Jets 2020: Kein Playoff-Football für Doug

Die New York Jets stehen mit Sam Darnold und Adam Gase vor einer äußerst schwierigen Saison. Können sie nach langer Zeit wieder ein Playoff-Ticket lösen?

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Lesezeit: 7 Minuten

Mark Sanchez snappt den Ball aus der Shotgun und wirft einen Fade in die linke Ecke der End Zone. Wide Receiver Santonio Holmes pflückt das Ei herunter: 20:11 für die Jets in Foxboro. Das, liebe Freunde, war der letzte Touchdown-Pass eines Quarterbacks der New York Jets in den Playoffs. Dieser Pass liegt nun sage und schreibe 3.490 Tage zurück. Neun Jahre am Stück durfte Gang Green keine Playoff-Luft mehr schnuppern. Damals stand Head Coach Rex Ryan an der Seitenlinie, heute ist es Adam Gase. Statt Sanchez hat nun Sam Darnold im dritten Jahr under center die Zügel in der Hand. Nachdem gestern die Miami Dolphins vorgestellt wurden, beschäftigen wir uns heute mit der Fragestellung, ob “King of Queens”-Star Doug Heffernan im nächsten Januar endlich mal wieder vor dem großen TV-Bildschirm in seiner Garage die AFC-Playoffs mit New Yorker Beteiligung verfolgen darf.

Rückblick

Ende Dezember stand für die Jets ein Record von 7-9 zu Buche, doch niemand kann diese sieben Siege so recht erklären. Die Pythagoreische Siegeserwartung lag nur bei 5.6. Ein Argument war der famos leichte Schedule. Denn beendet wurde die Saison zwar mit sechs Siegen aus acht Partien, doch die Gegner lesen sich alles andere als gewaltig. Vier Teams hielten im darauffolgenden Draft einen Top-6 Pick (Bengals, Redskins, Dolphins, Giants). Die Steelers samt Duck Hodges under center wurden mit Ach und Krach bezwungen. Und bei den Bills standen in Woche 17 lediglich die Backups auf dem Feld. Eine Klatsche gab es gegen die Ravens. Der eindrucksvollste Sieg war noch jener gegen die Las Vegas Raiders. Auch ein schlechtes Team kann 6 aus 8 Spielen gewinnen, wenn es hauptsächlich gegen noch schlechtere Teams antritt.

Die Gasesche Offense war über weite Strecken grauenvoll und beendete die Spielzeit auf dem letzten Rang in Pass DVOA. Die Zahlen im Passing Game hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit besser ausgesehen, wenn Sam Darnold nicht bei den Niederlagen gegen die Browns, Patriots und Eagles mit Pfeifferschen Drüsenfieber gefehlt hätte. Die Krankheit wird gerne als eine von mehreren Ausreden für seine bisherige Entwicklung vorgeschoben – ergibt allerdings wenig Sinn, da er unmittelbar im ersten Spiel danach eine ziemlich gute Leistung beim 24:22-Sieg gegen die Dallas Cowboys zeigte. Hat die Krankheit ihm also drei Wochen später noch zu schaffen gemacht, kurz danach aber nicht?

Quo vadis, Sam Darnold?

Der Großteil der Jets-Fans weigert sich, auch nur über die Möglichkeit nachzudenken, dass Sam Darnold doch nicht der Heilsbringer der Franchise ist. Bislang fehlt uns allerdings die Evidenz, dass er es tatsächlich ist – oder noch wird. Ausnahmen bestätigen die Regel, jedoch wissen wir nach zwei Saisons mit einem netten Sample Size in der Regel, ob ein Quarterback gut ist oder nicht.

In den letzten 20 Jahren kamen 71 Quarterbacks in den ersten beiden Saisons auf mehr als 500 Plays. Die Top-16 mit mindestens 0.10 EPA/dropback habe ich hier einmal aufgelistet. Wir erkennen ein sehr deutliches Muster mit wenigen Wackelkandidaten. Niemand betrachtet Nick Foles als Franchise-QB, doch immerhin hat es während seines Peaks für einen Ring gereicht. Die Karriere von Robert Griffin III wurde durch eine Knieverletzung mehr oder weniger früh beendet. Marcus Mariota und Jameis Winston sind in der sechsten Saison bei einem anderen Team. Hier ist es bezeichnend, dass sie in ihren ersten beiden Saisons deutlich besser waren als Darnold. Peyton Manning sollte in dieser Liste eigentlich nicht auftauchen, da ich keine Daten zu seiner Rookie-Saison habe. Aufgrund seines beachtlichen Leaps in Jahr 2 habe ich ihn hier zwecks Vergleich zu Darnold aber drin gelassen.

Abb 1: EPA/Dropback für alle Quarterbacks mit mehr als 500 Plays in den ersten beiden Jahren (außer Peyton Manning) seit 1999

Sam Darnold steht von den 71 QBs auf Rang 42 in EPA/Dropback. Die einzigen Spieler hinter ihm, die hinten raus eine “gute” Karriere hingelegt haben sind Derek Carr, Matthew Stafford und Alex Smith. Ich behaupte einfach mal, dass nur wenige Jets-Fans sich einen Carr oder Smith für die Zukunft wünschen. In seinen ersten beiden Saisons kam Darnold auf magere -0.02 EPA/Dropback. Zum Vergleich: Mark Sanchez war mit -0.01 nach zwei Saisons sogar besser. In 2019 lag Darnold mit 0.00 EPA/Dropback von 35 Quarterbacks mit mehr als 200 Plays auf Rank 29. Peyton Manning kam in Jahr 2 auf herausragende 0.21 EPA/Dropback.

Immer wieder blitzt auf dem Tape sein Talent auf, aber das reicht nicht. Weder die auf exzessivem Tape-Schauen basierenden Passing Grades von Pro Football Focus, noch nützliche Effizienz-Metriken geben Hoffnung. Sam Darnold ist im letzten Drittel der Quarterbacks einzuordnen. Coaching-Wechsel, Adam Gase, eine schlechte Offensive Line und dünn besetzte Receiving Corps sind sicherlich ein Teil der Gleichung. Aber wenn er wirklich gut wäre, hätte er bisher mehr gezeigt. Bei einer weiteren unterdurchschnittlichen Saison sollten Fans der New York Jets langsam aber sicher über Namen wie Justin Fields oder Trevor Lawrence nachdenken.

Offensive Line

Die Offensive Line war in 2019 ein großes Problem und eine der schlechtesten der Liga. Folgerichtig hat General Manager Joe Douglas diese Unit adressiert. Mit Mekhi Becton startet auf Left Tackle demnächst ein gigantischer Athlet, der das Run Game nach vorne bringen wird. In puncto Pass Protection wurden ihm aber von nahezu sämtlichen Analysten Probleme nachgesagt. Mit Alex Lewis sowie Neuzugang Connor McGovern starten auf Left Guard und Center zwei bestenfalls durchschnittliche Akteure. McGovern hat nach bloß einer Center-Saison noch ein höheres Ceiling.

Right Guard Greg Van Roten – ebenfalls neu – hat nach acht Jahren in der Liga nur eine volle Saison nachzuweisen – die Gründe kann man sich denken. Auf Right Tackle werden Chuma Edoga (Drittrunden-Draft-Pick in 2019) und Neuzugang George Fant um die am schlechtesten besetzte Position entlang der Line kämpfen. Eine Verbesserung ist auf dem Papier durchaus zu erkennen. Viel besser als Rang 22-26 würde ich diese Unit aber nicht einordnen. Und dann stellt sich die Frage, ob das für Sam Darnold solch einen großen Unterschied macht – denn er hat eine Allergie gegen Druck.

Skill Positions und Coaching

Eine andere Priorität war diese Off-Season die Receiving-Gruppe. Getan wurde nicht viel. Deep Threat Breshad Perriman kam von den Bucs, kann nach vier Jahren bereits drei Teamwechsel, aber dafür wenig gute Leistungen vorzeigen. Rookie Denzel Mims galt im Draft als Steal, allerdings brauchen Spieler auf dieser Position in der Regel Zeit. Auch wurde ihm vor dem Draft ein limitierter Route-Tree vorausgesagt. Slot-Receiver Jamison Crowder ist eine sichere Bank. Auf Tight End kommt Chris Herndon zurück, der vergangene Saison wegen Sperren und Verletzungen kaum gespielt hat. Wenn er an seine hervorragenden Rookie-Saison in 2018 anknüpfen kann, wäre das ein großer Gewinn. Insgesamt reden wir dazu mit Leuten wie RB Le’Veon Bell und TE Ryan Griffin aber über eins der harmlosesten Waffen-Arsenale der NFL.

Und dann wäre da noch Adam Gase, der in den vergangen Jahren nachweislich aus seinem verfügbaren Personal nicht mehr rausholen konnte, als erwartet wurde. Mit seinen unkreativen, vorhersagbaren und ineffizienten Runs – oftmals in Situationen, in denen man eher nicht laufen sollte – tat er seiner Offense in 2019 selten einen Gefallen. Bei dem Gedanken, dass die Jets den 37-jährigen RB Frank Gore verpflichtet haben, sollte Jets-Fans der Atem stocken.

Front Seven

Die Defense der Jets war in der letzten Saison herausragend gegen den Run, doch war beim fünft-einfachsten Schedule (nach DVOA) nur auf Rang 18 gegen den Pass. Der Ausblick für 2020 sieht nach dem Abgang von Jamal Adams gen Seattle nicht rosig aus. Defensive Coordinator Gregg Williams ist ein typischer Boom-or-Bust-Coach. Er callt eine sehr aggressive Defense, was gegen den Pass gerne mal nach hinten losgehen kann.

Seit gut einem Jahrzehnt suchen die New Yorker nach einem standesgemäßen Pass-Rusher, schon wieder steht keiner im Team. Jungs wie Jordan Jenkins, Jordan Willis, Tarell Basham oder Rookie Jabari Zuniga sollen für Druck über die Flanken sorgen. Mit Adams ist jetzt auch der beste Pass-Rusher weg. Viel Pressure wurde über das Scheme und Blitze mit Adams kreiert. Die Interior Line ist mit Spielern wie Quinnen Williams, Steve McLendon und Folorunso Fatukasi solide besetzt, aber mehr auch nicht.

Mit dem Opt Out von CJ Mosley baut Gang Green auf Blake Cashman, der sich letztes Jahr als Rookie ganz gut angestellt hat, Patrick Onwuasor und Avery Williamson. Letzterer wurde einst mit einem üppigen Vertrag ausgestattet, kann aber nicht den Pass verteidigen.

Secondary

Das Schweizer Taschenmesser namens Safety Jamal Adams ist nicht mehr da. Adams ist einer der besten Verteidiger der Liga, dessen Verlust den Jets sportlich sehr weh tun wird. Adams war der beste Pass Rusher, verteidigt bärenstark gegen den Pass und macht einige Schlüsselplays gegen den Lauf. Auch wenn die New York Jets mit Marcus Maye, Bradley McDougald (kam für Adams) und Rookie Ashtyn Davis auf Safety noch einigermaßen gut aufgestellt sind – einen Adams kann man kaum ersetzen.

Bei der Cornerback-Gruppe herrscht mehr Ungewissheit als bei der Erdbeben-Prognose. Ich bin ein großer Fan von der Methode Joe Douglas’ – viele Darts auf diese wichtige Positionsgruppe zu werfen. Ohne etablierten Starter ist die Spanne der möglichen Resultate aber sehr hoch. Von katastrophal schlecht bis hin zu überdurchschnittlich. Für Letzteres muss aber viel passieren. Slot-Cornerback Brian Poole hat in 2019 gut gespielt, hatte aber im Slot auch Jamal Adams neben sich. Außen tummeln sich Pierre Desir, Arthur Maulet, Quincy Wilson und Rookie Bryce Hall nach Verletzung um die Starterplätze. Alles eher etwas Halbes anstatt was Ganzes. Im besten Fall spielt Poole ohne Adams wie letztes Jahr, Hall lässt in seiner ersten Saison bereits den ehemaligen First-Round-Buzz aufblitzen und einer der anderen spielt halbwegs solide. Im schlechtesten Fall suchen die Jets im nächsten Jahr drei neue Starter für die Dime-Pakete.

Team Projection für die New York Jets

Es fällt sehr schwer, für die Offense der Jets Top-20-Werte zu prognostizieren. Sam Darnold hat bisher nicht viel gezeigt, ist aber in diesem Jahr alles andere als mit großartigem Talent umrundet. Die Defense könnte auch ohne Adams wieder halbwegs gut gegen den Lauf sein, doch das ist nahezu irrelevant, wenn man den Pass nicht verteidigen kann. Die Realität ist, dass die Jets personell einfach nicht gut aufgestellt sind. Dazu werden sie von einem sehr fragwürdigen Coach angeführt.

Der Schedule liest sich im Gegensatz zum letzten Jahr brutal. Alleine in den ersten neun Wochen warten mit den Bills (2x), Niners, Colts, Cardinals, Chiefs und den Patriots mindestens sieben bessere QB-Coaching-Kombos auf die Jets. Zur Bye-Week im November könnte das Kapitel Adam Gase in New York bereits Geschichte sein. Doug Heffernan wird wohl oder übel auf eine New Yorker Playoff-Teilnahme verzichten müssen. Die Franchise schnuppert in 2020 eher am ersten Pick im nächsten Draft als an einem Playoff-Ticket. Einen positiven Aspekt hat das Ganze: Joe Douglas hat das Team mit vier First-Round-Picks in eine exzellente Lage gebracht, um nächstes Jahr einen neuen Quarterback und einen neuen Coach à la Eric Bieniemy an Land zu ziehen.

1 KOMMENTAR

  1. Danke für die durchaus ausführliche Saisonvorschau!
    Super informativ und dennoch locker geschrieben, hat Spaß gemacht zu lesen!

    Ich verfolge die Jets nur sehr am Rande, hatte dennoch immer gewisse Hoffnungen in Darnold. Mittlerweile muss man glaube ich aber wirklich davon ausgehen, dass er wohl nicht die langfristige Lösung sein wird..

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