Colts 2020: Eine Hommage an Philip Rivers

Die Stärken der Colts liegen bei den Elementen, die tendenziell besser zu prognostizieren sind. Das sind etwa die Leistung des Quarterbacks, das Coaching, die Offensive Line und der Pass Rush.

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Am 24. August des letzten Jahres nahm der weich gebettete Weg der Indianapolis Colts in die rosige Zukunft eine prompte Wendung. Franchise-Quarterback Andrew Luck zollte seiner Verletzungshistorie Tribut und hing das Hufeisen an den Nagel. Aus seiner Sicht vollkommen nachvollziehbar. Allerdings mussten sich Colts-Fans erstmal auf eine weitere Saison mit Jacoby Brisett am Hinterteil von Center Ryan Kelly gefasst machen. Mit limitiertem Passing Game und einigen verletzten Wide Receivern reichte es am Ende nur für einen Record von 7-9. Dabei verkaufte sich Indy leicht unter Wert – es hätte nach Zahlen auch ein 8-8 sein dürfen. Nach Start mit 5-2 duftete die Saison erst einmal nach Playoffs, doch zwei knappe Niederlagen gegen die Steelers und Dolphins mit Backup Brian Hoyer under center leiteten eine Kehrtwende ein.

Der Kontext zählt

Brisett konnte die Erwartungen nicht übertreffen. Head Coach Frank Reich tat alles, was in seiner Macht stand. Doch es reichte am Ende der Saison nur für Rank 24 in Pass DVOA. Im Januar war sich das Front Office bei Aufarbeitung der Saison einig: ein neuer Quarterback muss her. Cam Newton, Jameis Winston, Andy Dalton und Nick Foles – einige Kandidaten gab der Markt her. Doch Frank Reich und General Manager Chris Ballard entschieden sich für einen Signal-Caller, der mehr Kinder hat, als er vergangene Saison Interceptions im vierten Viertel geworfen hat. Und das soll was heißen.

Philip Rivers ist der neue Mann in Indy. Die 20 Interceptions aus der letzten Saison mit den Chargers täuschen über all die guten Leistungen der letzten Jahre hinweg. Wir brauchen Kontext: Diese Picks haben nur drei Prozent all seiner Würfe ausgemacht. Neun Interceptions kamen im letzten Viertel, davon acht bei Rückstand und sechs innerhalb der letzten zwei Minuten bei Rückstand. Neun Interceptions kamen auf 3rd oder 4th Down, zwölf bei tiefen Pässen. Das Game Script war selten auf seiner Seite – Los Angeles brachte Rivers mit stupiden, ineffizienten Melvin-Gordon-Läufen hinter einer grauenvollen Offensive Line andauernd in die Bredouille. Mit mehr Führungen im Rücken hätte Rivers viele dieser riskanten Bälle am Ende der Spiele überhaupt nicht werfen müssen. Dass er nicht mehr den begnadetsten Arm für tiefe Pässe hat, sollte den meisten auch klar sein.

Philip Rivers – Underrated

Hier sind mal ein paar Fakten zu Philip Rivers: trotz einer katastrophalen Offensive Line (nicht nur letztes Jahr) stand die Offense der Chargers auf Rang 9 in Pass DVOA und 12 in EPA pro Dropback. Vor allem im Expected-Points-Modell werden Interceptions je nach Situation ganz gut gewichtet. Über die letzten drei Saisons steht Rivers unter 31 Quarterbacks mit mindestens 1000 Plays auf Rang 4 in EPA pro Play, Rank 4 in Success Rate (EPA > 0) und auf Rang 8 in Completion Percentage Over Expectation (CPOE). Und das alles trotz der erwähnten, richtig schlechten Offensive Lines. Wenn man aber nur die 20 Interceptions im Hinterkopf hat, mag man das kaum glauben.

Drew Brees ist 41 Jahre alt, Brady 43. Niemand bemängelt bei den beiden die Armstärke oder den Abbau ihrer Leistung. Über Rivers reden die Medien anders. Sein Arm ist nicht der Beste, aber den wird er in 2020 auch nicht so sehr brauchen. Seine Stärke ist in der mittleren Distanz, dort war auch Luck unter Reich in 2018 sehr stark. Auf Pässen zwischen 10 und 20 Yards hat Rivers letztes Jahr für 0.61 EPA pro Pass geworfen. Das war Platz 9 in der Liga, direkt hinter Deshaun Watson und vor Lamar Jackson. Mental ist Rivers natürlich (immer noch) auf einem ganz hohen Level. Was er vor dem Snap an Audibles und Protection-Calls macht, ist gigantisch. Die Colts haben einen fantastischen Quarterback verpflichtet. Werden wir die 2018er- oder die 2019er-Version von Rivers sehen? Wahrscheinlich irgendwas dazwischen. Das sollte trotzdem für eine Top-10 Offense reichen.

Offensives Coaching

Frank Reich ist für mich schon jetzt einer der besten Coaches der Liga. Er hat in den beiden Jahren eine Tendenz gezeigt, gegnerische Schwachstellen zu attackieren. Er versteht, dass man über den Pass eine Führung herausspielt, diese dann über den Boden verwaltet. Mit Jacoby Brissett ist er lauflastiger geworden, was man im Nachhinein aber auf die schwache Pass-Offense zurückführen sollte. Er wollte einfach versuchen, wenig falsch zu machen. Mit Luck hat er bei frühen Downs in 2018 die fünft meisten Pässe spielen lassen.

“Wir wollen den Ball laufen, das ist kein Geheimnis. Das hält die gegnerische Offense vom Feld. Das wäre toll. Aber am Ende ist das primäre Ziel immer, Punkte zu machen.”

Frank Reich, Colts-Coach

Reich hat Rivers schon von 2013 bis 2015 bei den Chargers gecoacht, OC Nick Sirianni war von 2013 bis 2017 Coach bei den Chargers. Ein familiäres Umfeld und ein Scheme, das Rivers bereits kennt.

Offensive Line

Indy bringt alle fünf Starter zurück, was in solch einer außergewöhnlichen Off-Season eine große Rolle spielen kann. Letzte Saison belegte diese Gruppe Rang 13 im Pass-Blocking-Grade von Pro Football Focus, Rang 2 im Run-Blocking. Von links nach rechts werden Anthony Castonzo, Quenton Nelson, Ryan Kelly, Mark Glowinski und Braden Smith starten. Die “schwache” Seite ist rechts mit Glowinski und Smith. Das sollte man während der Saison im Hinterkopf behalten, wenn die Colts auf einen starken Pass Rush von dieser Seite treffen (Hallo, JJ Watt). Für Philip Rivers wird das allerdings ein Quantensprung sein. So eine gute Line hat er sehr lange nicht mehr gehabt. Auch können wir uns bei bleibender Gesundheit darauf gefasst machen, dass Indy wieder eines der besten Run Games hat. Wenn auf 1st Down gelaufen wird, hat Rivers durchschnittlich leichteres Spiel als in Los Angeles.

Skill Positions

Hier könnte es etwas rosiger aussehen. WR TY Hilton ist – erst einmal – wieder gesund und wird Rivers’ Anspielstation Nummer eins sein. Dahinter tummelt sich Parris Campbell, der in seinem Rookiejahr viel verletzt war. Er passt gut zu Rivers, denn seine Brot-und-Butter-Routen sind Crosser – die Lieblingsroute von Rivers. Rookie Michael Pittmann ist ein brachial gebauter Receiver, der primär außen zum Zug kommen wird und Rivers mit einem größeren Catch-Radius helfen soll. Inwiefern er in der Corona-Saison Sprünge nach vorne macht, bleibt abzuwarten. Dahinter wird es dünn. Mit Jack Doyle hat Rivers immerhin eine sichere Bank über die kurze Mitte. Neuzugang Trey Burton hatte unter Frank Reich in 2017 seine Breakout-Saison. Eventuell werden wir zu Beginn der Saison viel 12-Personnel sehen. Mit Marlon Mack und Rookie Jonathan Taylor ist die RB-Position sehr gut besetzt.

YouTube: Best of Philip Rivers

Front Seven

Die Defensive Line sollte überdurchschnittlich sein. Mit Justin Houston hat man auf der einen Seite zwar einen älteren aber immer noch verdammt guten Edge-Rusher, der letztes Jahr total unter dem Radar geflogen ist. Auf der anderen Seite konnte Kemoko Turay sein Talent bisher nur spärlich aufblitzen lassen. Die Mitte ist mit Superstar-Neuzugang DeForest Buckner und Denico Autry gut besetzt. Dazu kommt der hervorragende Linebacker Darius Leonard dahinter immer sehr gerne mit Blitzen durch. Leonard war in seinen ersten zwei Jahren auch exzellent in Coverage. Bobby Okereke hatte auch eine ganz solide Rookie-Saison. Auch Anthony Walker ist nicht zu unterschätzen. Die Front Seven wird in 2020 definitiv kein Problem für die Colts sein – gegen schwache Offensive Lines gibt es richtig gute Matchups.

Secondary

Das Spiel der Secondary ist sehr wichtig, aber auch volatil und sehr stark von der gegnerischen Offense abhängig. Für das angesetzte Schedule kann das während der Regular Season allemal ausreichen. Doch auf dem Papier ist die Unit alles andere als hochklassig besetzt. Xavier Rhodes war in jüngster Vergangenheit einer der schlechtesten Cornerbacks der Liga. Der Begriff “Rhodes open” kam nicht von ungefähr. Rock Ya-Sin hat eine dürftige erste Saison hinter sich, Marvell Tell hat sich via Opt-Out bereits für dieses Jahr verabschiedet. Bleiben noch Kenny Moore und TJ Carrie für den Slot – hier würde ich Moore den Vorzug geben. Wenn Rhodes einigermaßen zu alter Form zurückfindet und Ya-Sin einen großen Sprung macht, kann das was werden. Das ist aber der Best-Case.

Auf Free Safety träumt Malik Hooker immer noch von einem Scheme, was seinen Stärken entspricht, muss aber weiterhin bei der höchsten Cover-2-Rate der Liga die falsche Position spielen. Er ist ein klassischer “Centerfielder”. Auf Strong Safety werden womöglich die sehr jungen Khari Willis und Rookie Julian Blackmon zum Zug kommen – oder auch Veteran Tavon Wilson. Während der Saison wird man es bei dem leichten Schedule noch nicht so merken, aber die Secondary ist definitiv nicht für die Playoffs und starke Passing-Offenses gemacht.

Defensives Coaching

Ich sehe Matt Eberflus sehr kritisch. Mit Malik Hooker hat er einen Safety, der mit großer Range die tiefe Mitte in Single-High (Cover-1 oder Cover-3) beackern kann, dennoch lässt er fast ausschließlich Cover-2 spielen. Die Defense spielt sehr konservativ und möchte die Offense vor sich halten. Ich plädiere dafür, die Defense um Hooker herumzubauen und viel mehr zu blitzen.

Team Projection

Die Indianapolis Colts sehe ich als klare Favoriten in der AFC South. Mit Philip Rivers und Frank Reich haben sie das beste QB-Coaching-Duo und dank des dritten Platzes letztes Jahr auch das leichteste prognostizierte Schedule der Liga. Es würde mich nicht wundern, wenn bis zur Bye-Week ein 6-0 herausspringt. Die Stärken der Colts liegen bei den Elementen, die tendenziell besser zu prognostizieren sind. Das sind etwa die Leistung des Quarterbacks, das Coaching, die Offensive Line und der Pass Rush. Mit Rivers und Reich sollte eine Top-10-Offense auf dem Platz stehen, die Spiele diktieren und auf dem Boden zu Ende laufen kann. In der zweiten Saisonhälfte wird Indy von einigen besseren Gegnern öfter auf die Probe gestellt – vor allem die Secondary. Trotzdem riecht und schmeckt alles nach einem Playoff-Einzug mit Heimvorteil in der Wild-Card-Runde.

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