titans miserabel, mit ihm plötzlich eine High-Scoring-Offense. Ähnliches dürfte für 2020 gelten.

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Florian Schmitt
Passionierter Titans Fan und Lead Blogger der ersten Stunde. Analytics-Nerd und Liebhaber des Passing Games. Fantasy Football Enthusiast und Graphics-Guy.

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